Alexandra Schweikart und Christopher Igel haben im Val Bavona (Tessin) die beeindruckende Mehrseillängenroute Space Force mit Schwierigkeiten bis 8a+ eingerichtet. Ein 40 Grad steiles Riss-Dach ist das Herzstück der Route. Laut Chris und Alex eine Traum-Seillänge, 8a, die größtenteils mit Cams absicherbar ist. Wir baten Alex und Chris, uns mehr über die Erstbegehung und die Geschichte dahinter zu erzählen.

Ein Interview von Ray Wood

Ray Wood: Ihr habt zwei Jahre gebraucht, um die Route zu bewältigen, alle 11 Seillängen an einem Tag frei. Was hat euch an dem Projekt gereizt?

Schon vom Boden sieht man den gigantischen Riss durch das Dach im unteren Teil der Wand. Dort wollten wir unbedingt hin! Das Dach wurde dann die dritte Seillänge von Space Force. Später fanden wir heraus, dass die sechste Seillänge weiter oben noch schwieriger war. Herauszufinden, ob wir alle Einzelzüge der Länge überhaupt hinbekommen würden war der Plan für letzten Herbst.

Unsere Prognose dazu änderte sich täglich: Unkletterbar-kletterbar-unkletterbar-kletterbar.

Als wir dann schließlich alle Einzelzüge ausgetüftelt hatten, wussten wir, dass es superschwierig sein würde, diese harten Seillängen an einem Tag zu klettern: 7c+, 8a, 8a+, 7c am Stück? Mit Cams? Ende Oktober 2020 hatten wir die Route dann soweit optimiert, dass sie für uns theoretisch kletterbar war. Der große Reiz an dem Projekt war nun auszuprobieren, wie viel „schwer“ an einem Tag realisierbar sein würde.

Beschreibt die Wand für Leute, die noch nicht dort waren. Gibt es andere Routen dort? Ist sie bekannt?

Wir haben die Wand erstmals 2014 im Vorbeiflug mit der Seilbahn nach Robiei entdeckt. Die Wand befindet sich ganz hinten im Val Bavona (Schweiz) und ist von der Straße aus nicht zu sehen. Sie ist jedoch nur 20 Gehminuten von der Hauptstraße entfernt und nach Nordwesten ausgerichtet. Es handelt sich um eine beindruckende, 250 Meter hohe Wand (Gneisgestein) die auf der ersten Hälfte stark überhängt. Val Bavona sagt den meisten Leuten nichts, aber es gibt dort schwere Klettereien in allen Disziplinen, die vielen Kletterern bekannt sein dürften. „Coup de Grâce” (9a Sport), “Off the Wagon/Sitzsstart” (8B+/8C+ Boulder) und „Super Cirill“ (8a+ Mehrseillänge), um nur einige zu nennem. 

Es handelt sich um eine beindruckende, 250 Meter hohe Wand die auf der ersten Hälfte stark überhängt.

Die erste freie Begehung der Wand gelang uns 2014 mit der Route „Della Funivia“: 13 Seillängen bis 7c, der einfachsten Linie des Felsens folgend. Nach dieser Erstbegehung waren wir motiviert, uns nun an dem steilen, linken Teil dieser Wand zu versuchen. So startete das Unternehmen Space Force. Eine technisch gekletterte Linie gab es bereits 2006 an dieser Wand, die durch den grausig brüchigen und ständig nassen Teil der unteren Wand zieht. Oben kreuzen sich unsere Linien, nach Absprache mit den Erschließern Simon Riediker und Aaron Richiger sollten wir aber keine Rücksicht auf ihre Linie nehmen. „Einfach munter drauflos“, schrieb uns Simon. 

Habt ihr die Route von oben oder unten eingerichtet und ausgecheckt? Was waren die Herausforderungen beim Erstgebehen einer solchen Route?

Wir haben die Route vom Boden aus in mehreren Tagen während drei Trips ins Tessin eingerichtet. Interessanterweise war es nicht so sehr ein Problem, die Wand mit Cams, Keilen und Skyhooks technisch zu erschließen und gleichzeitig leichtere Abschnitte frei zu klettern. Als es aber ums Ausbouldern der harten Seillängen ging, waren wir doch überrascht, wie schwierig die Kletterei und wie schlecht die Absicherung war!

Wir mussten also herausfinden, wo wir weitere Haken setzen sollten, um die Route kletterbar zu machen. Letztendlich mussten wir uns jede Bewegung und jedes Cam Placement in jeder einzelnen Seillänge einprägen, um sie klettern zu können.

Die Absicherung ist eine Mischung aus Trad und Bohrhaken. Wie würden die Trad-Passagen in E-Graden aussehen?

Der reine Sportklettergrad der härtesten Züge ist 8a+ an Haken, aber es gibt Stellen im Bereich 7c und 8a, bei denen man nur an Cams gesichert klettert. Zum Vergleich: die Route ist viel härter als zum Beispiel „Grave Diggers“ (E86c) am Llanberis-Pass, aber gleichzeitig viel besser abzusichern. Wir denken, dass es keinen Sinn machen würde, dieser Route einen E-Grad zu geben (E-Grade über E6 sind unserer Meinung nach ohnehin schwierig zu vergeben und ergeben oft wenig Sinn).

Seillänge drei ist ein großes 8a-Dach, und die sechste Seillänge ist die schwerste. Könnt ihr diese beschreiben?

Die 8a in der dritten Seillänge ist massiv steil und besteht aus einem Riss, der die Wand in zwei Teile teilt: eine 40 Grad steile Traum-Seillänge, die größtenteils mit Cams absicherbar ist. Nach einem Boulderstart an kleinen Griffen und kaum Tritten (an Bohrhaken) folgt man dem steilen Riss (grüne Camsgröße), der durch das Dach verläuft. Höllisch pumpig, vor allem das Legen der Cams kostet Kraft.

Vor allem das Legen der Cams kostet Kraft.

Man muss aber nicht klemmen, sondern piazen, falls man Klettern in 40 Grad steilem Gelände piazen nennen kann? Die Zeit läuft in dieser Seillänge: man will nicht zu lange an den Armen in so einer Steilheit hängen. Als wir die Länge zum ersten Mal technisch probiert haben hatten wir sicher 20 Sicherungen gelegt, im Durchstieg dann nur noch 6 Cams und einen Keil: das spart Zeit und Gewicht!

Als wir die Länge zum ersten Mal technisch probiert haben hatten wir sicher 20 Sicherungen gelegt, im Durchstieg dann nur noch 6 Cams und einen Keil.

Die obere Crux ist eine fast vertikale Mini-Verschneidung mit wenigen Tritten; ein 38 Meter langes Technik-Feuerwerk, bei dem man sich von Ruhepunkt zu Ruhepunkt kämpft. Es beginnt mit einem Boulder an Seitgriff-Slopern, bevor man die kleine Verschneidung mit engen Fingerklemmen klettert. Nach einem schlechten Schüttler kommt eine Passage an Monos, und eine weitere Crux über sehr kleine Crimps. Gute Schuhe und viel Finger-Maxkraft sind hier der Schlüssel zum Erfolg.

Ihr habt erwähnt, dass es viele emotionale und physische Höhen und Tiefen gab. Was waren das für Höhen und Tiefen? Was erwies sich als das größte Hindernis beim Durchstieg der Route?

Gegen Ende des Herbstes hatten wir alle Züge ausgebouldert, die Route war geputzt und wir waren bereit anzugreifen. Doch: (R)Oktober 2020 stellte sich als super regnerisch heraus, und die Wand wurde immer wieder nass. Wir waren uns nicht sicher, ob diese nach Nordwesten ausgerichtete Wand überhaupt wieder trocknen würde. Die Sonne trifft zu dieser Jahreszeit nur ein, zwei Stunden pro Tag auf den oberen Teil der Route.

Wir kletterten halb in Trance mit platten Armen, mit dem prickelnden Gefühl im Körper, dass wir es geschafft hatten.

Normalerweise trainieren wir im Winter und klettern im Frühling, dann klettern wir am stärksten. Im Sommer und Herbst wandeln wir diese Einseillängen-Power meist in Mehseillängen-Kraftausdauer um. Anfang November fühlten wir uns bereit und wussten doch, dass sich unsere Zeitfenster schließen würden – krafttechnisch und auch wettertechnisch. Um unsere Chancen zu erhöhen, begannen wir wieder damit, am Campusboard Maximalkraft zu trainieren. Wir ahnten, dass wir im nächsten Jahr fast wieder von vorne anfangen müssten. Nach unserem ersten ernsthaften Durchstiegsversuch Ende Oktober (er endete in der zweiten Schlüsselseillänge) wurde uns klar, dass wir nur dann wirklich eine Chance hatten, wenn wir alle Seillängen auf Anhieb klettern würden. Der Druck wurde also immer größer.

Am erfolgreichen Tag, dem 9. November 2020, wärmten wir uns in der ersten Seillänge zunächst auf und kletterten sie dann auf Anhieb. Auf den kleinen Leisten wurden die Finger taub aber der Anfang war gemacht. Der Dachriss fühlte sich danach hart und furchtbar pumpig an. Trotzdem kamen wir beide direkt durch, das Programm war gut abgespeichert.

Als wir an der Schlüsselstelle (Seillänge 6) ankamen, wartete eine Überraschung: ein zwei Meter langer Abschnitt mit nassen Griffen. Wir mussten improvisieren und die winzigen Leisten mit Chris‘ Unterhose trocknen, damit wir überhaupt irgendeine Chance hatten. Wir fühlten uns beide schon beim ersten Schüttler ausgelaugt, aber wir brüllten uns gegenseitig Motivation zu und kletterten weiter an den gerade so trockenen Leisten. Vielleicht war es das Training, vielleicht das Koffein und der viele Zucker: jedenfalls tickten wir die Länge beide im ersten Versuch.

Im letzten Licht kletterten wir die folgende 7c, eine senkrechte, wunderbar technische Seillänge mit einigen Bohrhaken und guter, aber versteckter Cam-Absicherung. Die Stirnlampen wurden eingeschaltet und weiter ging‘s Richtung Gipfel: 6c+, 6c, 7a+, 6b+. Die Wintertage sind eben sehr kurz.

Wir kletterten halb in Trance mit platten Armen, mit dem prickelnden Gefühl im Körper, dass wir es geschafft hatten. Als wir um 22 Uhr abends auf dem Gipfel standen, waren wir glückselig erschöpft. Insgesamt brauchten wir 13 Stunden von Auto zu Auto, 11 Stunden Klettern, einschließlich Aufwärmen in der ersten Seillänge (1 Stunde) und etwas Abtrocken-Action in der sechsten Seillänge.

Wir kletterten halb in Trance mit platten Armen, mit dem prickelnden Gefühl im Körper, dass wir es geschafft hatten.

Ihr seid seit mehreren Jahren auch außerhalb des Kletterns Partner. Was sind die Vor- und Nachteile einer solchen Kletterbeziehung?

Tatsächlich feierten wir diesen November unser 10-Jähriges. Wir sind beide vollblut-Kletterer (manche sagen: besessen). Wir lieben es, Tag für Tag in Wänden zu verbringen, im Bus zu pennen, Projekte auszuchecken und neue Routen zu finden oder neue Routen und Boulder in Hallen zu Schrauben. Das Beste an unserer Kletterpartnerschaft ist, dass wir uns gegenseitig durch jede Bewegung in jeder Route, die wir versuchen, navigieren können, selbst die Tritte sagen wir uns an: Wir haben beide gute analytische Fähigkeiten (wir sind beide Wissenschaftler).

Allerdings sind wir oft so mit Klettern beschäftigt, dass wir neben Arbeit und Klettern wenig Zeit für Freunde und Familie finden und jede freie Minute in Wänden verbringen. Manchmal ärgert sich einer von uns, wenn der andere eine Route schneller klettert, aber meistens ist es an einem anderen Tag genau umgekehrt, so dass es am Ende mehr Tage mit was zum Feiern gibt. Mittlerweile sind wir auch Geschäftspartner in unserer Firma „grip-research.eu“.

Habt ihr jede Seillänge abwechselnd geführt oder seid ihr beide vorgestiegen? Woher kommt der Name „Space Force“?

Wir haben beide die Schlüssel-Seillängen vorgestiegen (die Seile abgezogen und auch das Gear rausgebaut). In allen anderen Seillängen haben wir uns abgewechselt. So konnten wir die Tour zusammen am selben Tag erstbegehen. Space Force ist das, was man braucht, um durch die dritte Seillänge zu kommen, und es ist auch der Name einer sauwitzigen neuen Netflix-Serie mit Steve Carell. Watch it!

Zu- und Abstieg zur Route Space Force im Val Bavona.

Informationen zur Mehrseillängenroute Space Force

  • 11 Seillängen (7c/+, 6b+, 8a, 6a+, 7a, 8a+, 7c, 6c+, 6c, 7a+, 6b+)
  • 230 Klettermeter
  • San Carlo, Tessin, Schweiz (Einstieg 950 m.ü.M).
  • Ausrichtung: Nordwest, im Sommer Sonne von 14.00-17.00 Uhr, ab Oktober von 15.00-16.00 Uhr
  • Ideale Jahreszeit: Spätsommer/Herbst. 
  • Zustieg: 20 Minuten vom Parkplatz der Seilbahn nach Robiei. Vom untersten Parkplatz etwa 100 Meter entlang der Teerstraße bergab in einer Haarnadelkurve in den Wald einbiegen und den blauen Markierungen und Steinmännern erst bergab, dann bergauf entlang der Felsen folgen. Unter der Hauptwand angekommen klettert man noch 10 Minuten die Platten gegenüber hinauf zum Einstieg (blaue Fixseile und blaue Markierungen). 
  • Abstieg: Über den Gipfel und rechtshaltend (nach Süden) bergab (45 min) oder abseilen. Vom Ausstieg nach rechts schauend befindet sich 20 Meter daneben eine 6-stämmige Buche mit gelbem Seilstück. Am Baum 25 Meter abseilen zu zwei Bohrhaken. Dann 60 volle Meter gerade nach unten abseilen zum Ende der 8. Seillänge und die Route weiter abseilen (Stände sind eingerichtet). Am Einstieg ein paar Meter die Rinne bergab queren, 25 Meter rechts neben dem Einstieg befindet sich ein Abseilstand auf einem Band, der zum Fuß der Hauptwand führt (55 m abseilen).
  • Material:
    • 2 x 60 m Seile (zwingend), wenn man abseilen will, 50 m Seil und Tagline, wenn man zu Fuß absteigt (45 min)
    • 7 x DMM Phantom Expressen 
    • 3 x Verlängerbare Expressen (60 cm)
    • 1 x DMM Wallnut 8 türkis
    • 1 x DMM Dragonfly Micro Cam 3 gold
    • 1 x DMM Dragonfly Micro Cam 2 rot
    • 1 x DMM Dragonfly Micro Cam 5 silber
    • 2 x DMM Dragon Cam 00 blau
    • 1 x DMM Dragon Cam 0 silber
    • 2 x DMM Dragon Cam 1 lila
    • 3 x DMM Dragon Cam 2 grün
    • 2 x DMM Dragon Cam 3 rot
    • 1 x DMM Dragon Cam 4 gold
    • 1 x DMM Dragon Cam 5 blau
    • 1 x DMM Dragon Cam 6 silber 
    • 1 x DMM Nutbuster
    • Man könnte noch extra grüne und rote Cams mitnehmen, falls man sie im Dach versehentlich fallen lässt, da man sie weiter oben dringend braucht. Ist uns nicht passiert, hätte aber sein können. Topo unter www.grip-research.eu

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Credits: Bildmaterial Alexandra Schweikart