Mit »Kolibri« gelingt Dani Arnold, Alexander Huber und Simon Gietl eine alpine Erstbegehung durch die Ostwand des Jirishanca (6094 m). Wir haben mit Simon Gietl über diese einmalige Tour gesprochen:
Vom 13. bis 15. Juli 2025 gelang Dani Arnold, Alexander Huber und Simon Gietl die Erstbegehung einer neuen alpinen Linie am Jirishanca (6094 m) in der Cordillera Huayhuash, einem der markantesten Gipfel der peruanischen Anden. Er trägt den Spitznamen »peruanisches Matterhorn«. Die Route durch die über 1000 Meter hohe Ostwand nannten sie »Kolibri«.

Woher kam die Idee zu »Kolibri« und wann habt ihr beschlossen: »Diese Linie müssen wir jetzt klettern!«?
Simon: Der Name Jirishanca bedeutet übersetzt »Eisiger Kolibrischnabel« und daher die Namensgebung »Kolibri«. Die Linie am Jirishanca hatte Alexander schon einige Jahre im Kopf. 2023 war er bereits mit Dani in derselben Gegend unterwegs und vor ihrer Rückreise sind sie kurz ins Jirishanca-Basislager aufgestiegen, um die angedachte Linie genauer anzuschauen.
Dabei beschlossen sie, zwei Jahre später zurückzukommen und als sie mich im Herbst 2024 gefragt haben, ob ich ob ich Lust hätte mitzukommen, brauchte ich nicht lange zu überlegen… neun Monate später standen wir zu dritt am Fuße des Berges!

Der launische Berg
Der Jirishanca (6.094 m) war der letzte der 6.000 Meter hohen Gipfel der Cordillera Huayhuash, der bestiegen wurde. Er gilt als schroff, steil und schwer zugänglich. Als mystisch und als launisch. Lange galt die Ostwand als unbesteigbar. 1957 gelang den Österreichern Toni Egger und Siegfried Jungmair die erste Besteigung über den Ostgrat, eine alpinistische Meisterleistung ihrer Zeit, auch angesichtlich der damaligen Kletterausrüstung.
In den folgenden Jahrzehnten setzten Bergsteiger aus aller Welt neue Routen an die beeindruckenden Wände. Der Berg ist steil, vergletschert und technisch komplex. Viele Linien verlangen kombinierte Fähigkeiten im Eis, Fels und Mixed-Gelände und eine sichere Hand beim Legen mobiler Sicherungen.
Was war ein Moment in der Wand, der dir am meisten in Erinnerung geblieben ist?
Simon: Positive Momente gab es zum Glück viel mehr als negative. Als ich eine herausfordernde Länge vorgestiegen bin, sagte Alexander zu mir: »Bravo, gut gemacht!« »Danke Alex, ich gebe mein Bestes.«, antwortete ich und Alexander sagte daraufhin: »Das ist das Beste!«
Diese, seine Worte haben mich sehr geehrt. Und als Alexander dann noch sagte: Dani und ich seien sein bis dato bestes Team, konnten wir uns nur mit einem Lächeln bedanken!
Wir hatten eine echt coole Zeit und das nicht nur am Berg. Es gab so gut wie keine großen Diskussionen, jeder von uns spricht seinen eigenen Dialekt, was zu dem einen und anderen lustigen Sprachmissverständnis führte, aber in der Wand sprachen und sprechen wir alle die selbe Sprache.
Route & Charakter
»Kolibri« verläuft zwischen der Franzosen- und der Italienerroute und folgt einer klaren, direkten Linie durch die steile Ostwand. Die Kalkqualität ist einzigartig: fest, rau, griffig.
Über 31 Seillängen (1030 Hm) hinweg fragt die Tour wirklich alles ab: steile Wandpassagen, teils überhängende Platten mit schwieriger Absicherung, technische Kletterei bis in UIAA 8 und technische Hilfsmittelpassagen bis A2.
Im unteren Wandteil dominieren anspruchsvolle, oft zwingend frei zu kletternde Passagen mit weiten Runouts. Der Mittelteil nutzt geschickt die markante Eisrampe der Italienerroute, bevor im oberen Drittel eine direkte Linie aus Rissen und Verschneidungen zum Ostgrat führt – der Linie der Erstbesteiger Egger und Jungmair folgend.

Begehung & Bedingungen
Die Seilschaft konnte sich über nahezu perfekte Verhältnisse am Jirishanca freuen: stabil, trocken und für die Höhenlage ungewöhnlich wenig Stein- oder Eisschlag. Nach zwei Biwaks in der Wand erreichten Arnold, Huber und Gietl am 15. Juli um 9:15 Uhr den Ostgipfel (6028 m laut GPS). Auf den Hauptgipfel wurde bewusst verzichtet, zu instabil die Schneeverhältnisse, zu hoch das objektive Risiko. Eine klare und vorbildliche Entscheidung im Sinne der Sicherheit.
Wie viel Raum bleibt bei einer solchen Tour eigentlich für Intuition?
Simon: Wir können uns im Vorhinein gut vorbereiten, uns informieren und konkrete Pläne schmieden, aber das Wichtigste in meinen Augen ist nach wie vor auf das eigene Bauchgefühl zu hören, deshalb muss immer Platz genug für die Intuition sein. Wir müssen zwar einen Plan haben, aber dennoch flexibel bleiben. Den Kopf kann man recht schnell manipulieren, denn wenn man motiviert ist, kann man jede Situation schön reden und man findet dabei immer einen Grund, weiter zu gehen, aber wenn man ein schlechtes Bauchgefühl hat, ist das erstens ein Warnzeichen und zweitens kann und soll man es nicht schön reden!
Ein Geschenk der Natur
»Kolibri« ist eine durchgehend anspruchsvolle, ernstzunehmende alpine Route, die neben Kletterkönnen auch alpine Erfahrung und Nervenstärke erfordert. Die Absicherung ist reduziert: Die Stände wurden mit 8 mm Bohrhaken eingerichtet, Zwischensicherungen sind größtenteils mobil zu legen – ein Zwischenbohrhaken wurde verwendet. Das »Dream Team« der Erstbegeher empfiehlt zwei Sätze Friends, Keile, Mikro-Cams, Eisschrauben und einen kleinen Satz Haken.
Für die Seilschaft ist »Kolibri« mehr als nur eine neue Linie:
Wir haben eine schöne und logische Linie in bestem Fels gefunden. Die Bedingungen in der Wand selbst waren ideal, das Teamwork war perfekt – einfach eine runde Sache. Diese Linie ist für uns eine der ganz großen Erstbegehungen – ein Geschenk von Mutter Natur.
»Dream Team« Dani Arnold, Alexander Huber und Simon Gietl
Ihr habt „Kolibri“ als eine der ganz großen Erstbegehungen bezeichnet – was genau macht diese Linie für dich so besonders im Vergleich zu deinen bisherigen Touren?
Simon: Grundsätzlich versuche ich es zu vermeiden, Touren bzw. Erstbegehung zu vergleichen, da jede für sich einzigartig ist! Bei »Kolibri« ist das Besondere die atemberaubende Atmosphäre, die grandiosen Biwakplätze, die Wandhöhe von über 1000 Metern, der raue, bombenfeste Fels und das alles zwischen 5000—6000Meter!!!
Fakten zur Route
- Name: Kolibri
- Ort: Jirishanca (6094 m), Ostwand – Cordillera Huayhuash, Peru
- Erstbegeher: Dani Arnold, Alexander Huber, Simon Gietl
- Datum: 13.–15. Juli 2025
- Länge: 1030 Hm
- Seillängen: 31
- Schwierigkeit: UIAA 8 / A2
- Biwaks: 2
- Gipfel: Ostgipfel (6028 m GPS)
- Absicherung: Stände mit 8 mm Bohrhaken; Zwischensicherungen mobil; ein verwendeter Zwischenbohrhaken
- Empfohlene Ausrüstung: 2 Sätze Friends, Keile, Mikro-Cams, Eisschrauben, kleiner Hakensatz
- Fels: kompakter, griffiger Hochgebirgskalk
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Credits Titelbild: Simon Gietl




