Wenn der Bergsport sein Fundament verliert

Die Alpen erwärmen sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Was für die Klimaforschung seit Jahren alarmierende Realität ist, spürten Bergsteigerinnen und Bergsteiger im vergangenen Sommer bei jedem Schritt im hochalpinen Gelände.

Ein Blick auf den Einfluss des Klimawandels im alpinen Raum von Christof Schellhammer, staatlich geprüfter Berg- und Skiführer, Geschäftsführer und Leiter der Vivalpin Bergschule. 

Der Klimawandel verändert den alpinen Bergsport grundlegend. Klassische Routen, die über Generationen hinweg als sichere Anstiege galten, wandeln sich rasant. Wo einst fester Firn und meterdicke Eisschichten dominierten, herrschen heute Schutt, blanker Fels und tauender Permafrost. Ein Blick auf prominente Gipfel des Alpenraums verdeutlicht, wie dramatisch sich die Bedingungen für den Alpinismus verschoben haben.

Rekordhitze in der Höhe: Die Alpen im Schwitzkasten

Wie extrem dieser Wandel voranschreitet, führten die Messwerte des letzten Sommers eindrücklich vor Augen. Der vergangene Sommer wartete im gesamten Alpenraum mit außergewöhnlichen Temperaturabweichungen auf: In der Schweiz etwa lag die Sommer-Mitteltemperatur phasenweise um mehr als +3,1 °C über dem langjährigen Mittelwert der Referenzperiode 1991–2020.

Besonders drastisch zeigen sich die klimatischen Veränderungen im hochalpinen Raum: Die Nullgradgrenze stieg während ausgeprägter Hitzeperioden erneut auf Höhen von teils deutlich über 5.000 Metern über dem Meeresspiegel. Das bedeutet, dass selbst auf den höchsten Alpengipfeln tagelang durchgehend Plusgrade herrschten. Hinzu kamen außergewöhnlich hohe Nachttemperaturen und anhaltende Trockenperioden, die das alpine Gefüge spürbar ins Wanken brachten.

Schmelzwasser hat sich tief ins Eis gefräst: Gletscherbach auf dem Nördlichen Schneeferner an der Zugspitze. | Bild: Christof Schellhammer

Gletscherschwund und Steinschlag an Deutschlands höchstem Berg

Als Sinnbild für den Rückgang des Eises gilt die Zugspitze. Der Südliche Schneeferner hat seinen offiziellen Status als Gletscher bereits im Jahr 2022 verloren, und auch der Nördliche Schneeferner schrumpft in rasantem Tempo. Der fortschreitende Gletscherschwund führte unweigerlich zur Einstellung des Skibetriebs am letzten deutschen Gletscherlift, der im März diesen Jahres gesprengt und abgetragen wurde. Doch nicht nur das Eis verschwindet, sondern auch der Berg selbst gerät in Bewegung. Durch das Tauen des Permafrosts verliert der Fels im Inneren seinen natürlichen „Zement“. Die Folgen sind drastisch: Im Höllental sowie an der imposanten Nordflanke der Zugspitze kommt es vermehrt zu Felsstürzen und massivem Steinschlag.

Blankes Eis, Schutt und Liftstützen, die ins Leere laufen: der Nördliche Schneeferner an der Zugspitze von oben. | Bild: Christof Schellhammer

Ein eindrückliches Beispiel für die zunehmende Instabilität hochalpiner Steilwände lieferte der Felssturz an der Nordflanke der Zugspitze auf rund 2.800 Metern Höhe. Nach anhaltender Sommerhitze lösten sich dort schlagartig rund 13.800 Kubikmeter Gestein und hüllten den Berg in eine weithin sichtbare Staubwolke. Geologische Untersuchungen der TU München zeigen, dass die Abbruchstelle exakt im sensiblen Randbereich des Permafrosts liegt. In den tiefen Felsklüften dient Eis gewöhnlich als stabilisierende Schicht. Dringt die Sommerwärme mit zeitlicher Verzögerung in das Innere des Kalksteins vor, taut diese Eisschicht auf – der Fels verliert seinen Halt und bricht aus.

Was oben ausbricht, landet hier: Ein Felsblock liegt auf dem Eis des Schneeferners unterhalb der Zugspitze. | Bild: Christof Schellhammer

Routen wie der „Bayernsteig“ in das Österreichische Schneekar, die früher als verhältnismäßig sichere Aufstiege galten, wurden bereits behördlich gesperrt oder erfordern heute ein deutlich höheres Maß an Wachsamkeit, während die Zeitfenster für Begehungen immer kürzer werden. In Zukunft werden selbst an Deutschlands höchstem Berg die Anstiege immer anspruchsvoller und schwieriger zu planen.

Wildspitze und Rofenkarferner: Der Jubiläumsgrat im Wandel

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den Ötztaler Alpen an der Wildspitze, dem zweithöchsten Berg Österreichs. Der Aufstieg über den Rofenkarferner und den anspruchsvollen Jubiläumsgrat (Nordostgrat) galt lange als landschaftlich spektakuläre und schattige Eistour. Heute zeigt sich hier die Realität des Gletscherrückgangs in aller Härte.

Firn nur noch in Flecken: Zwischen den Schneefeldern an der Wildspitze tritt der Fels großflächig hervor. | Bild: Christof Schellhammer

Der Rofenkarferner ist massiv zurückgegangen, und der einstige Firn- und Eisgrat des Jubiläumsgrats ist weitgehend ausgeapert. Wo früher trittfester Firn auf einem dicken Eispanzer lag, kommen nun brüchige Felspassagen und loses Gestein hervor. Das bedeutet für Alpinistinnen und Alpinisten: Reine Firn- und Eistourenverhältnisse weichen technischen Herausforderungen im gemischten Gelände. Erhöhte Steinschlaggefahr und ausapernde Spaltenzonen verlangen den Alpinisten ein wesentlich präziseres Timing ab, denn mittlerweile sind viele Touren in dieser Größenordnung nur noch im Frühsommer bei optimalen Verhältnissen verantwortungsvoll machbar.

Fels statt Firn: Eine Seilschaft steigt über den ausgeaperten Grat, daneben der Rest der einstigen Eisauflage. | Bild: Christof Schellhammer

Der Großglockner: Die Pasterze vor dem Zerfall

Im Schatten des Großglockners, dem höchsten Gipfel Österreichs, spielt sich ein weiteres dramatisches Kapitel des Gletscherrückgangs ab. Die Pasterze ist „noch“ der größte Gletscher des Landes steht vor einem historischen Wendepunkt und droht in den nächsten Jahren in zwei große Teilbereiche zu zerbrechen und damit endgültig den Status zu verlieren. Der gewaltige Eisverlust ist von der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe aus mit bloßem Auge zu beobachten.

Parallel dazu setzt der tauende Permafrost den hochalpinen Schutzhütten und Stützpunkten zu. So kämpfen beispielsweise die Betreibenden in der Region rund um den Großglockner mit instabilen Untergründen, die das Fundament von Hütten wie der Stüdlhütte gefährden und aufwendige Sanierungsmaßnahmen erforderlich machen. Auch die klassischen Routen zum Gipfel sind durch die Destabilisierung u. a. auch durch Starkregenereignisse der Felsflanken zunehmend anfällig für Muren und Felsabbrüche geworden.

Konsequenzen für den Bergsport: Behördliche Sperrungen und Umdenken

Der Alpinismus steht an einem historischen Wendepunkt. Dieser Wandel betrifft längst nicht mehr nur Extrembergsteiger:innen, sondern in vollem Umfang auch klassische Bergwandernde. Durch das Tauen des Permafrosts und die Zunahme extremer Starkregenereignisse geraten Hangflanken selbst in mittleren Lagen aus dem Gleichgewicht. Die Folge ist ein spürbarer Anstieg behördlicher Routensperrungen: So musste beispielsweise im Nationalpark Berchtesgaden nach einem Felssturz der stark frequentierte Wanderweg im Wimbachtal gesperrt und betroffene Wandererinnen und Wanderer evakuiert werden. Hunderte Kilometer des alpinen Wegenetzes liegen mittlerweile in akuten Risikozonen, weshalb Behörden und Alpenvereine gezwungen sind, immer öfter Wege kurzfristig abzuriegeln oder aufwendig zu verlegen.

„Achtung Steinschlag“: Mit diesem Aushang warnte die Alpinpolizei Imst nach dem Steinschlag am Mitterkarjoch im Juni 2022. | Bild: Christof Schellhammer

Für Bergsportlerinnen und Bergsportler aller Disziplinen bedeutet dies:

  • Pflicht zur tagesaktuellen Information: Touren dürfen nicht mehr blind nach alten Wanderführern geplant werden; Vorab-Checkings von behördlichen Sperrungen und Hütten-Meldungen sind unverzichtbar.
  • Frühzeitiger Aufbruch: Um den Gefahren durch tageszeitlich bedingten Steinschlag im aufgeheizten Fels zu entgehen, müssen Touren deutlich früher gestartet werden.
  • Erweiterte Risikokompetenz: Das Einschätzen von Felssturzgefahr, Permafrost-Instabilitäten und ausgeaperten Gletschern wird neben der klassischen Orientierung zur überlebenswichtigen Kernkompetenz.
  • Saisonale Anpassung: Viele klassische Eistouren und Gratüberschreitungen sind im Spätsommer kaum noch begehbar und verlagern sich in den Frühsommer.

    Der Klimawandel macht den Bergsport anspruchsvoller, unberechenbarer und in gewisser Weise verletzlicher. Wer heute durch das Hochgebirge an der Zugspitze, Wildspitze oder am Großglockner steigt, erlebt die Alpen in einer Phase des beschleunigten Umbruchs – und trägt die Verantwortung, diesem veränderten Naturraum mit Respekt, Demut und Weitsicht zu begegnen.

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Credits Titelbild: Christof Schellhammer / Vivalpin

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