Die beiden Alpinistinnen Fay Manners und Mathilde Badoual haben an der Nordwestwand des Nordend (4.608 m) eine neue Route erschlossen. »Neue Ära« (6c, ED+, 550 m Klettern) ersetzt den einst von Schnee geprägten Anstieg durch anhaltendes technisches Felsklettern.
Eine Idee aus der Genesung
Im Sommer 2025 verbrachte Fay Manners zwei, laut eigenen Aussagen, »frustrierende Monate« mit der Genesung einer Sprunggelenksverletzung. Sie beschäftigte sich mit den Bergen rund um Zermatt. Ein Gipfel ließ sie nicht mehr los: die markante Nordwestwand und der elegante Grat des Nordend (4.608 m), einer der fünf höchsten Gipfel der Schweiz und der Alpen. Schon damals stand für Manners fest, im folgenden Sommer eine neue Linie an dieser Wand zu eröffnen.

Inspiration und ein Name lange vor dem Start
Beim Studium der Wand durchs Fernglas fiel Manners‘ Blick auf eine spektakuläre orange Verschneidung im unteren Teil, höher oben fesselte sie ein linksziehendes Risssystem am roten, dreieckigen Turm.
Auch die Geschichte der Region lieferte Inspiration: Nur wenige Kilometer entfernt bestieg die Engländerin Lucy Walker 1871 als erste Frau das Matterhorn – zu einer Zeit, als die viktorianische Gesellschaft von Frauen erwartete, Abenteuer zu beobachten statt selbst zu erleben. Im Geiste solcher Pionierinnen wollte Manners ein weiteres Kapitel hinzufügen. Den Namen hatte sie längst vergeben: Neue Ära. Er steht für den sich wandelnden Berg und für eine neue Art, ihn zu klettern: eine Route, die aus dem Gletscherschwund geboren wurde.

Zwei Tage in der Wand
Frisch akklimatisiert aus Peru nutzte Manners ein schmales Wetterfenster vor ihrer nächsten Expedition. Sie nahm kalte Temperaturen und starken Wind in Kauf. Stabile Bedingungen waren ihr lieber als die zuvor in den Alpen herrschende Hitze. Als Partnerin lud sie die französische Alpinistin Mathilde Badoual ein.

Am 14. Juni reisten die beiden mit der Bahn nach Gornergrat, trugen ihre Ausrüstung über den Gletscher und biwakierten unter der Wand. Am nächsten Morgen warteten sie bis etwa 8 Uhr, damit der Fels leicht aufwärmte.
Die einleitende Verschneidung hielt, was Manners sich erhofft hatte: steiler, kompakter Fels, perfekte Handklemmer, parallele Risse für die Füße und ausgezeichnete Möglichkeiten zur Absicherung. Höher oben folgten sie natürlichen Risssystemen durch Kamine und heikle Platten, immer wieder überrascht von der Qualität von Fels und Absicherung. Am Abend erreichten sie ein geräumiges Band unter dem Roten Turm, wo sie bei starkem Wind und Kälte biwakierten.

Bei Sonnenaufgang nahmen sie sich das Feature vor, das die Route von Beginn an inspiriert hatte: den Roten Turm. Sie verbanden durchgehende Risssysteme, ausschließlich mit mobilen Sicherungen abgesichert. Linksziehende Risse führten schließlich unter ein kleines Dach, wo unerwartet gute, kleine Sicherungen die schönste Kletterei der Route schützten.
Der Weg zum Gipfel
Über dem Roten Turm erreichten die beiden den eleganten Gipfelgrat des Nordend. Auf den Museumsfotos von 1933 war er noch vollständig verschneit, 1976 waren Abschnitte bereits Fels, heute hat sich noch mehr verändert. Manners und Badoual wechselten zwischen dem Queren unter Türmen und dem Balancieren auf der ausgesetzten Schneide, bevor sie die Schneefelder zum Gipfel erreichten. Hier folgten sie der bestehenden Route, denn am elegantesten Abschluss des Berges wollten sie nichts verändern.
Dann schlug das Wetter um. Ein kurzer, aber heftiger Sturm brachte Whiteout, Schneefall und null Sicht. Der finale Aufstieg und der Abstieg über die Normalroute mit ihren wolkenverhangenen Wächten verlangten Geduld und sorgfältige Teamarbeit. Frischer Schnee verdeckte die Spalten, in die das Team mehrfach unverhofft einbrach. Stunde um Stunde arbeiteten sie sich hinunter, bis sie schließlich in Dunkelheit erleichtert die Hütte erreichten.

Ein moderner Klassiker?
»Neue Ära« bietet rund 500 Meter Kletterei auf bemerkenswert festem Gneis. Die Route verlangt eine gute Auswahl an kleinen Sicherungen, ist aber durchgehend gut absicherbar und verbindet hochwertige Trad-Kletterei mit klassischem Alpinismus. Für den oberen Berg empfhielt Manners Wiederholer:innen Steigeisen und Pickel. Vom technischen Fels geht es nahtlos über in den spektakulären Gipfelgrat, was der Linie echten alpinen Charakter verleiht.
Die ursprünglichen Routen existieren in ihrer alten Form nicht mehr. Neue Ära ist keine Variante, sondern ein moderner Ersatz – die Wand, wie sie heute ist.
Fay Manners
Manners betont, wie viel Freude ihr das Erforschen der älteren Linien und ihres Stils bereitet hat. Obwohl Neue Ära den finalen Gipfelaufstieg mit den Vorgängerrouten teilt, betrachten Manners und Badoual sie als eigenständige Route und nicht als Variante – die ursprünglichen Linien existierten durch die Transformation des Berges nicht mehr in ihrer alten Form. In diesem Sinn ist die Neue Ära ein moderner Ersatz, der die Realität der Wand widerspiegelt, wie sie heute existiert.
Routendaten »Neue Ära«
Berg: Nordend (4.608 m), Wallis
Erstbegehung: Fay Manners & Mathilde Badoual, 15./16. Juni
Grad: 6c, ED+
Länge: 550 m Felskletterei (17 Seillängen), 1.308 m bis zum Gipfel
Fels: Gneis
Absicherung: Trad, Auswahl kleiner mobiler Sicherungen; Steigeisen und Pickel für den oberen Berg
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