Camila Moroni schreibt Geschichte: gemeinsam mit Pietro Vidi gelingt ihr eine Wiederholung des Schweizer Trad-Testpiece Histoire sans Fin (8b+). Dabei ist Moroni die erste Frau, die die 200m Mehrseillängen-Tour frei klettert.
Moroni ist eine der vielversprechendsten italienischen Kletterinnen der neuen Generation. International bekannt wurde sie durch ihre Erfolge im Bouldern. Sie ist regelmäßig bei den IFSC World Cups dabei und nahm 2024 an den Olympischen Spielen Teil. Die Italienerin klettert von klein auf und zeigt beeindruckende Leistungen am Fels z.B mit La Proue (8B) und Heritage (8B).
Pietro Vidi stammt aus dem Trentino. Während er medial weniger präsent ist als Moroni, hat er sich in den letzten Jahren in ganz Europa einen Namen gemacht, indem er Boulder wie Dreamtime (8C), Roadkill (8C) und Flow State (8C+) getickt hat.

Zwischen Gewitterfronten und Granit: Die Vorbereitung auf Histoire sans Fin
Am 1. Juli 2025 kamen Moroni und Vidi am Petit Clocher du Portalet im Schweizer Kanton Wallis an. Dort verbrachten sie die nächsten drei Tage damit, intensiv an der Route zu arbeiten. Die Seilschaft konnte nur die Morgenstunden an der Wand nutzen. Dann wurden sie von den für diese Jahreszeit typischen Nachmittagsgewittern zur Umkehr gezwungen.
Nach einigen Ruhetagen ging es am 9. und 10. Juli nochmal gezielt darum, die Beta zu optimieren, bevor der Rotpunktversuch am 12. Juli anstand.
Pietro sturzfrei – Camilla kämpft sich durch
Seit Camilla mir in der letzten Saison ein Foto der Route gezeigt hatte, wusste ich: Diese verrückte Kante will ich klettern. Dieses Jahr haben wir es endlich in Angriff genommen.
Pietro Vidi

Pietro Vidi meisterte die Route makellos: Jede Seillänge im Vorstieg, kein einziger Sturz. Rückblickend meinte er augenzwinkernd, dass sich seine Technik auf der Platte «gar nicht so schlecht» angefühlt habe.
Camilla Moroni hingegen hatte es, auf Grund ihrer Größe, deutlich schwerer. In der mental anspruchsvollen Querung in Seillänge 3 (7c) stürzte sie drei Mal, bevor sie sich der Crux in Seillänge 4 (8b+) stellte. Im Boulderproblem gegen Ende dieser Seillänge tüftelte sie, gemeinsam mit Pietro, an einer alternativen Beta, da die regulären Züge für sie nur schwerer zugänglich waren.
Am meisten Respekt hatte sie vor der athletischen Arête in Seillänge 6 (8b), einem markanten, kantenartigen Felsausläufer, an dem man mit wenig Halt und viel Körperspannung klettern muss. Dieser Abschnitt gilt als besonders kraftintensiv und verlangt viel Körperspannung. Für viele ist das die mental forderndste Länge.
Pietro hat die Länge im ersten Versuch durchgeklettert und oben auf mich gewartet, um mich zu unterstützen. Bei meinem ersten Go fiel ich nur wenige Züge vor der Ruheposition. Diese Seillänge war ein echter mentaler Kampf.
Camilla Moroni
Trotzdem bewies sie Nervenstärke: Im zweiten Versuch kletterte sie Seillänge 6 durch. Damit war der Weg frei zum letzten ernsthaften Test der Route. Die technisch anspruchsvolle Platte in Seillänge 7 (8a+) fordert keine Kraft, sondern absolute Konzentration.
Ich habe die Länge im ersten Versuch geschafft – kurz darauf standen wir oben. Was für ein befriedigendes Gefühl!
Camilla Moroni

Eine Route mit viel technischem Anspruch und Geschichte
Die Geschichte um Histoire sans Fin beginnt im Jahr 2001, als der Schweizer Kletterer Didier Berthod gemeinsam mit François Mathey die markante Risslinie entdeckte und die ersten Seillängen einrichtete. Darunter auch die heute legendäre zweite Seillänge, der 45-Meter-Riss (7c+). In den Jahren darauf arbeiteten mehrere Seilschaften an einer möglichen logischen Fortsetzung, darunter Fabian Borter und Bertrand Martenet, die weitere Abschnitte einrichteten. Erst 2020 entdeckte Berthod eine clevere Verbindung über eine markante orangefarbene Kante, welche es schaffte, die Route endlich zu verbinden.
Histoire sans Fin wurde 2021 erstmals frei geklettert – durch Seb Berthe und Siebe Vanhee. Obwohl die Route ursprünglich mit Bohrhaken eingerichtet wurde, entschieden sich die beiden bewusst dafür, so viele Seillängen wie möglich traditionell zu klettern. Seither hat die Linie unter Kenner:innen Kultstatus erlangt: 200 Meter feinster Granit, exponiert, athletisch und ästhetisch, wie man es in Europa nur selten findet. Vielleicht sprechen die Begehenden gerade deshalb von «magischer granite fluency» und einem außergewöhnlichen Flow-Erlebnis.
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Credits Titelbild: Onsen Productions

