Der 33-jährige Italiener sichert sich im Tessin zwei der legendärsten 8C-Boulder überhaupt – sowie seine fünfte und sechste Linie in diesem Schwierigkeitsgrad.
Innerhalb von wenigen Tagen hat Stefano Ghisolfi im Schweizer Bouldergebiet Cresciano (Tessin) zwei seiner bisher schwersten Linien wiederholt: Fred Nicoles »Dreamtime« und kurz darauf Dave Grahams »The Story of 2 Worlds«. Beide Boulder liegen am selben Block und zählen zu den frühesten 8C-Klassikern.
»Dreamtime«: die erste 8C der Welt
In der Welt des anspruchsvollen Boulderns bedarf »Dreamtime« kaum noch einer Vorstellung. Das Problem wurde im Jahr 2000 von Fred Nicole erstbegangen und gilt als erste 8C der Bouldergeschichte. Nicole rückte damit das Bouldern im Tessin ins Spotlight der internationalen Profiszene.
Bis heute hat die Linie nichts von ihrem Ruf verloren. »Dreamtime« ist ein kompromissloses, rund 20 Züge langes Testpiece auf kleinen Leisten und wurde von zahlreichen Top-Athletinnen und -athleten wiederholt. Zu ihnen zählt jetzt auch der italienische Profikletterer Stefano Ghisolfi. Der 33-Jährige gehört vor allem im Leadklettern zu den Besten der Welt, hat aber auch im Bouldern bereits Schwierigkeiten bis 8C+ gemeistert.
Viel kann man über »Dreamtime« nicht sagen – im Namen steckt schon alles.
Stefano Ghisolfi
Downgrade, Ausbruch, Upgrade: die Geschichte von »Dreamtime«
Seit der Erstbegehung vor fast 26 Jahren hat »Dreamtime« eine bewegte Geschichte hinter sich. Der erste Wiederholer der Linie, Bernd Zangerl, bestätigte 2001 zunächst noch Fred Nicoles historischen Vorschlag des Schwierigkeitsgrads 8C – der bis dato noch nie vorher vergeben wurde.
Lange halten sollte der Konsens allerdings nicht: Denn in den Folgejahren werteten Dave Graham und Chris Sharma als dritter bzw. vierter Begeher auf 8B+ ab. Nachdem im Jahr 2004 Griffe des originalen Boulders gechippt wurden, schlosse sich weitere Wiederholer diesem Downgrade an. Unter ihnen waren auch Malcolm Smith, Dai Koyamada oder Adam Ondra, der die Linie 2008 innerhalb von nur vier Stunden meisterte.
Im Herbst 2009 brach schließlich ein Griff der Linie aus. Seitdem gilt »Dreamtime« erneut als 8C – darüber sind sich die meisten Wiederholer seitdem auch einig. Jan Hojer, dem 2013 eine Begehung gelang, nannte das Boulderproblem in Cresciano »schwerer als jede 8B+, die ich jemals angefasst habe«.
Mittlerweile wird der Schwierigkeit von »Dreamtime« bei Wiederholungen entweder als 8C, als softe 8C oder als schwere 8B+ angegeben. Letzterer Fall ist allerdings eher die Seltenheit – zuletzt vergaben Clément Lechaptois (2020), Stefan Scherz (2023) und Michael Piccolruaz (2024) den niedrigeren Grad. Alle drei nutzten die ursprüngliche Sprung-Beta statt einer Sequenz auf Leisten.
Bis heute haben insgesamt mindestens 65 Personen die legendäre Linie wiederholt. Im November 2024 gelang Michaela Kiersch die erste weibliche Begehung von »Dreamtime«, ein Jahr später wiederholte auch Janja Garnbret das begehrte Boulderproblem.
Stefano Ghisolfi: »Hatte vor 15 Jahren keine Chance«
Für Stefano Ghisolfi steht »Dreamtime« auch für den Fortschritt, den er in seiner Felskarriere durchlebt hat. Denn vor rund 15 Jahren stand der Italiener schon einmal vor dem 45 Grad überhängenden Block in Cresciano. »Ich habe die Linie damals aus Neugierde probiert und hatte überhaupt keine Chance«, schreibt der heute 33-Jährige auf Instagram.
Mehr als ein Jahrzehnt später gelang Ghisolfi die Wiederholung innerhalb von vier Sessions. Dafür nutzte er wie die meisten anderen Begeherinnen und Begeher die Leisten-Beta anstatt des Sprungs.
Stefano Ghisolfi zählt zu den stärksten Allround-Kletterern der Welt. Er hat insgesamt vier Routen im Grad 9b+ wiederholt bzw. erstbegangen – darunter auch die legendäre Tour »Excalibur« (9b+) in Arco. Ab Mitte 2025 widmete sich der Lead-Experte auch verstärkt den schweren Bouldern in Europas Top-Gebieten, allen voran im Tessin. Mit Erfolg: Seitdem gelangen ihm sechs Linien im Grad 8C und seine erste 8C+, Adam Ondras »Gioia« in Varazze.
Ghisolfi wiederholt auch »The Story of 2 Worlds«
Dieses Jahr will Stefano Ghisolfi seine Limits beim Bouldern weiter austesten. Gegenüber 8a.nu hatte er direkt nach seiner Begehung von »Dreamtime« zwei konkrete Projekte im Tessin genannt. Eins davon, Dave Grahams »The Story of 2 Worlds« (8C), hat Ghisolfi seitdem bereits wiederholt – fast schneller, als wir hier tippen können.
Graham hatte die Linie im Jahr 2005 erstbegangen, aber erst seit den 2010er Jahren bekommt sie regelmäßig Wiederholungen verpasst. Als tieferer Start zu »The Dagger« (8B+) nannte Graham »Story« damals »den neuen Standard« für 8C. Seit 2022 gibt es zu dieser Linie ebenfalls eine Erweiterung: »Story of Three Worlds« (8C+), erstbegangen von Shawn Raboutou. Auch dieses Projekt steht noch auf Ghisolfis To-Do-Liste.
Ich mache dieses Jahr nur ein paar europäische Wettkämpfe.
Stefano Ghisolfi
Angesichts seiner vielen Felsprojekte will der sechsfache Weltcup-Sieger seine Wettkampf-Auftritte in dieser Saison zurückschrauben. Bei der Europameisterschaft im Lead, die im August in Laval stattfindet, wird er aber auf jeden Fall dabei sein.
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Credits Titelbild: Sara Grippo

