Trad-Profi Connor Herson im Interview | Aufwachsen an Amerikas Bigwalls

Connor Herson ist 22 Jahre alt, studiert Elektrotechnik in Stanford und wird nebenbei als absoluter Profi im Trad-Klettern gehandelt. Wir haben mit Herson über seine Wurzeln in Yosemite gesprochen und gefragt, was ihn als Kletterer »Born from the Climbing Life« antreibt – damals und heute.

Im Herbst 2025 wurde der US-amerikanische Kletterer Connor Herson innerhalb von drei Tagen zur Sensation: Zunächst gelang ihm die erste freie Begehung von »Triple Direct« am El Capitan – einer Linie, an der selbst die Besten der Welt schon gescheitert waren. Kurz darauf kletterte er »The Nose« frei und innerhalb eines Tages. Nur Lynn Hill und Tommy Caldwell hatten das vor ihm geschafft. Caldwell selbst nennt Herson eine »Ausnahmeerscheinung seiner Generation«.

Der Meilenstein, der Connor Hersons Namen schließlich in aller Munde brachte, liegt jedoch außerhalb des Yosemite Valley: seine Erstbegehung von »Drifter’s Escape« (9a+), einer Trad-Route am Stawamus Chief in Squamish, Kanada. Zwei Sommer, zwanzig Sessions, ein Durchstieg – und die Bewertung 9a+, eine der schwersten Trad-Routen der Welt.

Black Diamond hat die Geschichte in ihrer Kampagne Born from the Climbing Life dokumentiert. Die Serie zeichnet das Porträt eines Kletterers, der sich selbst lieber als »Dirtbag« bezeichnet, der in seinem Auto lebt, anstelle des Ausnahmetalentes, das er zweifellos ist.

Connor Herson im Gespräch

Teil 1: Drifter’s Escape

Connor Herson in der Route »Drifter’s Escape« (9a+ Trad) | Bild: Christian Adam für Black Diamond

Lacrux: Wie hast du zum ersten Mal von »Drifter’s Escape« erfahren – und was hat dich so fasziniert, dass du bereit warst, zwei Sommer deines Lebens in die Linie zu investieren?

Connor: Ich war 2023 zum ersten Mal in Squamish und hatte eine unglaublich gute Zeit dabei, bekannte Klassiker wie »Cobra Crack«, »Crack of Destiny« oder »Spirit Quest« zu wiederholen. Mir war schnell klar, dass ich im darauffolgenden Jahr zurückkommen wollte – für unbekanntere Routen und vielleicht sogar für Linien, die noch niemand geklettert war.

Ich konnte den Stawamus Chief nicht mehr anschauen, ohne dieses Projekt zu sehen.

Gleich in meiner ersten Woche in der Stadt hörte ich von ein paar Locals vom Drifter’s-Projekt: zuerst von Ethan Salvo, später auch von Didier Berthod und Ben Harnden. Sobald sie mir die Linie gezeigt hatten, konnte ich den Stawamus Chief nicht mehr anschauen, ohne genau dieses Projekt zu sehen. Und als ich schließlich dort zu klettern begann, wurde mir klar, dass die Qualität des Kletterns der Optik absolut gerecht wird.

Lacrux: Du beschreibst die Linie als »eine markante Reihe von Rissen auf einer wunderschönen Granitplatte«. Wie wirkt sie auf jemanden, der unten steht? Und wie klettert sie sich?

Connor: Der Einstieg liegt auf einem Felsband drei Seillängen über dem Boden – der Absatz ist riesig. Es gibt locker Platz für fünf Leute, die dort gemütlich rumhängen können. Das haben wir sogar mit Hängematten getestet. Die Route selbst beginnt mit technischem Laybacking bis zu einem guten Ruhepunkt, dann folgt ein richtig hartes Boulderproblem, danach ein ordentlicher Rest – gute Fingerlocks, aber keine Tritte. 

Lacrux: Die Schlüsselstelle beinhaltet einen »Pogo«, also eine dynamische Beinbewegung, um Schwung zu erzeugen. Das ist für eine Trad-Route auf dem Niveau ziemlich ungewöhnlich. Kannst du erklären, wie diese Sequenz funktioniert und was sie so besonders macht?

Connor: Mir wurde schnell klar, dass sich die Seillänge, obwohl durchgehend anspruchsvoll, um zwei Hauptcruxen dreht: eine in der Mitte, eine ganz am Ende. Die Endcrux hatte ich relativ schnell heraus, aber ein Zug in der mittleren Schlüsselstelle blieb mir lange ein Rätsel. An der Stelle muss man mit links eine Zange greifen und mit der rechten Hand von einem tiefen Seitgriff auf einen hohen wechseln. Es gab einen offensichtlichen linken Fußklemmer, aber keinen rechten Tritt.

Mir wurde klar: Die Suche nach dem »perfekten« Tritt ist sinnlos.

Nach den ersten beiden Sessions hatte ich den Zug immer noch nicht gehalten, obwohl ich versucht hatte, mit dem rechten Fuß in jeder noch so kleinen Struktur Halt zu finden. In der nächsten Session wurde mir klar, dass die Suche nach einem »perfekten« Tritt sinnlos war. Die Frage lautete also: Wie schaffe ich einen Gleichgewichtspunkt allein über den linken Fuß? Die Lösung kam aus meinen alten Wettkampfzeiten – ein Pogo.

Perfekter Blick auf die Granit-Linie von oben – Connor in »Drifters Escape« | Bild: Christian Adam

Lacrux: Die Absicherung besteht aus ungefähr zehn Cams, hauptsächlich Größe 0,2 oder kleiner. Wie beeinflusst das deine mentale Herangehensweise im Vergleich zu einer gut gebohrten Sportkletterroute desselben Schwierigkeitsgrades?

Connor: Ehrlich gesagt wurden die Placements einfach Teil der Beta. Für jedes davon hatte ich leicht unterschiedliche Abläufe entwickelt und bin dabei durchaus kreativ geworden: manchmal den Cam setzen, einen Zug machen und dann zurückclippen; manchmal ein, zwei Züge mit einem Cam im Mund; manchmal den Cam erst ans Seil clippen und dann platzieren. Sobald die Placements gesetzt waren, fühlte sich alles ziemlich solide an.

Ich habe nicht das Bedürfnis, meine Begehungen mit Labels zu versehen.

Lacrux: Am Start gibt es zwei Bohrhaken, die das leichtere Gelände oberhalb des Bands absichern. Manche werden diskutieren, ob das noch »reines Tradklettern« ist. Wie siehst du das?

Connor: Der Grund, warum ich diese Begehung teile, ist eigentlich ganz einfach: Es ist eine coole Kletterroute, auf die ich stolz bin. Ich habe nicht das Bedürfnis, das Ganze mit Labels zu versehen oder eine stilistische Grundsatzdebatte zu führen. Die Leute können sich ihre eigene Meinung bilden. Für mich war es ein starkes Projekt, das unglaublich viel Spaß gemacht hat und etwas Besonderes war.

Teil 2: Der Prozess hinter der Linie

In Folge eins der Dokureihe »Born from the Climbing Life« über Herson reist er nach Norwegen. | Bild: Christian Adam

Lacrux: Zwanzig Sessions – das meiste, was du je in eine Trad-Route investiert hast. Wie lief das Projekt ab? Wann hattest du das Gefühl, dass der Durchstieg wirklich möglich ist?

Connor: In der ersten Saison habe ich stetig Fortschritte gemacht: die Moves verstanden, angefangen die Route vorzusteigen, und die Saison in meinen Augen mit gutem Fortschritt beendet. Als ich im zweiten Jahr zurückkam, war ich deutlich stärker und hatte die Bewegungen und Körperpositionen so viel besser verinnerlicht, sodass sie deutlich weniger Kraft kosteten. Es ging schneller voran, als ich erwartet hatte. Aber eigentlich wusste ich schon an meinem allerersten Tag in der Route, dass ich sie irgendwann schaffen würde.

Eigentlich wusste ich schon am ersten Tag in der Route, dass ich sie irgendwann schaffen würde.

Lacrux: Du hast die Route erst Monate nach dem Durchstieg bewertet. Warum – und wie bist du schließlich bei 9a+ gelandet?

Connor: Der Schwierigkeitsgrad bei Granit ist knifflig, weil sich die Route beim Ausbouldern unfassbar schwer angefühlt hat, der Durchstieg selbst aber fast mühelos wirkte – auch wenn ich jetzt im Film sehe, dass ich trotzdem ziemlich kämpfen musste.

Da ich insgesamt wenig Erfahrung im 9a-Bereich habe, war ich mir nicht sicher, was diese Zahl überhaupt bedeutet. Also habe ich die zweite Hälfte von 2025 damit verbracht, zu reisen und viele der härtesten etablierten Trad-Routen in Europa zu probieren, um Vergleichswerte zu bekommen. Die neueste Black-Diamond-Doku zeigt die erste Route, die ich nach »Drifter’s« gemacht habe – »Bon Voyage« (9a). Genau solche Vergleiche haben mir geholfen, mich schließlich festzulegen.

Teil 3: Karriere & Meilensteine

Connor in Seillänge 18 während der Begehung von »Triple Direct« | Bild: Jim Herson

Lacrux: Du hast deine erste 8b+ mit 13 Jahren gepunktet und mit 15 »The Nose« frei geklettert. Inwiefern prägen dich diese frühen Erfahrungen bis heute?

Connor: Ich glaube, diese Erfahrungen haben mir zwei grundlegende Dinge fürs Klettern mitgegeben: erstens eine ganzheitliche Liebe für den Sport an sich, die mich bis heute ausnahmslos motiviert. Und zweitens ein großes Bewegungsrepertoire und eine enorme Menge an Klettererfahrung, auf die ich jederzeit zurückgreifen kann.

Lacrux: Im Herbst 2025 hattest du, wie manche sagen, die größten drei Tage in der Geschichte des Yosemite: die erste freie Begehung von »Triple Direct«, gefolgt von der freien Eintagesbegehung von »The Nose«. Du warst erst die dritte Person nach Lynn Hill und Tommy Caldwell, der das gelang. Wie verarbeitest du solche Momente, wenn sie passieren?

Connor: Ich würde nicht behaupten, dass das die drei größten Tage in der Geschichte des Yosemite waren. Es war einfach eine extrem spaßige Woche, die all meine Erwartungen übertroffen hat. »The Nose« an einem Tag frei zu klettern war einer der – wenn nicht der – spaßigsten Tage, die ich je beim Klettern hatte. In dem Moment habe ich versucht, nicht zu sehr über die historische Bedeutung nachzudenken. Aber es ist eine riesige Ehre, als Dritter nach Tommy und Lynn dort zu stehen. Die beiden sind zwei meiner größten Vorbilder.

Es ist eine riesige Ehre – Tommy und Lynn sind zwei meiner größten Vorbilder.

Connor im Dach von »The Nose« während seiner Nose in a Day Begehung. | Bild: Jim Herson

Du hast inzwischen eine beeindruckende Anzahl der härtesten Trad-Routen Nordamerikas geklettert: »Meltdown«, »Magic Line«, »Cobra Crack«, »Crack of Destiny«, »Blackbeard’s Tears« und viele mehr. Gibt es eine Ticklist mit offenen Projekten, die dich nachts wachhält?

Connor: Natürlich. Diese Liste ist wahrscheinlich länger als die Liste der Routen, die ich bereits geklettert habe.

Lacrux: Viele Kletterinnen und Kletterer deiner Generation, die aus dem Wettkampf- und Hallenklettern kommen, orientieren sich eher Richtung Sportklettern oder Bouldern. Du beschäftigst dich stattdessen intensiv mit Tradklettern und Bigwalls. Was fasziniert dich an diesem Stil?

Connor: Ich verbringe tatsächlich einen guten Teil meiner Zeit mit Sportklettern und Bouldern – gerade bin ich zum Beispiel in Smith Rock. Ich glaube, der Grund, warum ich im Tradklettern und an Bigwalls so erfolgreich bin, ist der frühe Zugang, den ich dazu hatte. Meine Familie hat mich immer unterstützt und mir ermöglicht, schon früh Erfahrung an Bigwalls zu sammeln. Aber um deine Frage zu beantworten: Es ist schwer, zum El Cap hochzuschauen und nicht das Bedürfnis zu haben, ihn zu klettern.

Es ist schwer, zum El Cap hochzuschauen und nicht das Bedürfnis zu haben, ihn zu klettern.

Lacrux: Woher nimmst du die Motivation, nach acht erfolglosen Sessions für die neunte wiederzukommen – wenn ein Durchstieg noch nicht einmal in Sicht ist?

Connor: Ich glaube, die Motivation kommt nicht unbedingt vom Durchstieg selbst, sondern von der Vorstellung, Bewegungen miteinander zu verbinden, die sich vorher völlig unmöglich angefühlt haben. Bei meinem aktuellen Projekt im Yosemite habe ich es noch nicht geschafft, vom Boden bis zur Crux durchzusteigen. Aber ich habe inzwischen vom Boden aus Sequenzen aus Einzelzügen geschafft, die ich anfangs nicht hinbekommen habe – und das ist ein richtig cooles Gefühl.

An Bigwalls aufgewachsen: Connor vor dem »Incredible Hulk« in Sierra Nevada. | Bild: Jim Herson

Teil 4: Zwischen Uni und Profikarriere

Lacrux: Du studierst Elektrotechnik in Stanford und lebst abwechselnd auf dem Campus und in deinem Auto als selbsternannter »Dirtbag«. Wie navigierst du zwischen Studium und professioneller Kletterkarriere?

Connor: Ich versuche, meine Erwartungen niedrig zu halten, solange ich an der Uni bin und nur an den Wochenenden klettern kann. In den Semesterferien nutze ich die Zeit für längere Klettertrips – das sind die Momente, in denen ich mich stärker auf meine Leistung fokussiere.

Aktuell fühlt sich Klettern nicht als meine oberste Priorität an.

Im vergangenen Herbst habe ich eine Pause vom Studium eingelegt und die Zeit komplett mit Reisen und Klettern verbracht. Das war eine Saison, auf die ich unglaublich stolz bin. Seit Januar läuft wieder der normale Unibetrieb. Obwohl ich in der Halle trainiere und an den Wochenenden im Yosemite klettere, fühlt sich das Klettern gerade nicht als oberste Priorität an. Nach sechs Monaten vollem Fokus ist das ehrlich gesagt ziemlich erfrischend.

Connor Herson mit 15 – Blick auf sein Trad-Rack in »The Nose« am El Capitan. | Bild: Jim Herson

Lacrux: Du hast einmal gesagt, du seist »genauso begeistert vom Studieren wie vom Klettern«. Gilt das immer noch?

Connor: Absolut. Ich denke, ich werde versuchen, eine ähnliche Balance zu halten wie jetzt: ein paar Monate Pause vom Studium, um zu reisen und zu klettern, und dann wieder ein paar Monate, in denen das Klettern zurücksteht und ich mich auf mein Studium konzentriere – und irgendwann auf meine berufliche Laufbahn.

Lacrux: Wann hat sich Klettern von einer Leidenschaft zu einer Karriere entwickelt – und hat dieser Übergang irgendetwas daran verändert, wie du es erlebst?

Connor: Ich bin mir nicht sicher, ob es überhaupt einen Übergang gab. Meine Beziehung zum Klettern ist im Grunde dieselbe wie früher. Nur dass ich jetzt Sponsoren habe, die mich unterstützen.

Es ist unglaublich, die Leidenschaft fürs Klettern mit meinen Eltern teilen zu können.

Lacrux: Deine Eltern waren von Anfang an deine Sicherer, Mentoren und größten Unterstützer. Du hast Triple Direct gemeinsam mit deinem Vater frei geklettert, und bei der Eintagesbegehung von The Nose hat er dich gesichert. Was bedeutet dir diese Partnerschaft?

Connor: Hier muss ich kurz etwas korrigieren: Es ist nicht nur mein Vater, es sind meine beiden Eltern. Das wird in vielen Klettermedien oft falsch dargestellt, weil mein Vater derjenige ist, der die Bigwalls mit mir klettert. Aber ich verbringe wahrscheinlich genauso viel Zeit am Fels mit meiner Mutter. Es ist unglaublich, meine Leidenschaft mit ihnen teilen zu können. Das hat unsere Beziehung auf mehr Arten gestärkt, als ich in einem einzigen Absatz ausdrücken könnte.

Connor und Jim Herson am Fuß des El Capitan im Yoemite. | Bild: Jim Herson

Teil 5: Privatleben

Connor und eine Freundin am Gipfel der East Buttress, beide sind damals 10 Jahre alt. | Bild: Jim Herson

Lacrux: Wenn du nicht kletterst oder studierst – wie sieht ein perfekter Ruhetag für dich aus?

Connor: Der beginnt wahrscheinlich mit einem langsamen, entspannten Morgen, gefolgt von einem Lauf oder einer Scramble-Tour mit Freunden. Oder ich unterstütze jemanden bei einem Projekt. Aber im Großen und Ganzen: Zeit mit Freunden, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Lesen. Nichts allzu Verrücktes.

Lacrux: Was liegt gerade auf deinem Nachttisch – hast du Buchempfehlungen?

Connor: Heute Morgen habe ich The Circle von Dave Eggers beendet und mit The Overstory von Richard Powers angefangen.

Lacrux: Dein »Nischentalent« laut deinem Black-Diamond-Profil ist, dass du fast überall einen Knieklemmer oder Bat-Hang findest. Was ist die absurdeste Ruheposition, die du je an einer Route entdeckt hast?

Connor: Wahrscheinlich diese hier – etwa bei Minute 11. Das Urteil überlasse ich euch.

Connor Herson im Bat Hang in »Bon Voyage« (9a) | Bild: Raphael Fourau

Lacrux: Wenn es Klettern nicht gäbe – womit würdest du dich stattdessen obsessiv beschäftigen?

Connor: Schwer zu sagen. Vermutlich wäre es irgendeine Outdoor-Aktivität: Laufen, Backpacking oder eine andere Sportart, die mich an spannende Orte bringt.

Zwanzig Sessions, zwei Sommer, eine Route. Wer Connor Herson fragt, warum er immer wieder zu »Drifter’s Escape« zurückgekehrt ist, bekommt keine spektakuläre Antwort – nur eine ehrliche: weil das, was sich unmöglich anfühlt, irgendwann möglich wird. Das gilt am Fels und vermutlich überall sonst auch.

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Credits: Titelbild: Black Diamond

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