In den abgelegenen Gipfeln im Süden Patagoniens haben drei Frauen eine neue alpine Route erschlossen. Angelina di Prinzio, Paloma Farkas und Catalina Unwin eröffneten eine 900 Meter lange Linie an der bisher unbegangenen Westwand des Cerro Steffen (3.300 m).
Sincronía (900 m / WI4 / M4 / 60°) am Cerro Steffen
Vor einem Jahr begannen die drei Frauen von diesem Projekt zu träumen, erzählt uns Angelina di Prinzio. Sie tauschten sich über ein Stipendium aus und sahen das als perfekte Gelegenheit, eine rein weibliche Expedition zu starten. Keine von ihnen war bis dato jemals mit den anderen beiden auf Expedition gewesen – genau das hielten sie anfänglich auch für ihre größte Herausforderung. Sobald sie aber mit der Planung begannen, „fügte sich alles auf ganz natürliche Weise zusammen“, berichtet Angelina.

Gemeinsam wollten sie ihre langjährige Erfahrung als Bergsteigerinnen, ihre Ausbildung und ihre Leidenschaft in dieses Abenteuer einbringen – und zwar allein unter Frauen, in einer wilden und abgelegenen Umgebung. Die Planung starteten sie virtuell aus drei verschiedenen Ländern: Argentinien, Chile und den USA. Weil es nur wenige Informationen über den Cerro Steffen gab, stützten sie sich auf einige alte Fotos und auf den Bericht der Erstbesteigung von 1965, um mögliche Routen zu finden.
Eine Begehung mit nur wenigen Fotos und ein paar Referenzen zu planen, ist ein wunderschöner Wahnsinn.
Angelina di Prinzio




Synchronizität, die
Die größten Herausforderungen dieser Expedition waren das Wetter, die heikle Überquerung des Gletschersees Lago O’Higgins und die Unsicherheit, ob ihre geplante Linie machbar sein würde. Patagonien ist bekannt für sein extrem unvorhersehbares Klima, das auch schnell umschlagen kann. Bis zum allerletzten Moment bestimmte diese Wetterunsicherheit ihre Strategie. Von der Auswahl der Ausrüstung, über die Menge an Verpflegung, bis hin zur kompletten Logistik. »Glücklicherweise hat sich ein achttägiges Wetterfenster aufgetan – etwas total Ungewöhnliches in Patagonien«, so di Prinzio.
Wir mussten uns dem Prozess hingeben und auf unsere Fähigkeiten und unser technisches Niveau vertrauen, um alles zu bewältigen, was uns beim Klettern begegnete.
Angelina di Prinzio
Für die Überquerung des Gletschersees mussten die Frauen auf perfekte Bedingungen warten. Private Boote in so abgelegenen Regionen der Anden sind unfassbar teuer. Das einzige öffentliche Schiff der chilenischen Regierung legt nur alle 15 Tage ab – und nur bei wirklich perfekten Bedingungen.
Einmal auf dem Eisfeld angekommen, warteten die Kletterinnen am Fuße der 1000-Meter hohen Wand geduldig auf ihr Wetterfenster. Als sich endlich die Gelegenheit bot, zögerten sie nicht und begannen ihr Unterfangen. Sie kletterten die steile, eisige Linie und erreichten nach einem langen Tag an der Wand den Gipfel. Das Team beschreibt ihre Begehung als einen Moment tiefen Zusammenhalts und gemeinsamer Zielstrebigkeit – Sincronía, also zu deutsch »Synchronizität«.
Synchronizität, die
Substantiv, feminin
»Gleichzeitigkeit, zeitliches Zusammentreffen von psychischen und physischen Vorgängen, das kausal nicht erklärbar ist«

Im Gespräch mit Angelina di Prinzio
Lacrux: Was kommt dir als erstes in den Sinn, wenn du an die Expedition denkst?
Angelina: In einer gemischten Seillänge, die ich vorgestiegen bin, habe ich ein Gefühl der völligen Verbundenheit mit meinem Körper und dem Berg verspürt. Jede Bewegung hat mich so glücklich gemacht und mein Geist ist ganz zur Ruhe gekommen, obwohl ich nicht wusste was als nächstes kommen würde. Ich akzeptierte das einfach. Ich habe dieses Gefühl nicht zu wissen, wie sich die nächsten Seillängen entwickeln würden, so genossen und einfach darauf vertraut, dass ich eine Lösung finden würde. Es waren drei Seillängen, in denen ich mich in dieser völligen Präsenz und Verbundenheit befunden habe und das war wirklich wunderschön.
Lacrux: Ist es etwas anderes in einer reinen Frauen-Seilschaft zu klettern?
Angelina: Wir glauben, dass Klettern unter Frauen eine andere Erfahrung ist. Es ist nicht besser oder schlechter als in gemischten Gruppen – nur anders. Es herrscht ein stärkeres Gefühl der Parität. Zum Beispiel hatten wir alle drei das Gefühl, dass wir unser Potenzial auf eine authentischere und ungezwungene Weise ausschöpfen konnten. Wir hatten nicht das Bedürfnis, vorzusteigen, nur um etwas zu beweisen. Wir haben alles aus purer Motivation, Freude und einem Gefühl der vollen Hingabe getan.
Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass es in der Bergwelt nur sehr wenig weibliche Vorbilder gibt. Die sieht man auch nur selten in Aktion. Wenn man also sieht, wie eine Freundin eine wirklich schwierige Linie vorsteigt oder ihren super schweren Rucksack über unwegsames Gelände trägt, ist das sehr inspirierend und gibt einem die Kraft, es ihr gleichzutun.

Lacrux: Was waren die größten Herausforderungen für euch bei der Expedition?
Angelina: Neben der Überquerung des Gletschersees und dem Wetter war es die Unsicherheit hinsichtlich der von uns angedachten Route. Wir hatten ein sehr gutes, hochauflösendes Foto der Westwand, aber als wir am Fuß der Wand ankamen, ragte diese 900 Meter hohe Wand vor uns auf und es war fast unmöglich, über die ersten 300 Meter hinaus zu sehen. Wir mussten uns dem Prozess hingeben und auf unsere Fähigkeiten und unser technisches Niveau vertrauen, um alles zu bewältigen, was uns beim Klettern begegnete.

Fakten über die Linie
- Cerro Steffen, 3.300m, Südliches Eisfeld
- Alpinstil
- Zweite Begehung des Cerro Steffen
- Erste Linie in der Westwand
- 900 m / WI4 / M4 / 60°
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Credits: Alle Bilder: Angelina di Prinzio

