Erstbegehung der Westwand des Tahu Rutum: „The Leopard of Higher Ground“

Siebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll und Symon Welfringer haben im pakistanischen Karakorum die Westwand des 6.651 m hohen Tahu Rutum erstbegangen. Ihre 1500 Meter lange Route „The Leopard of Higher Ground“ verbindet über eine Reihe steiler Schneetraversen die untere Felswand mit der Gipfelspitze. Die Route konnten sie als Team Free Ascent klettern, jede Seillänge rotpunkt.

Eine Wand mit Geschichte

Der Tahu Rutum – lokal auch Taa Hurutum genannt – erhebt sich in der Nähe des Hispar-Gletschers und gilt mit seinem patagonisch anmutenden Profil als eines der markantesten und unnahbarsten Ziele im Karakorum. Der Gipfel war zuvor erst ein einziges Mal bestiegen worden: 1977 durch eine japanische Expedition über den Südwestgrat. Die Westwand blieb bisher unberührt.

Der Tahu Rutum (6,651m), oder auch Taa Hurutum, im Karakorum | Bild: Symon Welfringer

Für Siebe Vanhee beginnt die Geschichte 2014 mit einer Begegnung mit Kyle Dempster. Der US-Alpinist, der 2016 in Pakistan verschwand, hatte die Westwand 2008 im Alleingang versucht. Damals verbrachte er 23 Tage in der Wand, 200 Meter unter dem Gipfel musste er jedoch umkehren. Seither ließ die Wand Vanhee nicht mehr los.

Die „lächerlichste Linie“

Im Mai 2026 stellte der belgische Profikletterer also ein Team zusammen: Symon Welfringer, Pete Whittaker sowie Sean Villanueva O’Driscoll. Am 25. Mai reisten die vier ins Karakorum, doch im Basislager erwischte es Whittaker mit Höhenkrankheit, die ihn zum Rückzug zwang. Zu dritt gingen die Verbliebenen am 15. Juni an die Wand.

v.l Sean Villanueva O’Driscoll, Siebe Vanhee und vorne Symon Welfringer am Gipfel des Tahu Rutum nach der Erstbegehung der „lächerlichsten Linie“ | Bild: Symon Welfringer

Statt des naheliegenden Gletscherzustiegs von links wählte das Trio den Einstieg von rechts: acht Seillängen brüchiger Fels, danach steile Schneetraversen und mühsames Haulen, bevor überhaupt die Hauptwand begann.

Wir haben die lächerlichste Linie gewählt, die kein Alpinist wählen würde.

Siebe Vanhee

„Wir haben die lächerlichste Linie gewählt, die kein Alpinist wählen würde“, so Vanhee. „Diese sind wir dann im Bigwall-Stil angegangen. Ich habe ein paar Mal geflucht – warum haulen wir hier in diesem Terrain zehn Tage lang? Aber das ist, was wir tun. Es ist einfach eine Bigwall-Linie in großer Höhe, und es hat sich gelohnt.“

So verläuft „The Leopard of Higher Ground“ durch die unberührte Westwand des Tahu Rutum | Bild: Symon Welfinger

Capsule-Style über 6000 Metern

Weil das Team die Wand frei klettern wollte, entschieden sich die drei Kletterer für den „Capsule-Style“: Portaledges, Verpflegung und Material für bis zu 15 Tage werden nach oben gehault. Diese Taktik erlaubte es ihnen, während instabiler Wetterphasen in Position zu bleiben und die Begehung fortzusetzen, sobald sich die Prognose besserte.

Zwei Portaledges und genug Material für 15 Tage in der Wand – So sieht der Capsule Style in einer Bigwall aus. | Bild: Siebe Vanhee

Es war das erste Mal, dass ich im Bigwall-Stil im Hochgebirge unterwegs war. Es war eine bereichernde Erfahrung zu sehen, wie wir alpines Gelände und Bigwall-Stil kombiniert haben.

Symon Welfringer

An Tag 11 stand das vierte Camp auf 6260 Metern am Fuße der Hauptwand. Tag 12 brachte die Crux: steiles, überhängendes Gelände über 6000 Metern, Schwierigkeiten bis 7b. Für das Team, das Highlight der Expedition. Am 27. Juni erreichten Vanhee, Villanueva O’Driscoll und Welfringer bei klarer Sicht den Gipfel – nach sieben Tagen ohne Ruhetag.

Symon Welfringer zieht den Haulbag mit sich übers Schneefeld | Bild: Siebe Vanhee

Das Team erinnert sich neben dem Gipfelmoment besonders ans Haulen: Eine Tasche verklemmte sich, Vanhee ließ sich ab, um sie zu befreien. „Plötzlich riss das Haulseil an einer scharfen Kante“, erzählt Villanueva O’Driscoll. „Siebe konnte den Sack irgendwie fangen, bevor er fiel. Wäre er weg gewesen, wäre die Begehung vorbei gewesen.“

The Leopard of Higher Ground

„The Leopard of Higher Ground“ verbindet zwei Bezüge: Taa Hurutum bedeutet in der lokalen Sprache „Heimat des Schneeleoparden“. Higher Ground Coffee hieß das Café, das Kyle Dempster in Salt Lake City führte. Auf ihrer Linie kreuzte das Team Dempsters Versuch von 2008 und fand drei seiner alten Standplätze.

Es ist nach Wissen des Teams die zweite Besteigung des Tahu Rutum überhaupt – und die erste seit 1977.

Die Idee zum Projekt stammte vom Belgier Siebe Vanhee, hier im Vorstieg in seiner Linie „The Leopard of Higher Ground“ | Bild: Symon Welfringer

Die Fakten zur Linie

  • Berg: Tahu Rutum / Taa Hurutum, 6651 m, Karakorum, Pakistan
  • Route: The Leopard of Higher Ground, 1500 m, Westwand
  • Schwierigkeit: bis 7b, alle Seillängen frei geklettert
  • Länge: 20 Seillängen (8 untere Wand, 12 obere Wand, dazwischen rund 600 m Schneetraverse)
  • Gipfel: 27. Juni 2026 | 15 Tage in der Wand inkl. 2 Tage Abstieg
  • Team: Siebe Vanhee, Sean Villanueva O’Driscoll, Symon Welfringer

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Credits Titelbild: Siebe Vanhee

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