Ende Februar gelang Carlo Traversi die vierte Begehung der legendären Magic Line (8c+) im Yosemite. 22 Jahre lang blieb das Trad-Testpiece von Ron Kauk nach seiner Erstbegehung 1996 unwiederholt. Wer den Kalifornier Traversi in der Riss-Linie sieht, versteht wieso.

Vier Begehungen in 26 Jahren. Das ist ein Verhältnis, das viel über eine Route und über die Wiederholenden aussagt. Die Magic Line ist eine 35 Meter lange Trad-Route im Yosemite Nationalpark und eine der schwersten Riss-Linien der Welt. Nach Ron Kauk (1996), Lonnie Kauk (2018) und Hazel Findlay (2019) ist Carlo Traversi erst die vierte Person, der eine Begehung dieser ausserordentlichen Linie gelingt.

Video: Carlo Traversi klettert Magic Line (8c+)

Magic Line erfordert besonderes Skill-Set

„Ich verstehe immer noch nicht ganz, was mich an diesem unglaublich schwierigen, dünnen Riss reizt“, sagt Carlo Traversi. Die Linie erfordere solch aussergewöhnliche Fähigkeiten, dass es sich beinahe wie eine eigene Kletterdisziplin anfühle.

Der Kalifornien liebt das Bouldern wegen seiner Einfachheit und der puren Anstrengung. Er liebt das Sportklettern wegen der strategischen Aspekte, bei denen es darum geht, Energie zu sparen und gleichzeitig Ruhe zu bewahren, während die Arme langsam den anhaltenden Anstrengungen erliegen. Und er liebt das Trad-Klettern wegen des Abenteuers und des ungehinderten Zugangs zu steil aufragenden Wänden und grandiosen Felsformationen.

„Im Gegensatz zu all den anderen Disziplinen besteht eine Hard-Trad-Begehung aus einer Mischung aus intensiver körperlicher Anstrengung, geistiger Konzentration und der Fähigkeit, über einen relativ langen Zeitraum mit starkem Stress umzugehen.“

Carlo Traversi

„Hard Trad ist all dies zusammen und gleichzeitig nichts davon“, so Carlo Traversi. Wie beim Bouldern fühle es sich pur an, gleichzeitig sei es Punkto Ausrüstung kompliziert. Wie beim Sportklettern erfordere es eine Strategie, aber selten die selbe Art von Pump. Und wie bei den meisten Trads sei es ein sehr zielgerichtetes Abenteuer.

„Im Gegensatz zu all den anderen Disziplinen besteht eine Hard-Trad-Begehung aus einer Mischung aus intensiver körperlicher Anstrengung, geistiger Konzentration und der Fähigkeit, über einen relativ langen Zeitraum mit starkem Stress umzugehen.“

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Ästhetisch und knallhart: Die Trad-Route Magic Line (8c+) im Yosemite. Bild Christian Adam

Zweierlei Perfektion: Geist und Körper

„Magic Line verlangte von mir Perfektion – sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht“, erzählt Carlo Traversi. Bei der körperlichen Anstrengung sei es weniger um Kraft gegangen, als darum, Stabilität und Spannung über die ganze Zeit aufrechtzuerhalten.

„Ich versuchte, mir eine klare Trennung zwischen meinem Unterkörper und meinem Oberkörper vorzustellen und die Spannung zwischen beiden abwechselnd aufrechtzuerhalten, um mich an der Wand zu halten und einem Teil meines Körpers zu erlauben, sich auszuruhen, ohne abzurutschen.“

„Magic Line verlangte von mir Perfektion – sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht.“

Carlo Traversi

Mental habe sich die Perfektion dadurch ausgezeichnet, dass er in der in den Tritten innewohnenden Unsicherheit Trost fand. „Es kostet viel Energie, sich immer wieder einzureden, dass man nicht 30 Meter von der Wand abrutschen wird.“ Gleichzeitig fühle es sich genau so an. „Es gibt keinen wirklichen Moment der Entspannung oder des Aufatmens.“

Die letzten Züge vor dem Umlenker – auch wenn sie nicht zu den Härtesten gehören, die er je gemacht habe – waren für Traversi herausfordernd. Zweimal war er beim letzten Zug gestürzt, einmal 2016 und einmal im vergangenen Jahr. „Dabei habe ich gespürt, wie mein Geist in diesen Momenten aufgegeben hat und mich davon überzeugte, stärker zu ziehen und zu drücken.“ Schliesslich bedeute mehr Kraft mehr Kontrolle. „Aber man kann sich auch von der Wand wegziehen und vom Umlenker wegdrücken.“

„Selbst wenn die Müdigkeit zunimmt und der Stress unerträglich wird, sollte man sich einfach entspannen und weitergehen.“

Carlo Traversi

Carlo Traversi hat in der Magic Line viele Lektionen gelernt. Die Wichtigste sei es gewesen, zu lernen sich zu entspannen. „Selbst wenn die Müdigkeit zunimmt und der Stress unerträglich wird, sollte man sich einfach entspannen und weitergehen.“

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Credits: Titelbild Christian Adam

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