Die Polin Aleksandra „Ola“ Taistra ist am 3. Mai seilfrei durch die 200 Meter lange Mehrseillängen-Route „Alfredo Alfredo“ am Monte Oddeu auf Sardinien gestiegen. Nach Schwierigkeitsgrad zählt die Begehung zu den härtesten bekannten Free Solos einer Frau. Von Ranglisten hält die Kletterin allerdings wenig.
Sechs Seillängen ohne Seil
Der Monte Oddeu liegt oberhalb von Dorgali an der Ostküste Sardiniens, unweit von Cala Gonone. Über seine Ostwand zieht „Alfredo Alfredo“: sechs Seillängen, rund 200 Meter Kalk, technische Risse und Verschneidungen, dazwischen kurze überhängende Passagen. Die Schlüsselstelle ist mit 7a bewertet, obligatorisch bleibt die vollständig gebohrte Route bei 6a. Erstbegangen haben sie die Sarden Corrado Pibiri und Fabio Erriu, frei geklettert wurde sie erstmals von Roberto Vigiani.

Taistra verband die sechs Längen zu einem einzigen Durchstieg und kletterte sie ohne Seil. Vier bis maximal fünf Stunden habe sie gebraucht. Im Rucksack: Wasser, ein Gel und eine Powerbank. Letztere, weil sie beim Free Solo Musik hört: ruhige Tracks zum Runterkommen, härtere, wenn sie einen Schub braucht. Begleitet wurde sie von ihrer engen Freundin Aneta Starzyńska, die filmte und fotografierte.
Der Knackpunkt lag nicht in der 7a
Tatsächlich war es nicht die Crux, an der Taistra lange knobeln musste, sondern die zweite Seillänge mit 6c+ – ein schöner, aber flacher Riss, der für sie jedes Mal ein Fragezeichen blieb. Beim ersten Einsteigen in diesem Jahr kam sie sogar zum Schluss, ein Solo dieser Linie sei keine gute Idee.
Also legte sie „Alfredo Alfredo“ beiseite und ging spontan die Nachbarroute „La Nostra Svizzera“ (6c, 240 m) an, ebenfalls free solo. Der Umweg zahlte sich aus: Danach war plötzlich auch die zweite Länge kein Problem mehr für die 44-jährige. Es blieb also nur noch das Warten auf kühlere Bedingungen. Die Wand steht bis 15 Uhr in der Sonne, ab etwa 18.30 Uhr wurde es meist feucht. Ein enges Fenster, das sie austarieren musste.
Vorbereitet hat sie sich mit zahlreichen Toprope-Solo-Sessions, parallel dazu mit einer Reihe deutlich leichterer Free Solos. Diese „Step-Backs“ hätten ihr vor allem mental geholfen, man verbeiße sich so nicht in ein einziges Ziel, so Taistra.

Wo die Begehung historisch steht
Die Liste bemerkenswerter Free Solos von Frauen ist kurz. Catherine Destivelle soloierte 1987 in Mali eine Linie mit Stellen bis 7b – allerdings in einer Traverse rund zehn Meter über dem Boden. Steph Davis ist für „Pervertical Sanctuary“ (6b+/6c) am Diamond und „Coyne Crack“ (7a) im Indian Creek bekannt. Und Brette Harrington durchstieg 2017 „Chiaro di Luna“ (6c, ca. 750 m) an der Aguja Saint-Exupéry in Patagonien.
Rein nach Grad wäre „Alfredo Alfredo“ das zweit- oder dritthärteste bekannte Free Solo einer Frau. Taistra selbst wehrt sich gegen solche Einordnungen: Jede seilfreie Begehung sei außerordentlich fordernd, ein Wettbewerb darum unangebracht. Was Harrington in „echten“ Bergen gemacht habe, sei mit sardischem Kalk ohnehin nicht vergleichbar.
Alexandra Taistra im Gespräch mit Lacrux
Lacrux: Alexandra, warum kletterst du überhaupt free solo?
Alexandra: Ich habe vor ein paar Jahren angefangen, ein paar heikle Mehrseillängen-Routen auf Sardinien zu klettern, und dabei gemerkt, dass ich mit großen Runouts Probleme hatte. Auf manchen dieser Routen, etwa im Grad S4, darfst du schlicht nicht fallen – auch nicht mit Seil. Um mich in den leichteren Passagen solcher Touren entspannter zu fühlen, habe ich beschlossen, mit Free Solo zu üben. Der zweite Grund: Ich war wirklich neugierig, wie es sich anfühlt, hoch über dem Boden zu sein, ohne Seil, ohne Angst und mit voller Kontrolle.
Ich habe früher zu viel Zeit in meinem Kopf verbracht, ständig analysiert und alles hinterfragt. Aber beim Free Solo klettere ich einfach. Ich mache den nächsten Zug. Jeder Gedanke ist völlig auf den gegenwärtigen Moment gerichtet, ein Zug nach dem anderen. Am Anfang war Free Solo für mich reines Training für fordernde Mehrseillängen-Routen. Inzwischen ist es ein eigenes Projekt geworden, was überhaupt nicht heißt, dass ich nicht auch an harten Linien arbeite, für die ich ein Seil brauche.
Ich glaube, ich weiß am besten, ob ich etwas kann oder nicht.
Alexandra Taistra
Jemand aus deinem Kletterumfeld hat dir gesagt, die Linie sei unmöglich free solo zu klettern, du sollst es lassen. Wie gehst du mit solchen Urteilen um? Und habt ihr seit der Begehung nochmal gesprochen?
Um was ich meine Kletterpartner ausdrücklich bitte: Sie sollen mich darauf hinweisen, wenn sie brüchiges Gelände oder rutschige Tritte bemerken – oder wenn sie sehen, dass ich anfange zu hetzen. Aber ich akzeptiere es nicht, wenn jemand sagt: „Das geht nicht! Du bist zu klein, zu schwach.“
Dass es auf einer Route „Lotterie“-Stellen gibt, heißt nur, dass man sie durch Training und Vorbereitung durchaus in Nicht-Lotterie-Stellen verwandeln kann. Außerdem kann niemand in meinen Kopf schauen – warum sollte also jemand anders eine Entscheidung treffen, die mir gehört? Ich glaube, ich weiß am besten, ob ich etwas kann oder nicht. Und wenn mir jemand seine Negativität oder seinen Stress überstülpt, ist das nicht mein Problem, sondern seins. Andererseits: Wenn ich viel Zeit mit solchen Leuten verbringen würde, würde mich das mental sicher schwächer machen.
Ich glaube, der Typ, der damals mit mir geklettert ist, konnte als Mann mit viel alpiner Erfahrung und einem Ego durch die Decke einfach nicht akzeptieren, dass eine Frau aus dem polnischen Kattowitz zu etwas fähig ist, was er sich selbst nie trauen würde. Und leider höre ich diese Art von Sprüchen fast nur von Männern in der Szene: „Warum? Wozu?“ – obwohl sie selbst früher soloiert sind oder es immer noch tun, nur eben auf einem ganz anderen Niveau. Es geht mir dabei nicht um Selbstsucht oder ein großes Ego. Es geht darum zu spüren, wozu ich fähig bin, und meine Grenzen zu setzen.
Es geht mir dabei nicht um Selbstsucht oder ein großes Ego. Es geht darum zu spüren, wozu ich fähig bin, und meine Grenzen zu setzen.
Alexandra Taistra
Du rätst anderen ausdrücklich vom Free Solo ab, lässt deine Begehungen aber filmen und veröffentlichen. Warum warnst du vor einem Sport, der offensichtlich deine Leidenschaft ist?
Ich kenne mich selbst gut und halte mich beim Free Solo für sehr verantwortungsbewusst. Ich tue außerdem alles, um die objektiven Risiken zu minimieren und die potenzielle Gefahr so gering wie möglich zu halten, wenn ich Routen auswähle. Auf der einen Seite behandle ich es also als Herausforderung und zeige es in den Medien. Auf der anderen Seite will ich laut sagen, wie viel Vorbereitung dahintersteckt. Es ist nicht für jeden, und ich lade niemanden dazu ein.
Ich bereite mich unglaublich gut vor. 26 Jahre Klettern, das Training bei Profi-Trainer Marvin Winkler, Stunden in der Wand, um die Route im Toprope oder im Seilsolo zu üben, und das Warten auf die besten Bedingungen – das macht einen großen Unterschied. All das steht hinter den Fotos und meinen Filmen. Das heißt, ich nehme es unglaublich ernst. Ich habe mich außerdem entschieden, mich im Free Solo weiter zu verbessern, aber nur auf Routen und in Graden, in denen ich mich vollkommen wohlfühle.
In einer Welt, in der Grade viel Bedeutung beigemessen wird, sagst du, Free Solos ließen sich nicht gegeneinander messen und eine Rangliste sei unangebracht. Warum?
Natürlich treiben einen Grade und die Ernsthaftigkeit einer Route an, im Sport wie auch beim Mehrseillängen-Klettern. Ob es uns gefällt oder nicht, wir landen in einer bestimmten Form von Wettbewerb mit anderen. Ein gesunder Wettbewerb.
In meinem Free-Solo-Klettern gibt es so etwas wie Wettbewerb oder einen Vergleich meiner Begehungen mit denen anderer nicht. Tatsächlich finde ich es fast peinlich, wenn mich jemand fragt: „Bist du die Erste?“ Ich denke mir dann: Ich bin die Einzige, die sie geklettert ist, und das war’s. Diese Erzählung klingt für mich schöner. Und um es klar zu sagen: Free Solo ist für mich eine Herausforderung, bei der ganz andere Gefühle und Motivationen auftauchen als im sportlichen Wettkampf.
„Tu es einfach nicht“
Taistra klettert seit 2000, lange als reine Sportkletterin. 2018 nahm sie ein Alpinist nach Sardinien mit und zeigte ihr das Mehrseillängenklettern – seither lebt sie auf der Insel und arbeitet als Kletterlehrerin, Trainerin und Physiotherapeutin. Free Solo begann als Kopftraining für weit abgesicherte Routen und wurde mehr und mehr zu ihrer Leidenschaft. Auf Sardinien ist sie unter anderem „Happy End“ (6c, 290 m), „Happiness“ (6c, 320 m) und „Atlantide“ (6a+, 400 m, onsight) seilfrei geklettert.
Zur Nachahmung empfiehlt sie das ausdrücklich nicht. Wer etwas derart Extremes angehe, solle zweimal überlegen, was es ins eigene Leben bringe. Ihr Rat am Ende fällt noch deutlicher aus: „einfach nicht tun“.
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Credits: Titelbild: Aneta Starzyńska

