Der Schweizer Alpinist Silvan Schüpbach ist immer wieder an den »vergessenen Nordwänden« der Alpen unterwegs. An der Nordwestwand des Klein Fiescherhorn eröffnete er jetzt mit Olivier Kolly und Filippo Sala eine 1.100 Meter lange Mixed-Route.
Neue Linie durch die Nordwestwand des »Ochs«
Die Nordwestwand des Klein Fiescherhorn – genannt »Ochs« – gehört zu den letzten großen, nahezu unberührten Wänden der Berner Alpen. Die rund 1.100 Meter hohe Wand ist von Grindelwald aus gut sichtbar. »Aus der Ferne wirkt sie fast einladend«, sagt Silvan Schüpbach. Der Schweizer Alpinist sucht für sein Langzeitprojekt »The Six Forgotten North Faces« immer wieder schwere Alpen-Nordwände.
Die Nordwestwand bleibt ein Ort mit viel Raum für neue Ideen.
Silvan Schüpbach
Wer jedoch genauer hinschaut, erkennt im oberen Teil der Nordwestwand des »Ochs« steilen, oft brüchigen Fels und eine wilde Struktur ohne offensichtliche Linien. Nur eine einzige Route gibt es bisher in der Wand: eine Linie von Mäusy Lüthi und Hermann Steuri aus dem Jahr 1935, die erst 1981 zum ersten Mal im Winter wiederholt wurde (durch Michael Boos & Patrick Hilber).
Gemeinsam mit Olivier Kolly, Filippo Sala und Jonas Schild setzte sich Schüpbach ein Ziel: genau hier eine zweite Route zu etablieren.

Erster Versuch endete für Jonas Schild im Krankenhaus
Reibungslos lief der Start in das Projekt allerdings nicht. Beim ersten Anlauf wurde Jonas Schild von einem Stein getroffen und erlitt eine Hirnerschütterung. Der Geograf und Bergführer seilte sich daraufhin noch aus eigener Kraft gemeinsam mit seinen drei Begleitern nach Grindelwald ab.
Die Wand hat uns unmissverständlich klar gemacht, dass sie ernst genommen werden will.
Silvan Schüpbach
»Jonas ist hart im Nehmen«, sagt Silvan Schüpbach über den 34-jährigen Schild, der neben dem Alpinismus auch im Sport- und Tradklettern aktiv ist. »Gleichzeitig hat uns die Wand unmissverständlich klar gemacht, dass sie ernst genommen werden will.« Am 8. März starteten Schüpbach, Sala und Kolly einen zweiten Anlauf. Dieses Mal sollte er sie zum Gipfel führen.
Erstbegehung von »Zébu« (M8/+)
Bericht von Silvan Schüpbach
Am Morgen des 8. März starteten wir – Silvan Schüpbach, Filippo Sala und Olivier Kolly – bei der Bahnstation Eismeer. Mit Ski traversierten wir unter die gewaltige Nordwestwand, bis zum Wandfuss, wo wir das Skidepot einrichteten. Der untere Wandteil präsentierte sich überraschend angenehm: steiles Eis, meist um die 60° bis 70°, das uns zügig Höhe gewinnen liess.
Die Linie ergab sich beinahe von selbst, immer zwischen Eisrinnen und verschneiten Felsstufen hindurch. Etwa auf halber Wandhöhe erreichten wir den Hängegletscher, dessen Bergschrund uns einen perfekten Biwakplatz bot. Geschützt und erstaunlich komfortabel verbrachten wir dort die Nacht – direkt unter dem gewaltigen Bollwerk der Gipfelwand.

Der harte Weg zum Gipfel
Am nächsten Tag standen wir vor dem entscheidenden Abschnitt: rund 400 Meter nahezu senkrechter bis überhängender Fels. Von unten wirkte die Wand düster und abweisend – und je näher wir kamen, desto deutlicher zeigte sich die Komplexität der Wand: Kompakte, überhängende Zonen boten (zu) grosse Herausforderungen. Einzig eine diagonal nach links verlaufende Rampe schien uns kletterbar, wenn auch sehr brüchig.
Olivier war für die Führung durch die zwei schwierigsten Seillängen nicht zu beneiden. Mit beeindruckender Ruhe arbeitete er sich über eine kompakte Platte (mit Steigeisen) und durch Überhänge, die aus zusammengefrorenen Blöcken bestanden.
Jeder Zug verlangte volle Konzentration. Jeder Griff musste geprüft werden.
Silvan Schüpbach

Mit fortschreitender Höhe verschlechterte sich das Wetter zusehends. Der Wind nahm zu, und Biwakplätze waren im steilen oberen Wandteil kaum vorhanden. Deshalb entschieden wir uns gegen einen direkten Ausstieg zum Gipfel. Stattdessen querten wir im obersten Wandbereich nach rechts aus der Wand und erreichten schliesslich den Grat – etwa 40 Meter unterhalb des Gipfels des Klein Fiescherhorn.
Rückkehr nach Grindelwald
Der Wind nahm weiter zu, während wir über die Südseite abstiegen. Erst um Mitternacht fanden wir in einem Bergschrund einen brauchbaren Biwakplatz. Nach einer kurzen Nacht stiegen wir am Morgen des 10. März zum Gipfel auf. Anschließend seilten wir die gesamte Wand an improvisierten Standplätzen ab – eine lange und konzentrierte Abseilfahrt durch die riesige Nordwestwand.
Am Wandfuss warteten unsere Ski. Die Abfahrt zurück nach Grindelwald fühlte sich nach den intensiven Tagen fast surreal an. Müde, aber zufrieden erreichten wir wieder die Zivilisation. Die Nordwestwand des Klein Fiescherhorns hat uns einmal mehr gezeigt, wie viel Abenteuer auch heute noch in den Alpen möglich ist – besonders an Orten, die zwar gut sichtbar sind, aber nur selten betreten werden.
Vielleicht ist genau das das Faszinierendste an dieser Wand: Trotz ihrer imposanten Präsenz bietet sie noch immer Raum für neue Linien.
Silvan Schüpbach



Fünfte Alpen-Nordwand für Silvan Schüpbach
Für Silvan Schüpbach ist die Erstbegehung von »Zébu« (M8/+, 1.100 m) die fünfte Alpen-Nordwand in seiner Reihe »The Six Forgotten North Faces«. Es ist außerdem das vierte Mal, dass er für sein Langzeitprojekt mit Filippo Sala unterwegs war – und das zweite Mal mit Olivier Kolly.
2025 hatte Schüpbach zunächst eine neue Nordroute am Nesthorn (3.820 m) etabliert. Danach beging er als erster die Nordwand des Punta Pioda (3.237 m) und kletterte eine Variation durch die Zentralwand des Aiguille de Triolet (3.870 m) im Mont Blanc-Massiv. Zuletzt hatte der 43-Jährige die Mixed-Route »Le clin d’œil« am Dent Blanche (4.357 m) im Kanton Valais eröffnet – ebenfalls im Trio mit Kolly und Sala.
Und der Routenname »Zébu«? Eine Doppelbedeutung, wie Schüpbach erklärt: »Ein Zebu ist für uns ein Ochse mit einer Beule. Der Ochse steht für den Berg und die Beule für Jonas‘ Verletzung – schade, dass er beim zweiten Versuch nicht dabei sein konnte.«

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Credits Titelbild: Silvan Schüpbach

