Tipps für die Mehrseillänge von Bergführer Michi Wohlleben

Profibergsteiger, Bergführer und Physiotherapeut Michi Wohlleben frischt in Zusammenarbeit mit LACRUX die verschiedenen Techniken für Mehrseillängenklettern auf – von Materialwahl über Standplatzbau bis hin zum Abseilen.

Mehrseillängen-Routen verlangen einiges an technischem Know-How. Bergführer und Profikletterer Michi Wohlleben kennt sich in diesem Terrain bestens aus. In seiner YouTube-Episode führt er durch die wichtigsten Basics beim Mehrseillängenklettern. Damit ihr vor eurer nächsten Tour einen kleinen Refresher der wichtigsten Basics zum Nachschlagen habt.

Michi Wohlleben vor den Kreuzbergen im Schweizer Alpstein | Bild: Maximilian Gierl

Material und Ausrüstung

Klettergurt und Helm, das ist natürlich klar. Fürs alpine Klettern, vor allem in mehreren Seillängen braucht es aber noch ein bisschen mehr. Neben normalen Sportkletterexen empfielt der Profi Alpin-Exen zum Verlängern dabei zu haben. Je länger die Exe, desto weniger Zug kommt auf das Seil. Gerade in leichteren Touren, in denen es nach oben, unten, links und rechts geht tut man sich hier einen großen gefallen.

Außerdem empfiehlt Michi immer ein kleines Set Camalots dabeizuhaben. »Gerade die kleineren Totem Cams halten im Kalk meist besser«. Über die Möglichkeit eine Zwischensicherung legen zu können hat sich schließlich noch nie jemand beschwert. Weiter geht es mit mindestens einer Bandschlinge für den Standbau, 2-3 HMS-Karabiner, ein Alpin-Tuber zum Sichern und zwei 60-Meter-Halb- oder Zwillingsseile.

Michi Wohlleben empfiehlt darüber hinaus auch eine Umlenkrolle mit Rücklaufsperre, die für das Einrichten von Flaschenzügen, zur Selbstrettung und in Notfällen sogar als Seilklemme verwendet werden kann.

Weitere Tipps vom Bergsteigerprofi: In manchen Touren hat man keinen Empfang, weshalb Satelliten-Kommunikationsgeräte für Notrufe oder Zwei-Wege-Nachrichten von Vorteil sein können. Eigentlich selbstredend, wird aber gerne vergessen: ausreichend Trinken, Essen und Sonnencreme.

Zeit & Wetter im Blick behalten

Bei längeren Routen und insbesondere Mehrseillängentouren gilt: Lieber früher loskommen als später. Wer sich vorab detailliert über die Route (Länge, Dauer) und die Wettervorhersage informiert, vermeidet unschöne bis lebensgefährliche Überraschungen in der Wand.

Wichtig: Das eigene Können realistisch einschätzen und niemals bei Gewittermeldung in die Wand einsteigen!

Das A und O bei Mehrseillängentouren: vorausschauende Planung und die richtige Ausrüstung | Bild: Maximilian Gierl

Standplatztechniken

Techniken für den Standbau gibt es viele – meist wird eine Variante aus Gewohnheit gewählt, sagt Michi Wohlleben. Für Anfänger empfiehlt er das sogenannte weiche Auge mit einem Bulin-Knoten als Zentralpunkt. Der Vorteil: Das Setup ist unabhängig vom Standplatz immer gleich und schafft gerade am Anfang viel Routine.

Es gibt nicht besser oder schlechter – alle Methoden sind valide, solange sie sicher durchgeführt werden.

Michi Wohlleben
Standplatz an weichem Auge: Das Auge ist der Zentralpunkt. Hier werden alle Standschlingen und Geräte etc. eingehängt. | Bild: Michi Wohlleben

Nachsichern und Sichern in Traversen

Nicht immer geht es bei Mehrseillängen nur nach oben. Für das Nachsichern von Quergängen/Traversen gilt: möglichst viele Zwischensicherungen einhängen – gerade auch nach den schwierigen Stellen, um den oder die Nachsteiger.in in der Crux besser abzusichern.

Ein Pendelsturz ist für den Nachsteiger immer unangenehm und man kann dort eben nicht straff sichern.

Michi Wohlleben
Beim Nachsichern in Traversen gilt: lieber zu viele als zu wenig Zwischensicherungen | Bild: Maximilian Gierl

Vorstieg sichern – Vom Körper weg?

Beim Sichern im Vorstieg vom Körper weg braucht es unbedingt einen Dummy-Runner – also eine Exe, die direkt am Stand eingehängt wird, wenn die Vorsteigende Person los klettert. Der Sinn dahinter: Stürzt die kletternde Person vor der ersten Zwischensicherung, wirkt der Sturzzug durch den eingehängten Dummy-Runner nicht direkt auf die sichernde Person.

Wichtig: Diese Technik muss beim Sichern mit Tuber zwingend angewendet werden.

Nachstieg sichern mit Alpin Tuber

Nachsteigende Kletternde werden vom Stand weg gesichert. Dafür braucht es die kleine Öse, die Alpin Tuber auszeichnen. An dieser wird das Gerät in den Stand eingehängt. Die Seile werden so in das Gerät gelegt, dass das Bremsseil unten liegt. Das Seilende, welches zum/zur Kletterpartner:in nach unten läuft liegt oben auf. Die Seilschlaufen werden nun mit einem weiteren Karabiner im Gerät fixiert. Dieser bremst das Seil automatisch.

Der Alpin-Tuber wird an der Öse mit dem Karabiner ins weiche Auge gehängt um die nachsteigende Person nachzuholen. | Bild: Michi Wohlleben

Seilreibung mit langen Expressschlingen reduzieren

Ein Thema, das in Mehrseillängentouren nicht unterschätzt werden darf: die Seilreibung. Ist das Seil zu sehr gespannt, ist das Nachziehen für die vorsteigende Person enorm anstrengend. Lange Expressschlingen oder Alpin-Expressen können dieses Problem vermeiden, da hierbei der Seilverlauf begradigt wird. Auch der Einsatz von Bandschlingen schafft Abhilfe.

Ich vermute, dass durch Reibung mehr Stürze entstehen als durch weite Hakenabstände.

Michi Wohlleben
Seilreibung lässt sich mit langen Expressschlingen oder Bandschlingen gut reduzieren

Abseilen

Was hochkommt, muss auch wieder runter. Um das Abseilen vorzubereiten, sichern sich die Seilpartner per Selbstsicherung am Stand und binden sich aus (wichtig nach Gipfelpause ohne Gurt: Partnercheck!). Beide Seile sollten hier an einem Fixpunkt – zum Beispiel an einer Exe am Gurt – befestigt sein ehe man sich ausbindet, um sicher zu stellen, dass die Seile nicht abhauen.

Ist die Abseilstelle höher als die halbe Seillänge, braucht man beide Seilstränge. Diese werden per Sackstich verknotet, sodass das „abziehende“ Seil wandseitig läuft. Welcher Strang abzieht, merken sich die kletternden Personen selbst – als zusätzliche Merkhilfe kann man beim Abseilen die Selbstsicherungsschlinge in den Seilstrang einhängen, an dem abgezogen wird.

Beispiel Standplatz beim Abseilen mit 60-Meter-Halbseilen

Startet die Abseilpiste direkt vom letzten Stand der Tour, werden die Seilenden der vorsteigenden Person gefädelt und verknotet. Das Seil der nachsteigenden Person ist leichter auszuwerfen – am besten mit angemessen weitem Schwung und mit Warnruf »Achtung Seil«.

Wichtige Abseil-Tipps von Michi Wohlleben: Nach dem Knoten genügend Restseil lassen (Daumenregel: 0,5 Meter), falls der »Knopf« beginnt zu »rollen«. Das Seil ist außerdem immer unterhalb der abseilenden Person, damit es durchzieht und sich nicht verheddert.

Video: Mehrseillängenklettern erklärt von Michi Wohlleben

Wer sich mit dem Thema Mehrseillängenklettern vorbereitet, findet in unserem gemeinsamen Lehrvideo mit Michi Wohlleben eine wertvolle Ergänzung zur eigenen Vorbereitung.

Michi Wohlleben und Kletterpartnerin in der »Flugroute« am Kreuzberg I | Bilder: Maximilian Gierl

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Credits Titelbild: Maximilian Gierl

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