33 Seillängen, 900 Meter, 13 Tage in der Wand: Fay Manners und Roger Schäli erschließen mit „Solar Eclipse“ eine neue Linie durch die Eiger-Nordwand. Den Namen gibt ihnen ein Moment, den die beiden vom Portaledge aus erleben – die Sonnenfinsternis vom 12. August 2026.
Ich hatte noch nie eine Sonnenfinsternis gesehen. Meine erste dann ausgerechnet aus der Eiger-Nordwand zu erleben, während wir in einer Wand saßen, in der wir gerade eine neue Route eröffnet hatten – das war ziemlich surreal.
Fay Manners
Die Eiger-Nordwand braucht sicherlich keine Einführung. Sie ist die berühmteste Wand der Alpen und untrennbar verbunden mit den Tragödien der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, als hier zahlreiche Kletterer ums Leben kamen, sowie mit ihrer Erstbegehung von 1938, einem der großen Momente des europäischen Alpinismus. Und dann ist da dieser Kontrast: Während in der Wand die Isolation herrscht, fahren täglich Tausende Tourist:innen mit der Bahn hinauf zum Jungfraujoch. Von unten sind Kletternde nur winzige Punkte, von der Wand aus ist vom Trubel ringsum praktisch nichts zu spüren. Für Schäli und Manners gehört genau das zu dem, was das Klettern am Eiger so einzigartig macht.

Vier Seillängen und eine lange Zwangspause
Das Projekt beginnt Jahre vor der Erschließung. Zwei Sommer zuvor richten Roger Schäli und Raphael Schmid die ersten vier Seillängen ein. Dann liegt die Linie still: Schäli muss sich einer Meniskusoperation unterziehen, die Rehabilitation zieht sich.
In diesem Sommer kehren Schäli und Fay Manners endlich an die Wand zurück. Schmid ist für die ersten beiden Tage dabei, bevor er zum Bau seiner neuen Boulderhalle abreist. Oskar Gertsch dagegen bleibt über das gesamte Projekt hinweg im Team: er schleppt Material, Essen und Wasser an die Wand und hilft beim Handling der Fixseile, während sich die Seilschaft nach oben arbeitet. Ohne diese Logistik im Rücken wäre die Erstbegehung in dieser Form kaum möglich gewesen.

Der Wand folgen, statt eine Linie zu erzwingen
Der untere Wandteil gibt seine Linie vergleichsweise bereitwillig preis. Schäli kennt die Nordwand wie kaum jemand sonst, unter anderem durch seine Begehungen der Ghilini-Piola-Direttissima und der Goubal-Goubal, und weiß, wie die einzelnen Wandzonen sich verhalten.
Weiter oben ändert sich der Charakter deutlich. Das Gelände wird dreidimensional und steiler, versteckte Verschneidungen, wechselnde Neigungen, Risssysteme und Verschneidungen machen es unmöglich, die logische Linie von unten zu lesen. Statt eine vorgezeichnete Route zu erzwingen, folgen Schäli und Manners den Schwachstellen der Wand, so wie sie sich Seillänge für Seillänge zeigen. Herausgekommen ist eine abwechslungsreiche Route mit durchgehend steiler Kletterei.

Bohrhaken, wo es sein muss – Abenteuer, wo es geht
Beim Absicherungsstil setzen die beiden auf einen Mittelweg. An kompakten, strukturarmen Passagen führt kein Weg an Bohrhaken vorbei. Überall dort, wo mobile Sicherungen möglich sind, verzichten Manners und Schäli aber darauf. Künftige Seilschaften sollen ihre Friends, Pecker und Haken selbst setzen und ihre eigenen Entscheidungen treffen. Alle Standplätze sind jedoch eingebohrt.
Die letzten vier kurzen Seillängen folgen der bestehenden Ghilini-Piola. Dieser Abschnitt wurde – mit dem Einverständnis von Michel Piola – saniert und die alten Bohrhaken ersetzt, dort, wo die Originalroute ohnehin schon eingerichtet war.
Wer „Solar Eclipse“ wiederholen will, braucht deshalb solides Trad-Handwerk: eine gute Auswahl an Friends ist Pflicht, Pecker und Schlaghaken können in einzelnen Passagen nützlich sein.

Vorläufig 7c/7c+ – obligatorisch mindestens 7a
Auf die Frage nach dem Grad hin, zeigt Schäli sich nachdenklich: „Was mir bei vielen reinen Kletterern auffällt, die bisher wenig im alpinen Gelände und auf alpinen Abenteuerrouten unterwegs waren, ist, dass vor allem nach der absoluten Kletterschwierigkeit gefragt wird, was für solche Route extrem wenig aussagt!“ erklärt der schweizer Alpinist. „Bei Solar Eclipse und auch bei vielen der langen Eiger-Routen musst du kein solider 8er-Kletterer im französischen Grad sein. Viel wichtiger ist, dass du dich in diesem Gelände sicher bewegst: dass du den Fels lesen kannst und genau weißt, wo du klettern musst, dass du mit mobiler Absicherung im Kalk umgehen kannst, dass du auch mit dem Hammer Haken und Pecker nachschlagen kannst und dass du nicht gleich in Panik gerätst, wenn der Fels nicht wie in Céüse ist“, fährt Schäli fort.
Bei Solar Eclipse und auch bei vielen der langen Eiger-Routen musst du kein solider 8er-Kletterer im französischen Grad sein. Viel wichtiger ist, dass du dich in diesem Gelände sicher bewegst.“
Roger Schäli
Die aktuelle Einschätzung liegt bei rund 7c/7c+ für die technische Gesamtschwierigkeit. Der obligatorische Grad dürfte bei mindestens 7a liegen. „Die Route verlangt durchgehend Commitment, weil man in vielen Passagen über der letzten Sicherung klettern muss.“ erzählt uns Roger Schäli weiter. „Der Charakter der Route entsteht deshalb nicht nur durch die einzelnen Züge, sondern auch durch die Ausgesetztheit und die Entschlossenheit, die es braucht, um die Abstände zwischen den Sicherungen durchzuziehen.“
Zwei Seillängen nennt Schäli, die den Charakter von „Solar Eclipse“ für ihn besonders gut einfangen. Seillänge 14 ist eine Querung, extrem ausgesetzt, mit dem Gefühl, völlig allein mitten in der Nordwand zu hängen. Wer den Standplatz verlässt, muss sich auf eine Serie kniffliger Züge einlassen und die Position macht die ganze Länge wild und aufregend. Seillänge 25 funktioniert anders: Sie startet steil direkt vom Absatz weg, zunächst über Fels, dessen Festigkeit sich nicht sofort einschätzen lässt und mit einigen weiten Zügen. Weiter oben wird es senkrecht und technisch, mit einer schönen Sequenz, die starke Finger und präzises Klettern verlangt. Beide Längen schätzen die beiden Erschließer:innen auf etwa 7a bis 7b.

Und die Crux?
Die Schlüsselstelle liegt laut Schäli in Seillänge 15. Laut dem schweizer Profi Alpinisten sie war so fordernd, dass die beiden sie untereinander aufgeteilt haben, statt sie eine Person durchziehen zu lassen. Den ersten Teil, eine Linksquerung, übernahm Fay Manners.
„Ein Griff brach aus, und sie stürzte sehr weit. Danach kletterte sie weiter, erschloss die erste Hälfte der Seillänge und sicherte sie ab – ein ziemlich mutiger und fordernder Vorstieg.“
Roger Schäli
Die zweite Hälfte übernahm dann Schäli: eine Reihe harter Züge über ein kleines Dach, dazu brüchiger, schuppiger Fels, der noch geputzt werden muss. Die Zugfolge ist bis heute nicht sauber ausgeknobelt. Genau deshalb ist Seillänge 15 die Länge, zu der die beiden am dringendsten zurückwollen: Sie wird die endgültige Schwierigkeit der Route bestimmen und einen definitiven Grad wollen Manners und Schäli erst vergeben, wenn sie geklettert und geputzt ist.
Ernster als „Odyssee“?
Aus alpinistischer Sicht hält Schäli „Solar Eclipse“ aktuell für einen Tick fordernder als seine Eiger-Route „Odyssee“ (8a+, 1400 m), die er 2015 gemeinsam mit Robert Jasper und Simon Gietl erstbeging. Grund dafür seien vor allem die Querungen und die Notwendigkeit, die logische Linie durch die natürlichen Schwachstellen überhaupt erst zu finden. „Odyssee“ verläuft deutlich direkter, zwischen „La Vida es Silbar“ und „Paciencia“. Beim reinen technischen Schwierigkeitsgrad sieht Schäli hingegen weiterhin „Odyssee“ vorn. Endgültig einordnen lässt sich das erst, wenn „Solar Eclipse“ rotpunkt geklettert wurde.
Eine Sonnenfinsternis als Namensgeberin
Der eindrücklichste Moment kommt hoch oben in der Wand. Vom Portaledge aus beobachten die beiden am 12. August die partielle Sonnenfinsternis über dem Berner Oberland. Das Licht ändert sich, die Farben werden unwirklich, und der Moment zieht sich scheinbar endlos. Es habe sich weniger angefühlt, als schaue man vom Boden aus hinauf, erzählt Manners, sondern eher, als sei man auf Augenhöhe mit dem Ereignis. Es war ihre erste Sonnenfinsternis überhaupt. Der Sonnenuntergang, die angeknabberte Sonnenscheibe, darunter der Nebel über dem Tal. Die beiden Alpinist:innen hängend in der Eiger-Nordwand, komplett abgekoppelt von der Welt da unten. Der Moment gibt der Route ihren Namen: „Solar Eclipse“.

Der Moment ist außerdem so besonders für beide, weil er nicht geplant war. „Andere reisen an und rechnen sich genau aus, wo sie stehen müssen, um so etwas zu sehen und wir waren einfach da.“ erinnert sich Manners.
Wir waren völlig allein, hoch oben in der Wand, unter uns Grindelwald und vor uns die Sonnenfinsternis. Es fühlte sich wie ein echtes Privileg an, einfach dazusitzen und das zu erleben, ohne an irgendetwas anderes denken zu müssen.
Fay Manners
Bleibt die Reaktion, die Manners im Nachhinein am meisten amüsiert hat: Ihre Mutter habe hinterher vor allem wissen wollen, ob sie denn auch eine richtige Schutzbrille getragen hat. Die Sorge um die Augen ihrer Tochter war offenbar größer als die um den Umstand, dass diese 24 Seillängen hoch in der Eiger-Nordwand saß.

Warum ausgerechnet der Eiger?
Manners hat in den vergangenen Jahren Routen in Pakistan, Norwegen und Patagonien eröffnet. Der Eiger, sagt sie, sei trotzdem noch einmal etwas anderes – weil er in den Alpen steht und weil so viel Geschichte an dieser Wand hängt. Es ist ein Berg, den sie ihr Leben lang immer wieder sehen wird, so wie unzählige andere Kletternde auch. Von der Historie der Nordwand habe sie sich lange inspirieren lassen. Jetzt selbst ein kleiner Teil davon zu sein, fühle sich besonders an.
Es ist nicht einfach eine Route, die ich irgendwo weit weg eröffnet habe und vielleicht nie wiedersehe. Ich kann zurückkommen, sie mir anschauen, sie noch einmal klettern – und hoffentlich zusehen, wie andere ihre Freude an ihr haben.
Fay Manners
Frauen an der Eiger-Nordwand
Für Fay Manners hat die Erstbegehung eine zusätzliche Bedeutung: als Frau, die an einer der geschichtsträchtigsten Wände der Alpen eine neue Linie eröffnet.
Im März 1992 durchsteigt Catherine Destivelle als erste Frau die Nordwand im Winter im Alleingang – über die Heckmair-Route, in rund 17 Stunden. Es ist der Auftakt ihrer berühmten Solo-Wintertrilogie, die sie 1993 an den Grandes Jorasses und 1994 am Matterhorn abschließt. 2019 eröffnen Nina Caprez, Roger Schäli und Sean Villanueva O’Driscoll mit „Merci La Vie“ eine acht Seillängen lange, 300 Meter hohe Route am Genfer Pfeiler der Nordwand.
Manners selbst zieht aus dem Projekt vor allem eine Bilanz über die eigene Entwicklung: Eine 33-Seillängen-Route zu zweit zu eröffnen, sei extrem fordernd gewesen und für sie ein deutliches Zeichen dafür, wie viel sie im Punkt des Erschließens von neuen Linien dazugelernt hat: „Als Frau bedeutet es mir auch etwas, zu zeigen, dass solche großen, technischen Erstbegehungen nicht nur etwas sind, das Männer machen können.“ erzählt Manners uns. „Ich hoffe, es kann andere Frauen dazu bringen, es selbst zu versuchen, sich ehrgeizige Projekte vorzunehmen und zu merken, dass sie an solche Orte genauso gehören.“

Wie es weitergeht
Aktuell zählt „Solar Eclipse“ 33 Seillängen und hat einen ausgesprochen ernsten, alpinen Charakter. Die Route ist nichts für Seilschaften, die sich auf Bohrhaken verlassen wollen: Trad-Absicherung, Haken, Pecker und Routenfindung im steilen Gelände gehören zwingend dazu.
Im kommenden Frühjahr wollen Manners und Schäli zurückkehren, mit dem Ziel, „Solar Eclipse“ Rotpunkt zu klettern und die verbliebenen Fixseile abzubauen. Danach soll ein detailliertes Topo folgen. Die Hoffnung der beiden: dass sich die Linie zu einem fordernden, aber lohnenden Ziel für erfahrene Alpinist:innen entwickelt.
Es ging den beiden nicht darum, dem Eiger einfach eine weitere Route hinzuzufügen. Manners und Schäli wollten eine Linie, die Geschichte und Charakter der Wand respektiert. Eine Route, bei der auch künftige Kletternde noch das Gelände lesen, über ihre Absicherung entscheiden und dieses Gefühl von „Erkundung“ erleben müssen, das eine große alpine Erstbegehung ausmacht.
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Credits: Titelbild: Daniel Coquoz

