Simon Gietl hat im Alleingang sämtliche Hauptgipfel der Rosengarten-Skyline überschritten. Der Südtiroler Bergführer und Profialpinist ist der Erste, dem diese Integrale solo und im Winter gelingt. Im Gespräch mit Lacrux verrät er, was während solcher Solos in ihm vorgeht und was ihm diese Traverse bedeutet.

Insgesamt 5000 Höhenmeter überwindet Simon Gietl, als er vom 1. bis am 3. März alleine sämtliche Hauptgipfel des Rosengartens überklettert. Drei intensive Tage in völliger Abgeschiedenheit, die ihn mit seinen eigenen Stärken und Schwächen konfrontieren, ihm Glücksmomente bescheren und auch Demut lehren. Die Freiheit zu haben, solche Erlebnisse machen zu dürfen, sei für ihn ein grosses Privileg, erzählt der 37-Jährige. „Es ist nicht selbstverständlich, dass du da oben den Frieden siehst, der unweit von uns nicht mehr existiert.“

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Drei Tage benötigt Simon Gietl, um das rund acht Kilometer lange Rosengarten-Massiv im Winter im Alleingang zu überschreiten.

„Es ist nicht selbstverständlich, dass du da oben den Frieden siehst, der unweit von uns nicht mehr existiert.“

Simon Gietl

Schlag auf Schlag

Der Rosengarten liegt zwischen dem Tierser Tal im Südtirol und dem Fasstal im Trentino. Die Skyline des rund acht Kilometer langen Massivs ist zu kaum zu übersehen. Auch Simon Gietl kann seinen Blick nicht davon abwenden, wenn er nach Tiers zum Klettern fährt. Die Idee der Traverse reift schon seit einigen Jahren heran, 2022 wird es dann konkret.

Gietl kontaktiert einen lokalen Bergführerkollegen, da er selbst das Gebiet kaum kennt. „Auf gut Deutsch gesagt, hatte ich überhaupt keinen Plan“, erzählt er und lacht. Zusammen mit Egon Resch und Daniel Haböck, die viele Abschnitte des Rosengartens bereits im Sommer geklettert sind, ist man sich dann schnell einig, als Trio eine Winterbegehung zu probieren.

„Die Verletzung seiner Hand war so eindeutig, dass wir die ganze Aktion abgebrochen haben.“

Simon Gietl

Das Unterfangen läuft gut an, die Bedingungen sind optimal. Doch dann wird Egon Resch am dritten Tag von Steinschlag getroffen. „Die Verletzung seiner Hand war so eindeutig, dass wir die ganze Aktion abgebrochen haben.“ Der Bruch verspricht zwar komplett zu heilen, an eine Wiederholung der Tour ist aber nicht zu denken. Da auch Daniel Haböck abwinkt, entsteht beim Gietl die Idee, es alleine zu probieren.

Den Mut aufbringen, auch scheitern zu können

Zweieinhalb Wochen später packt der Südtiroler ein kleines Zelt, einen leichten Schlafsack, ein 8mm-Seil, Kletterausrüstung sowie Proviant für vier Tage in seinen Rucksack und zieht los. Sein Ziel: Probieren, wie weit er ohne Materialdepots unterwegs kommt. „Es ging mehr darum, den Mut aufzubringen, auch bereits dafür zu sein, scheitern zu können“, erzählt er.

Video: Eindrücke von Simon Gietls Alleingang

„Man muss schon voll konzentriert sein und das ist das, was unter dem Strich die grosse Herausforderung war.“

Simon Gietl

Gietl kommt gut voran, auch wenn in den Rinnen teilweise sehr viel Neuschnee liegt. Der Südtiroler klettert durchgehend in Bergschuhen. Die schwierigsten Seillängen – er vermutet sie im 6. Grad – jedoch ohne den 18 Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken. Entsprechend klettert er diese Seillängen gesichert an einer Umlenkrolle mit Rücklaufsperre ein zweites Mal.

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Grösstenteils klettert der Südtiroler in exponiertem Gelände, das keine Fehler verzeiht und volle Konzentration erfordert.

Die Überschreitung setzt sich grösstenteils aus exponierter Gratkletterei zusammen. Gelände, welches sich nur schwer absichern lässt und gleichzeitig keine Fehler verzeiht. „Man muss schon voll konzentriert sein und das ist das, was unter dem Strich die grosse Herausforderung war“, erzählt er. Denn alleine könne man sich auf dem Grat kaum absichern, sonst sei man ja zwei Wochen da oben.

Entscheidungen und Konsequenzen

Für Simon Gietl gehört bei Alleingängen die intensive Auseinandersetzung mit sich selber, seinen Stärken und Ängsten mit dazu. „Du findest heraus, wer du bist, wenn du alleine bist“, hält er beim ersten Biwak fest. Dieser Satz sage alles aus, was es beinhalte und bewirke, wenn man auf sich alleine gestellt sei. „Du entscheidest jede Situation selber und du lebst mit der Konsequenzen.“

„Du entscheidest jede Situation selber und du lebst mit der Konsequenzen.“

Simon Gietl

Die Verbindung aus Einsamkeit, Dunkelheit und Alleinsein sei ja sehr negativ behaftet, so der Alpinist. Aber dieses Erdrückende lasse sich auch ins Positive umwandeln. „Und das ist in solchen Situationen der Schlüssel zum Erfolg.“ Wie er das macht? Das hat unter anderem damit zu tun, dass der Prozess, einen solchen Alleingang zu wagen, sowie auch die intensive mentale Auseinandersetzung damit, bereits früher beginnt.

In der Woche vor der Überschreitung sei er vieles durchgegangen, immer und immer wieder. „Dadurch habe ich verstanden, wie wichtig es mir ist, diese Erfahrung zu machen.“ Das Gefühl sich später dann in dieser Situation zu befinden, vergleicht Gietl mit einem Film. Einen Film, den er eine Woche zuvor schauen wollte. Einen Film, in dem er jetzt mittendrin ist. „Und dann kann ich das auch geniessen, denn ich weiss, dass ich in diesem Film nur einmal mitspielen werde.“

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„Du findest heraus, wer du bist, wenn du alleine bist.“ Simon Gietl beim ersten Biwak.

Den Weg finden

Wenn er Abends beim Zelt sitzt und seinen Blick schweifen lässt, ist er nicht nur dankbar, sondern auch demütig. Der heute 37-Jährige war in seiner Kindheit ein Einzelgänger. Keiner habe mit ihm zu tun haben wollen, da er nicht nur den Schulstoff nicht verstanden, sondern auch sich als Person nicht gespürt habe. „Mit dem Klettern und Bergsteigen bin ich auf den Weg gekommen, den ich lange gesucht habe.“ Für dieses Glück sei er sehr dankbar und dieses Glück wünsche er auch jeder Person.

„Mit dem Klettern und Bergsteigen bin ich auf den Weg gekommen, den ich lange gesucht habe.“

Simon Gietl

Am Ende des dritten Tages hat Stefan Gietl den ausgesetzten Grat hinter sich. Da seine Konzentration nachlässt, beschliesst er am Wandfuss zu biwakieren und am nächsten Tag abzusteigen. Als er seinem Bergführer-Kollegen aus Tiers, der ihn mit seiner enormen Gebietskenntnisse von Gipfel zu Gipfel gelotst hatte, davon erzählt, winkt dieser ab. Sie seinen schon im Aufstieg, die Spaghetti bereit und das Bier kühlgestellt. Das sei eine super schöne freundschaftliche Geste der Beiden gewesen, sagt Gietl. Seine Solo-Traverse der Rosengartengruppe feiern sie bis tief in die Nacht.

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Credits: Titelbild: Simon Gietl

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