Die Architektur eines Sends: Ein Gespräch mit Nicolai Uznik

Im Spitzenklasse-Bouldern ist der Name Nicolai Uznik ein Synonym für Präzision. Der österreichische Athlet und ehemalige Boulder-Europameister hat seine Karriere auf Vielseitigkeit aufgebaut – auf der Verbindung von explosiver Kraft mit fliessender Technik. Ob er in den World Cups ein komplexes Problem seziert oder im Granit nach der effizientesten Linie sucht: Nicolais Herangehensweise ist tief im »Prozess« verwurzelt.

Vor Kurzem ist Nicolai Teil der Nature-Climbing-Familie geworden – eine Partnerschaft, die aus einer gemeinsamen Obsession für Handwerk, Material und das stille Ritual des Kletterns entstanden ist. Dieses neue Kapitel hat Klettermoderatorin und Multitalent Terri Corti die seltene Gelegenheit gegeben, mit ihm über sein jüngstes Projekt zu sprechen: den legendären »Burden of Dreams« (9A). Vom Dachboden eines alten Skihauses in Kärnten bis zur Reibung bei Minustemperaturen in Finnland – wir sprechen über die Mentalität, die Ausrüstung und die besondere Beziehung zum Fels, die einen der besten Kletterer der Welt ständig nach Fortschritt suchen lässt.

Terri: Wenn du an deine ersten Klettererinnerungen zurückdenkst, was war der Funke, der dich immer wieder dranbleiben ließ?

Nicolai: Ich bin recht früh zum Klettern gekommen, mit etwa fünf Jahren, in meinem Heimatdorf im Rosental (Kärnten/Österreich). Wir hatten eine kleine Boulder-Area auf dem Dachboden eines alten Skihauses. Am Anfang ging es einfach um Bewegung und Spaß. Mir hat gefallen, dass es sich anders angefühlt hat als andere Sportarten. Es ist kreativer, es geht ein bisschen mehr darum, Dinge auszuknobeln. Was mich dabei gehalten hat, war wahrscheinlich dieses Gefühl, ständig zu lernen und besser zu werden. Selbst kleine Fortschritte haben sich groß angefühlt, und das hat sich nie wirklich geändert.

Selbst kleine Fortschritte fühlten sich groß an, und das hat sich nie geändert.

Nicolai Uznik

Und wie würdest du dich heute als Kletterer beschreiben?

Ich würde mich als ziemlich vielseitigen Kletterer bezeichnen, der sowohl kraftvoll und dynamisch als auch technisch klettern kann. Ich mag es, Dinge zu entschlüsseln und den effizientesten Weg durch ein Problem zu finden.

Geht es dir beim Klettern heute eher um Leistung oder um etwas anderes?

Leistung ist definitiv ein Teil davon, gerade in Wettkämpfen oder an härteren Projekten. Aber Klettern ist für mich auch sehr stark der Prozess: zu verstehen, was bei den Bewegungen passiert, draußen zu sein, Zeit in etwas zu investieren, das volle Konzentration verlangt. Eine gute Balance zwischen Wettkämpfen und Klettern am Fels zu finden, ist mir extrem wichtig – und auch alles drumherum im Gleichgewicht zu halten. Das macht es langfristig nachhaltig und schön. Und es ist auch etwas, an das ich in Zukunft gerne etwas zurückgeben möchte.

Bouldern bei Minusgraden: Nicolai Uznik in Lappnor. | Bild: Daniel Gajda

Was motiviert dich, so tief in ein einzelnes Projekt einzutauchen?

Was mich klar motiviert, ist, mir ein ambitioniertes Ziel zu setzen und dann zu versuchen, es Realität werden zu lassen. Das kann manchmal viel Zeit und viel Aufwand kosten, aber wenn du dich pushst und dabei trotzdem den Prozess genießt, ist das schon eine große Belohnung. Und oft wird es dann am Ende auch erfolgreich.

Wenn du dich pushst und dabei trotzdem den Prozess genießt, ist das schon ein grosser Teil der Belohnung.

Nicolai Uznik

Wann ist dir die Idee, »Burden of Dreams« zu probieren, das erste Mal wirklich in den Kopf gekommen? War es ein lebenslanger Traum oder eher eine kürzliche Entscheidung?

Ich kannte BoD natürlich seit langem und hatte den Boulder immer im Hinterkopf. Aber zu einem realistischen Projekt ist er erst vor relativ kurzer Zeit geworden. Ich glaube, das war tatsächlich erst irgendwann im letzten Jahr, als die Idee aufgekommen ist, ihn zu probieren. Erst dann hatte ich auch zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass ich ihn wirklich klettern könnte.

Du hast einige Zeit am Replika verbracht. Kannst du uns durch diesen Prozess führen? Wie hat es dir geholfen – nicht nur körperlich, sondern auch mental? Hast du gezielt an Granitgriffen trainiert, um dich auf die finnische Reibung vorzubereiten?

Tatsächlich hatte ich nur zwei Sessions am Replika, obwohl ich ursprünglich dachte, ich würde mehr Zeit daran verbringen. Am Ende hatte ich nicht das Gefühl, dass es zwingend nötig wäre, also habe ich mich eher so vorbereitet, wie ich es sonst auch tue. Was geholfen hat war, ein Gefühl für die Bewegungen, die Positionen und die Griffe zu bekommen – so bin ich mit einer groben Vorstellung angereist, was mich erwartet, auch wenn sich der echte Boulder in einigen Passagen dann doch deutlich anders angefühlt hat.

Nicolai Uznik beim Warm up für seinen »Dream Boulder« | Bild: Daniel Gajda

Wie hat sich die Realität, vor dem »Dream Boulder« zu stehen, im Vergleich zu deiner Vorstellung angefühlt?

Ehrlich gesagt war ich ziemlich erleichtert, dass sich vor allem die Startgriffe nicht so schlimm angefühlt haben, wie ich sie in Erinnerung hatte – auf dem Replika hatte ich da nämlich kein gutes Gefühl, vor allem nicht beim ersten Move. Am echten Boulder konnte ich diesen Zug dann etwa acht von zehn Mal machen.

Was war die unerwartetste Hürde: Wetter, Haut, irgendetwas anderes?

Wahrscheinlich tatsächlich das Wetter. Dass es im Februar sehr kalt sein würde, war mir klar – aber dass dann eine Woche mit warmen Temperaturen und Regen dazwischenkommt, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.

Gear-Geek-Out: Warum genau dieser Schuh? Und wie sieht deine ehrliche Hautpflege-Routine an so einem Boulder aus?

Ich liebe den La Sportiva Solution Comp wirklich und trage ihn zu 99 Prozent der Zeit, wenn ich draußen klettere – auch bei BoD. Die Spitze gibt mir das Gefühl, auf allem stehen zu können. Das ist extrem wichtig.

Bei der Hautroutine habe ich ehrlich gesagt mehr gekämpft, als ich gedacht hätte. Ich nutze Antihydral, um eine dicke Hautschicht aufzubauen und nicht zu viel zu verlieren – dadurch wird die Haut automatisch ziemlich trocken, was ich am Fels meistens sehr mag. An BoD bei minus 20 Grad ist sie dann aber doch eine Spur zu trocken geworden, was zu ein paar Rissen geführt hat. Es kommt also auch auf die Temperaturen an, ob man die Finger eher etwas trockener halten will oder nicht.

BoD ist sehr basic, und ich wusste eigentlich schon ziemlich genau, wie ich ihn klettern würde.

Nicolai Uznik

Wie vergleicht sich BoD in puncto reiner Intensität mit etwas wie »Mount Doom«?

Das ist schwer zu vergleichen, einfach wegen der Länge der Boulder. »Mount Doom« hat rund 17 Züge, BoD nur vier bis fünf. Mount Doom war eine Erstbegehung und deutlich komplexer – ich musste viel mehr Aufwand betreiben, um die perfekte Beta zu finden. BoD ist dagegen sehr basic, und ich wusste eigentlich schon ziemlich genau, wie ich ihn klettern würde. Letztlich tue ich mich an BoD sogar leichter, weil ich auf kürzeren Bouldern generell stärker bin und mir die Moves auch wirklich gut liegen.

Über die Autorin: Terri Corti

Terri Corti kommt aus der Schweiz und hat 2018 das Klettern für sich entdeckt – seither lässt es sie nicht mehr los. Was sie an diesem Sport so fasziniert, ist seine Kraft, Menschen zu verbinden. Genau deshalb ermutigt sie auch ständig andere dazu, ihn für sich zu entdecken. Durch ihre intensive Arbeit in den Klettermedien hat Terri einen Platz in der ersten Reihe der Kletterszene. Auch wenn sie selbst gerne sagt, sie »klettert ein bisschen und redet viel«, ist sie jemand, der zuhört, beobachtet und gestaltet.

Das Interview entstand in der Zusammenarbeit mit Nature Climbing.

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Credits: Titelbild: Daniel Gajda

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