Der italienische Trad-Profi Pietro Vidi hat sich die erste Wiederholung von „Drifter’s Escape“ (9a+, 5.15a) gesichert. Am 13. Oktober gelang ihm Connor Hersons Trad-Route am Stawamus Chief in Squamish. Sie gilt als eine der schwersten Risslinien der Welt.
Zwei Risse hoch über Squamish
Der amerikanische Trad-Profi Connor Herson investierte zwei Saisons in die freie Begehung der beeindruckenden Risslinie am Stawamus Chief. Er verfeinerte Sequenzen, testete Placements und arbeitete sich durch den Pogo-Move der Crux, wie Lacrux im Februar berichtete.
Herson nannte die Route damals seine bislang schwierigste Erstbegehung, mit einigen der besten Züge, die er je über selbst gelegten Sicherungen probiert habe. Bestätigt sich sein Vorschlag von 9a+, ist „Drifter’s Escape“ die schwerste ausschließlich mobil abgesicherte Route der Welt. Herson selbst stellte die Zahl in einem Statement hinten an: Wenn er in einem, fünf oder zehn Jahren auf diesen Moment zurückblicke, werde der Grad keine entscheidende Rolle spielen.
Den Chief immer im Blick
Für Vidi wurde die Route zur Obsession. „Die Linie ist absolut wunderschön“, sagt er in der Pressemitteilung, und schwärmt von „einigen der krassesten Griffe überhaupt“. In 15 Sessions arbeitete der Italiener sich durch die Wand. „Der Prozess war ziemlich hart. Ich habe schon lange nicht mehr so viele Sessions in ein Projekt gesteckt, und wie immer war ich total besessen davon. Diesmal hat es mich besonders vereinnahmt. Es fühlte sich an, als würde mich Drifters Escape aus jedem Winkel der Stadt beobachten. Wohin ich auch ging, sah ich den Chief und diese geschwungene weiße Platte, die zurückstarrte“, erklärt Vidi in der Pressemeldung. Trotz seiner Erfahrung an harten Bouldern, Trad-Routen und Bigwalls beschreibt der 23-jährige die Kletterei als ungewöhnlich fordernd. Die Sequenzen verlangen extreme Genauigkeit, feine Fußarbeit und lockeres Klettern an unsicheren Griffen.
Die Route ist extrem komplex und technisch, so habe ich das noch nie erlebt. Du musst jeden einzelnen Finger an den Crux-Pinches und in den Rissen wahnsinnig präzise platzieren und lernen, die Zehen in diese dünnen Pods zu klemmen. Typisch Squamish: Einfach nur fest ziehen funktioniert nicht. Du musst den Körper schweben lassen.
Pietro Vidi

No-hands-Rest und weniger Gear
Nach einigen Sessions fügten sich die unsicheren Züge zusammen. Entscheidend waren zwei Funde: ein No-hands-Rest in der Mitte der Route und eine andere Beta für den oberen Teil. „Danach war die Motivation wieder voll da“, sagt Vidi. Dazu kam eine bewusste Abweichung von Hersons Taktik. Vidi legte weniger Sicherungen als der Erstbegeher, das spart zwar Kraft, erhöht aber den Druck im Vorstieg.
Ich habe mich entschieden, weniger Gear als Connor zu legen, um Energie zu sparen. Dadurch wurde der erste Teil effizienter, aber auch ziemlich gruselig – was zu einigen ziemlich wackeligen Vorstiegsversuchen geführt hat.
Pietro Vidi
Schon am zweiten Tag mit Versuchen vom Boden hielt Vidi überraschend den letzten schweren Zug. Direkt danach rutschte er kurz vor dem Top ab. Ab diesem Moment ging es weniger um die Züge als um Geduld: „Von da an baute sich der Druck auf. Ich war mir sehr sicher, dass ich es bald schaffen würde, aber dann begann ein Kampf gegen die Bedingungen und gegen meinen eigenen Kopf.“ Zwei weitere Male fiel er am letzten Zug, dann passte alles. „Endlich fand ich den perfekten Flow und mir gelang der mantle über das letzte Band“, so Vidi.
Pietro Vidi zwischen Trad, Boulder und Bigwall
Der 23-jährige Italiener gilt als einer der vielseitigsten Kletterer seiner Generation. Auf seiner Liste stehen unter anderem Jacopo Larchers „Tribe“ in Italien sowie „Meltdown“ (8c+) und „Magic Line“ (8c+) im Yosemite. 2025 gelang ihm außerdem die zweite freie Begehung von „Lurking Fear“ (8a+) am El Capitan.
Die beiden Yosemite-Routen verbinden ihn mit Herson, der „Meltdown“ und „Magic Line“ ebenfalls frei geklettert hat. Ob Vidi den Gradvorschlag für „Drifter’s Escape“ bestätigt, ist noch offen.
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