Dem 20-jährigen Japaner ist die mittlerweile fünfte Begehung der Linie in Colorado gelungen. Für Kayotani ist es der erste Boulder im Schwierigkeitsgrad 9A – der steht allerdings seit Yannick Flohés Abwertungsvorschlag auf 8C+ zur Debatte.
Erst vor wenigen Tagen hatte Kayotani seinen Durchstieg von Daniel Woods‘ ikonischer Linie „Defying Gravity“ (8C) in der Thunder Ridge, Colorado, verkündet. Für den Boulderspezialisten aus Japan war es da nur naheliegend, auch den dazugehörigen Sitzstart „No One Mourns the Wicked“ (9A) zu probieren. Auch der klappte zügig – mit seinem erfolgreichen Durchstieg trägt sich nun auch Kayotani in die Liste der 9A-Boulderer ein, die derzeit 28 Kletterer umfasst.
Ritsu Kayotani gilt als einer der stärksten Outdoorboulderer Japans. Vergangenes Jahr gelang dem erst 20-Jährigen seine erste 8C+, „Nexus“, erstbegangen von Ryuichi Murai 2021 nach fünf Jahren Arbeit. Seitdem hat Kayotani drei weitere 8C+ Boulder begangen – sowie zehn 8Cs allein in den beiden vergangenen Jahren. Bis zur vergangenen Saison nahm er außerdem an Boulder-Weltcups teil, wo er viele Male im Halbfinale kletterte und 2024 in Innsbruck sogar ins Finale einzog.
Ich bin froh, dass ich bis zum Ende gekämpft habe. Es war fantastisch. Vielen Dank für die Unterstützung!
Ritsu Kayotani
„No One Mourns the Wicked“ galt lange als unmöglich
„No One Mourns the Wicked“ wurde im Dezember 2024 vom US-Amerikaner und Vize-Olympiasieger Nathaniel Coleman nach insgesamt 22 Sessions erstbegangen. Zuvor hatte auch Noah Wheeler, der seitdem selbst drei 9As begangen hat, erfolglos probiert.
Nach der Erstbegehung schlug Coleman den Grad 9A für die Linie vor. Seine Begründung: Die Schwierigkeit von „No One Mourns the Wicked“ bestehe darin, vor dem enorm schweren Einzelzug von „Defying Gravity“ (8C) die etwa 8B schwere Sitzstart-Passage zu klettern.
Für Aufsehen sorgte dann die erste Wiederholung durch Hamish McArthur im Mai 2025. Der Brite konnte sowohl „Defying Gravity“ als auch „No One Mourns the Wicked“ in unter zweieinhalb Stunden abhaken. Die Linie, die lange als unmöglich galt, wurde damit zur am schnellsten wiederholten 9A.
2026: Yannick Flohé wertet auf 8C+ ab
Im Februar 2026 gelang Beckett Hsin die dritte Begehung der Linie, was den damals 16-Jährigen zum jüngsten 9A-Boulderer machte. Hsin deutete daraufhin an, dass der Boulder leichter sein könnte als der vorgeschlagene Grad, betonte aber gleichzeitig: „Ich habe zu wenig Erfahrung in so schweren Bouldern, um eine ehrliche Meinung zur Schwierigkeit zu geben.“
Wenige Monate später wiederholte auch Yannick Flohé „No One Mourns the Wicked“. Statt den Titel als erster deutscher 9A-Boulderer mitzunehmen schlug er eine Abwertung auf 8C+ vor. Seine Begründung: Die Schwierigkeit bestehe vor allem aus dem Kampf gegen die Bedingungen und weniger gegen den Boulder selbst.
„Ich glaube nicht, dass dieser Boulder 9A ist“, hatte Flohé nach seiner Wiederholung gesagt. Anders als der Erstbegeher bewertete der die Sitzstartpassage mit 8A statt 8B – ein Unterschied, der die Gesamtbewertung maßgeblich beeinflusst.
Ich habe selbst noch keine 9A geschafft, aber ich weiß, wie sich andere 9As anfühlen. Deshalb schlage ich 8C+ vor.
Yannick Flohé über „No One Mourns the Wicked“ im Mai 2026
Grundsatzdiskussion über die Rolle von Bedingungen
Während Abwertungen (ebenso wie Aufwertungen) zum Outdoorklettern und -bouldern selbstverständlich dazugehören, kommen Downgrades im Grad 9A eher selten vor. Insgesamt 15 Boulderprobleme gibt es derzeit offiziell unter diesem Schwierigkeitsgrad – darunter bereits bestätigte Linien wie „Burden of Dreams“ oder „Alphane“, aber auch eine Handvoll nicht wiederholter Boulder wie „Charlatan“ oder „The Big Slamm“.
Flohés Statement zum Grad von „No One Mourns the Wicked“ blieb in der Szene jedenfalls nicht unkommentiert. Hamish McArthur gratulierte per Instagram-Kommentar zur Begehung, stellte aber klar, dass er das Thema Bedingungen anders sieht:
Ich glaube nicht, dass ein Boulder getrennt von externen Bedingungen wie Wetter oder Haut existiert. Die Herausforderung ist nicht, etwas trotz der Bedingungen zu klettern, sondern wegen der Bedingungen – es ist genauso eine Beziehung wie ein Kampf.
Hamish McArthur über Flohés Downgrade
McArthur ist für seine oftmals philosophisch anmutenden Ausführungen in den sozialen Medien bekannt – so wie Yannick Flohé wohl für seine Direktheit. Der Essener blieb überzeugt: Wenn eine Begehung so schnell gelingt, kann der Schwierigkeitsgrad – zumindest aus seiner eigenen Sicht – nicht stimmen.
Sicher ist das 9A, wenn man den Boulder an einem Tag klettern kann.
Yannick Flohés Antwort an Hamish McArthur
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Credits Titelbild: Lena Drapella/IFSC

