«Diese Route ist eine der wichtigsten Leistungen unserer alpinistischen Karriere»

Die Gebrüder Pou und Micher Quito eröffnen in der Südostwand des Copa (6190m) im Alpinstil eine knallharte Route: Puro Floro (M7/95°/A2/1,000m). Das starke Trio bezeichnet ihre Neutour in der peruanischen Cordillera Blanca als ihre bis Dato härteste alpinistische Erstbegehung.

Die Basken Iker und Eneko Pou und der Peruaner Micher Quito sind eine eingeschworene Klettergemeinschaft, die in den peruanischen Anden schon so manche Erstbegehung auf ihrem Konto stehen hat. Mitte Juli ist den drei Alpinisten in der Südostwand des 6190 Meter hohen Copa eine Erstbegehung gelungen, die es in sich hat und eine der wichtigsten Errungenschaften ihrer Karriere darstellt: Puro Floro (M7/95°/A2/1,000m)

Es war unglaublich, schwierig, hart und herausfordernd. Wir waren am Ende erschöpft, aber es war ein unglaubliches Abenteuer

Gebrüder Pou
Während vier Tagen eröffnen die Gebrüder Pou und Micher Quito im Alpinstil die Route Puro Floro in der Südostwand des Copa. Bild: Gebrüder Pou
Während vier Tagen eröffnen die Gebrüder Pou und Micher Quito im Alpinstil die Route Puro Floro in der Südostwand des Copa. Bild: Gebrüder Pou

Ein Erfahrungsbericht der Gebrüder Pou

Am ersten Tag erreichten wir das Moränenlager neben dem Gletscher, auf fast 5000 Meter Höhe. Wir schliefen in zwei Zelten; wir waren in einem, unser peruanischer Partner Micher Quito und der Expeditionskameramann Alexander Estrada im anderen.

Der zweite Tag begann um 4:20 Uhr. Während Alex im Hochlager blieb, machten wir drei uns auf den Weg zum Einstieg der Route. Wir standen vor 1200 Meter unbekanntem Terrain, aber der sternenklare Himmel und unsere Stirnlampen beleuchteten den Weg.

Eisiges Biwak während der Erstbegehung von Puro Floro. Bild: Gebrüder Pou
Eisiges Biwak während der Erstbegehung von Puro Floro. Bild: Gebrüder Pou

Luftiges Biwak auf schmalem Felsband

Zwei Stunden später mit der Morgendämmerung begannen wir mit dem Klettern. Eine imposante 1000 Meter Wand aus Fels, Schnee und Eis erhob sich vor uns. Wir bewältigten schnell die ersten 200 m auf steilen Schneehängen, wurden dann aber langsamer auf sehr schwierigem gemischtem Gelände, das Eispickel und Steigeisen erforderte.

Wir wechselten uns im Vorstieg ab, jeder Kletterer tauschte, wenn er müde wurde. Auf diese Weise überwanden wir bis 16.30 Uhr einige herausfordernde und überhängende Abschnitte. Nach zwölf Stunden ununterbrochener Kletterei fanden als wir ein kleines Felsband, um zu biwakieren. Die Wand war so senkrecht, dass wir auf dem ganzen Weg keinen anderen Platz wie diesen gesehen hatten.

Um 18.00 Uhr war es völlig dunkel. Wir hatten gerade genug Zeit, drei Schlafplätze – halb sitzend – einzurichten und Schnee zu schmelzen für unsere gefriergetrockneten Mahlzeiten und zur Hydration. Es dauerte über anderthalb Stunden, diese Aufgabe zu beenden und etwas Ruhe zu finden.

Wir schliefen in unseren Gurten, am Fels gesichert. Wir waren auf 5640 Meter Höhe und jede unglückliche Bewegung hätte uns 400 Meter in die Tiefe schicken können.

Gebrüder Pou

Wir schliefen kaum: Das schmale Band war sehr unbequem, der Abgrund direkt daneben und die dünnen Schlafsäcke spendeten kaum Wärme. Wir verbrachten den größten Teil der Nacht damit, unsere Finger und Zehen zu bewegen, um nicht zu erfrieren.

«Wir wechselten uns im Vorstieg ab, jeder Kletterer tauschte, wenn er müde wurde.» Bild: Gebrüder Pou
«Wir wechselten uns im Vorstieg ab, jeder Kletterer tauschte, wenn er müde wurde.» Bild: Gebrüder Pou

Zu früh gefreut

Trotz des mangelnden Schlafs wachten wir unversehrt auf. Um 8.00 Uhr kletterten wir in der Hoffnung weiter, noch am selben Tag aus der Wand zu kommen. Wir dachten, es würde einfacher werden, aber es blieb so steil, dass überhängende Abschnitte uns weiterhin verlangsamten.

Der einzige Vorteil war, dass wir im oberen Teil der Route mehr Eis fanden, was unseren Fortschritt verbesserte. Als wir uns dem Gipfel näherten, schwächten uns starke Winde und die Temperaturen, die mit dem Sonnenuntergang drastisch sanken.

Kurz vor 17.00 Uhr, mit nur noch einer Stunde Tageslicht, erreichten wir den Grat auf 6000 Metern Höhe. Nach neun Stunden waren wir aus der Senkrechten heraus, und trotz der eisigen Temperaturen waren wir glücklich, auf flachem Boden zu stehen. Aber noch immer trennten und 200 Höhenmeter vom Gipfel und die Nacht brach herein.

Anhaltend steile, manchmal auch überhängende Kletterei charakterisieren die Neutour von den Gebrüder Pou und Micher Quito. Bild: Gebrüder Pou
Anhaltend steile, manchmal auch überhängende Kletterei charakterisieren die Neutour von den Gebrüder Pou und Micher Quito. Bild: Gebrüder Pou

Eisige Nacht im Schneeloch

Wir bewegten uns so gut wir konnten, spurten in tiefem Schnee, aber wir waren sehr müde. Eine Stunde später erkannten wir, dass wir den Gipfel ohne Licht und erschöpft nicht erreichen konnten. Es war Zeit, sich für ein weiteres Biwak zu entscheiden…

Für uns war dies die schlimmste Option: wir hatten den ganzen Tag nur zwei Energieriegel gegessen, einen zum Frühstück und einen während des Aufstiegs. Der Abendwind hatte die Temperaturen auf weit unter null gesenkt, und unsere Körper waren durch den Mangel an Energie extrem erschöpft – aber wir hatten keine Wahl.

Wir gruben ein Loch ins Eis, legten unsere Matten und Schlafsäcke aus und kuschelten uns zusammen, um das bisschen Wärme zu bewahren, welches wir hatten.

Gebrüder Pou

Kochen ad extremis

Es war so windig, dass wir kaum den Kocher anzünden konnten, um eine Suppe und eine Mahlzeit für uns drei zu erhitzen – das einzige warme Essen, das wir noch hatten. Beim Kochen verbrannte Iker einen Teil seines Schlafsacks, da wir keine andere Wahl hatten, als zu versuchen, Wasser darin zu kochen.

Es war eine verzweifelte Maßnahme, aber ohne diesen Versuch hätten wir gar kein warmes Essen gehabt, was das Überleben in der extrem harten Nacht auf 6032 Metern Höhe arg gefährdet hätte. Das Kochen dauerte lange, weil der Wind die Flamme immer wieder ausblies.

Die klettertechnischen Anforderungen sorgten dafür, dass das Trio langsamer vorwärts kam, als es sich zu Beginn erhofft hatte. Bild: Gebrüder Pou
Die klettertechnischen Anforderungen sorgten dafür, dass das Trio langsamer vorwärts kam, als es sich zu Beginn erhofft hatte. Bild: Gebrüder Pou

Eine folgenschwere Entscheidung

Um 5.00 Uhr morgens wachten wir auf. Es war bei weitem eine der schlimmsten Nächte unseres Lebens gewesen. Zum zweiten Mal in Folge schliefen wir kaum, versuchten, unsere Gliedmaßen vor dem Erfrieren zu bewahren.

Aber da waren wir, lebendig und entschlossen, den Gipfel zu erreichen…

Gebrüder Pou

Wir schafften es um 8.15 Uhr, nach einem unglaublichen Kampf im Spuren. Wir umarmten uns oben, glücklich. Wir waren körperlich so erschöpft vom Schlafmangel, der fehlenden Nahrung und Ruhe sowie der kontinuierlichen Anstrengung von drei Tagen, dass wir es nicht geschafft hätten, wenn der Gipfel hundert Meter höher gewesen wäre.

In diesem Moment trafen wir eine drastische Entscheidung, die wir während des Aufstiegs überlegt hatten: Wir würden die andere Seite hinabsteigen, weil wir uns nicht in der Lage fühlten, den Weg zurückzugehen, den wir heraufgekommen waren. Die Wand war zu groß, zu senkrecht und zu gefährlich.

Puro Floro bietet das volle alpinistische Programm: Steiles Eis, anspruchsvolles Mixedgelände sowie Gratkletterei in losem Schnee. Bild: Gebrüder Pou
Puro Floro bietet das volle alpinistische Programm: Steiles Eis, anspruchsvolles Mixedgelände sowie Gratkletterei in losem Schnee. Bild: Gebrüder Pou

Aber wir hatten einen Vorteil: Es war noch früh, und es gab genug Licht, um den Weg zwischen Eistürmen und Gletscherspalten zu finden, die so groß waren, dass sie selbst die mutigsten Alpinisten erschrecken würden. Nach mehrmaligem Abseilen an beeindruckenden Seracs und einigen Stunden des Abstiegs erreichten wir das Ende des Eises.

Aber wir hatten immer noch einen langen Weg vor uns, um die 3000 Meter Höhenunterschied zu bewältigen, bis wir abgeholt würden. Wir erreichten unser Ziel erst um 17.00 Uhr nach einem weiteren intensiven zehnstündigen Tag, diesmal ohne jegliches Essen…

Am nächsten Tag, sicher zurück in unserer Unterkunft in Huaraz, erfuhren wir, dass jeder von uns vier Kilogramm abgenommen hatte… Aber all das Leiden war es wert, denn wir vollendeten unsere bisher beste Route im Alpinismus. Die Cordillera Blanca belohnte uns einmal mehr mit einem großartigen Aufstieg.

Topo von Puro Floro (M7/95°/A2/1000m)

TOPO_PUROFLORO
TOPO_PUROFLORO

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Credits: Titelbild Gebrüder Pou

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