Bergsteigen trifft Klimakrise: Werden tragische Unfälle wie an der Marmolata häufiger?

Das aktuelle Unglück an der Marmolata, bei dem mindestens sieben Menschen durch einen Gletscherbruch getötet wurden, bestätigt in trauriger wie eindrücklicher Weise, was leider offensichtlich ist: Die alpinen Gefahren beim Bergsteigen nehmen mit fortschreitender Erderwärmung zweifellos zu. 

«Im konkreten Fall des Marmolata-Unglücks vom 3. Juli 2022 waren es vor allem die konstant hohen Temperaturen und die dadurch rasante Zunahme des Schmelzwassers im Inneren des Gletschers, die zum Abgleiten der riesigen Eisschuppe geführt haben», erklärt Thomas Wanner, Bergsportexperte beim Österreichischen Alpenverein.

Und er präzisiert: «Mit einer vorherrschenden Lawinengefahr, wie in zahlreichen Medien berichtet, hat das Unglück am höchsten Dolomitenberg allerdings nichts zu tun. Wenngleich die Folgen, nämlich das Hinabstürzen riesiger Fels- und Eismassen, im Endeffekt ein ähnliches Ergebnis bringt.»

«Im konkreten Fall des Marmolata-Unglücks vom 3. Juli 2022 waren es vor allem die konstant hohen Temperaturen und die dadurch rasante Zunahme des Schmelzwassers im Inneren des Gletschers, die zum Abgleiten der riesigen Eisschuppe geführt haben»

Thomas Wanner, Bergsportexperte beim Österreichischen Alpenverein

Das Bergsteigen wird gefährlicher

Die Gefahr von Eis- und Felsschlag, die Absturzgefahr auf steilen Blankeisfeldern, sowie die erhöhte Spaltensturzgefahr auf dünner Firnauflage sind konkrete Beispiele für die Zunahme des Gesamtrisikos beim Bergsteigen. Sie stehen unmittelbar mit dem Klimawandel in Zusammenhang.

«Felsstürze sind oft auf das verstärkte Abschmelzen des Permafrosteises zurückzuführen, der ‚Kit der Alpen‘ löst sich langsam auf. Davon betroffen sind vor allem steile Felsflanken, nordseitig ausgerichtet und auf über 2.500 m Seehöhe» weiss Marco Gabl aus der Abteilung Hütten, Wege und Kartographie beim Österreichischen Alpenverein.

«Felsstürze sind oft auf das verstärkte Abschmelzen des Permafrosteises zurückzuführen, der ‚Kit der Alpen‘ löst sich langsam auf. Davon betroffen sind vor allem steile Felsflanken, nordseitig ausgerichtet und auf über 2.500 m Seehöhe.»

Marco Gabl aus der Abteilung Hütten, Wege und Kartographie beim Österreichischen Alpenverein

«Durch das Abschmelzen werden diese Gebiete zunehmend instabil. Je heisser der Sommer, desto tiefer taut der Permafrost und desto instabiler werden auch die steilen Felswände», so der Wegeexperte des Alpenvereins.

Aber auch die niedrigeren Regionen sind betroffen: Studien gehen davon aus, dass bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts die Frequenz sogenannter extremer Jahrhundertereignisse um 10 bis 20 Prozent steigen wird. Das bedeutet für die Praxis mehr Steinschläge, mehr Vermurungen und damit mehr Schäden an der alpinen Infrastruktur.

«Durch das Abschmelzen werden diese Gebiete zunehmend instabil. Je heisser der Sommer, desto tiefer taut der Permafrost und desto instabiler werden auch die steilen Felswände.»

Marco Gabl aus der Abteilung Hütten, Wege und Kartographie beim Österreichischen Alpenverein

Die Wege auf die Berge ändern sich

Klassische Hochtouren verschieben sich in Zukunft immer weiter in Richtung Frühjahr, weil man früher im Jahr noch mehr Schnee auf den Gletschern vorfindet, die Bedingungen also geeigneter sind. Auch in den österreichischen Alpen haben sich zahlreiche Normalanstiege auf bekannte Gipfel bereits sehr verändert und sind mittelfristig womöglich gar nicht mehr zu begehen.

«Das Zuckerhütl in den Stubaier Alpen wird von den lokalen Bergführern im Sommer seit einigen Jahren wegen zunehmender Steinschlaggefahr gar nicht mehr angeboten, auch der Normalweg auf den Grossglockner wurde bereits verlegt», weiss Thomas Wanner. Sogar das berühmte Matterhorn wird aufgrund des auftauenden Permafrostes regelmässig komplett gesperrt.

«Das Zuckerhütl in den Stubaier Alpen wird von den lokalen Bergführern im Sommer seit einigen Jahren wegen zunehmender Steinschlaggefahr gar nicht mehr angeboten, auch der Normalweg auf den Grossglockner wurde bereits verlegt.»

Thomas Wanner, Bergsportexperte beim Österreichischen Alpenverein

Der Alpenverein rät, sich speziell vor spät in der Saison geplanten Hochtouren umfassend bei den lokalen Bergführerbüros und Hütten über die aktuellen Verhältnisse zu informieren. Vor allem heuer, wo der Winter sehr niederschlagsarm war und die Firnauflage zu einem grossen Teil bereits jetzt im Frühsommer weggeschmolzen ist – und ein Hitzerekord den nächsten jagt. 

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Credits: Titelbild Vincentiu Solomon

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