Dem Westschweizer Nils Favre und dem Belgier Siebe Vanhee gelingt die zweite und dritte Wiederholung der schwersten Route des Alpsteingebirges: Parzival (8b, 6SL, 150 Meter).

Es war ein hochsommerlicher Tag mit Temperaturen, bei denen man lieber in den nahegelegenen Bergsee hüpft, statt an einer südlich ausgerichteten Mehrseillängenroute zu klettern. Doch das hielt die beiden Profikletterer Nils Favre und Siebe Vanhee nicht davon ab, in die schwerste Route des Alpsteins, Parzival, einzusteigen.

Die Bedingungen sind katastrophal. Es fühlt sich an, als ob wir in Südspanien am Klettern wären. Aber egal, wir geben alles.

Siebe Vanhee nach der ersten Seillänge in Parzival

Schon in den ersten Längen kommen die beiden ordentlich zum Schwitzen. Nicht nur aufgrund der Temperaturen, sondern aufgrund der technischen Schwierigkeiten der Kletterei. Diffiziles Stehen auf quasi inexistenten Tritten gefolgt von fingerkräfteraubenden Passagen fordern die beiden. Und dies, obwohl es sich “nur” um 7a+/7b, respektive 7b+ Längen handelt.

Man muss sich ziemlich an die Art Kletterei gewöhnen. Die ersten Seillängen sind gespickt mit Reibungstritten und klitzekleine Griffen.

Nils Favre
Nils Favre in der Schlüsselstelle der Route Parzival an der Dreifaltigkeit.
Nils Favre in der Schlüsselstelle der Route Parzival an der Dreifaltigkeit.

Nils Favre und Siebe Vanhee tüftelten am Vortag erstmals an den Sequenzen aller wichtigen Seillängen von Parzival. Am darauffolgenden Tag wollten sie bereits einen Durchstiegsversuch geben. Mit gutem Grund. Siebe wie auch Nils kletterten die Route Parzival bis am Ende des Tages rotpunkt.

Beide kletterten die schwierigen Seillängen im Vorstieg und kletterten nur die einfachen Längen in der Wechselführung. Der Belgier Siebe Vanhee kletterte die Schlüssellänge der Route absolut fehlerfrei und im erste Versuch. Der Westschweizer Nils Favre scheiterte im ersten Versuch und hatte aufgrund des schulterlastigen Zuges danach mit Schmerzen in der linken Schulter zu kämpfen.

Nach einer längeren Pause wagte er erneut einige wenige Versuche und konnte die Stelle doch noch sturzfrei überwinden.

Siebe Vanhee vor dem Versuch der Schlüssellänge.
Siebe Vanhee vor dem Versuch der Schlüssellänge.

Die Schlüssellänge von Parzival ist sehr morpho

Die zweite und dritte Begehung der Route an der Dreifaltigkeit wurde auf der Alpwirtschaft Rheintaler Sämtis gebührend mit einem Bier gefeiert und mitunter auch über die Schwierigkeitsbewertung der Route diskutiert.

Die Seillängen von Parzival an der Dreifaltigkeit wurden von den Erstbegehern als auch von Michi Wohlleben, der die Route als erster frei kletterte, wie folgt bewertet.

  1. Seillänge: 7a+/7b
  2. Seillänge: 7b+
  3. Seillänge 7c+
  4. Seillänge 8b
  5. Seillänge 7c
  6. Seillänge 7a+
Der Verlauf der Kletterroute Parzival an der westlichen Dreifaltigkeit im Alpstein. (Bild Frank Kretschmann)
Der Verlauf der Kletterroute Parzival an der westlichen Dreifaltigkeit im Alpstein. (Bild Markus Hutter)

Die Bewertung der Route bestätigen Nils Favre und Siebe Vanhee mehrheitlich. Die erste Seillänge liegt gemäss Nils und Siebe jedoch eher im 7b-Bereich, womöglich sogar bei 7b+. Sie werteten die erste Länge damit leicht auf. Die dritte Seillänge, die über das Dach verläuft, schätzen die beiden eher als 7c/7c+ ein. Bei der Schlüssellänge können sich die beiden kaum entscheiden.

Die Schlüssellänge von Parzival ist nicht einfach zu bewerten. Ich denke der Schwierigkeitsgrad liegt im Bereich 8a+/b mit dem Vermerk “morpho”.

Nils Favre

Die Schwierigkeit der vierten Seillänge hängt stark von der Körpergrösse des Kletterers ab. Grössere Kletterinnen oder Kletterer können die Stelle verhältnismässig einfach bewältigen – die Schwierigkeit wird in diesem Fall bei einer einfachen 8a+ liegen. Bei mittelgrossen Begehern ist der Schwierigkeitsgrad jedoch eher bei 8b anzusiedeln. Das Fazit von Nils Favre: “Ich denke eine Bewertung mit 8a+/b mit dem Vermerk “morpho” macht am meisten Sinn.”

Geschichte der Route Parzival im Alpstein

An der westlichen Dreifaltigkeit wurde bereits um 1950 geklettert. Damals noch im technischen Stil. Ende der 90er-Jahre zog es dann den fleissigen Erschliesser Markus Hutter in die Wand, der die Route in langjährigem Engagement und mit Unterstützung von Freunden 2008 fertig einrichtete und erstbeging. Eine erste freie Begehung der Route holte sich der Profialpinist Michi Wohlleben im Jahr 2017 (LACRUX berichtete).

Michi Wohlleben und der Erstbegeher der Route, Markus Hutter auf der Alp Rheintaler Sämtis. (Bild Frank Kretschmann)
Michi Wohlleben und der Erstbegeher der Route, Markus Hutter auf der Alp Rheintaler Sämtis. (Bild Frank Kretschmann)

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Credits: Titelbild Siebe Vanhee