Silvan Schüpbach ist noch keine 9b geklettert – noch nicht mal eine 8c. Und trotzdem lohnt es sich, einen genaueren Blick auf den Lebenskünstler zu werfen, der das Klettern ohne Bohrhaken in der Schweiz wie kein anderer repräsentiert und vorantreibt.

Neben den Teilzeitjobs als Nationaltrainer Eisklettern, Führerautor, Routenschrauber und Jugendverantwortlicher des Schweizer Alpen-Clubs wird er nicht müde, sich in härteste Trad-Projekte zu werfen und Kayak-to-Climb Expeditionen durchzuführen.

Ich besuche ihn auf eine Trainingssession in seiner WG nahe Thun im Berner Oberland. Der Speicher des alten Bauernhauses ist in zwei Räume aufgeteilt: Im kleinen Kabuff mit zu tiefer Decke haust Silvan, der grosse Raum ist zur Folterkammer umfunktioniert. Das Trainingsmobiliar beinhaltet eine Bouldergrotte, ein Campus- Board, eine Art Systemwand, vier Hangboards und eine hölzerne Rissklettervorrichtung – alles Marke Eigenbau und bruchlastmässig eher zweifelhaft. Einblick in einen, der in keine Schublade passt.

Das Interview führte Tim Marklowski von Mountain Wilderness Schweiz

Schönen Trainingsraum hast du hier! Viel Arbeit gewesen?
Nicht wirklich. Ich habe das Holz und Griffe von Kumpels bekommen und das meiste vor etlichen Jahren innerhalb eines Tages an die Wand geknallt. Du befindest dich hier übrigens im inoffiziellen Leistungszentrum der Schweizer Eiskletter-Nationalmannschaft.

Ernsthaft? Hier trainieren die?!
Nicht regelmässig, aber es kommt vor. Man darf alle Griffe und Holzbretter auch mit Eisgeräten hooken (lacht).

Kommen wir gleich zur Sache: Du giltst in der Szene als einer der versiertesten Schweizer Trad-Kletterer überhaupt. Mit Ultimo Sogno (8a+) hast du 2016 im Tessin das vermutlich schwerste cleane Rissdach der Schweiz geknackt. Trad-Testpieces wie The Doors (8b) in Cadarese hast du schon lange auf dem Konto. Die Schweiz hingegen gilt als Geburtsland des Plaisirkletterns, also des sorgenfreien Kletterns von mit Bohrhaken entschärften Routen. Wie kommt es, dass du gerade im Land der Bohrma- schinen dem Klettern ohne Bohrhaken verfallen bist?
Da muss ich etwas ausholen. Als Jugendlicher bin ich sicher nie als „Sportskanone“ aufgefallen. Am liebsten habe ich damals Höhlen erkundet oder bin mit meinem Vater auf Mineraliensuche gegangen. Entdecken und Erforschen waren die treibenden Kräfte für meine Touren. Irgendwann bin ich dann vom Klettervirus infiziert worden und ich fing an zu trainieren. Das ewige Projektieren von Routen ist mir allerdings mit der Zeit auf die Nerven gegangen. So habe ich mich quasi auf meine Entdecker-Wurzeln besinnt und angefangen, Erstbegehungen zu machen. Was mir aber an den gebohrten First Ascents missfiel war die Tatsache, dass nach uns niemand mehr so ein geiles Abenteuer haben kann, wie wir bei der Eröffnung der Route. Neuland ist nicht unendlich vorhanden und so war mir schnell klar, dass ich lieber mit einem puristischen Stil zehnmal scheitere, als im Akkord Bohrhakenleitern einzurichten. In der Folge habe ich einige Anläufe gestartet, ohne Bohrhaken Routen zu eröffnen. Dies ist dann sogar im Kalk mit El Gordo (7a) an den Wendenstöcken oder Dr Füdläblut Wahnsinn (7b+) am Altmann gelungen.Für das Eröffnen von möglichst konsumfreundlichen Routen gehe ich lieber in die Kletterhalle arbeiten, da gibt es Lohn und die letzten Naturschätze müssen nicht dafür herhalten.

Neben den cleanen Touren bist du aber auch begeisterter Greenpointer.
Richtig! Ich fing an, mit dem ganzen Trad-Material zu experimentieren und fand viele gebohrte Routen, die sich auch selber absichern lassen. Daraus ist die Idee mit dem Grünpunkt-Klettern entstanden (wobei ich da nicht der Erste bin).

Wie stehst du allgemein zur mittlerweile etablierten Bohrhakenkultur?
Viele Kletternde wollen einfach eine geile Tour klettern und das Flow-Erlebnis von Halle und Klettergarten auch im Gebirge erleben. Das kann ich gut nachvollziehen und auch ich klippe gerne und oft Bolts. Nur möchte ich einen kleinen Appell loswerden: Wenn wir die Natur und den Freiheitsgedanken wirklich schätzen, dann müssen wir schon aufpassen, dass wir nicht jeden Felsen in ein Konsumprodukt verwandeln. Die Anzahl der Begehungen einer Route definiert nicht deren Qualität!

Woran liegt es das Trad-Klettern in Europa (UK und Dolomiten mal ausgeschlossen) vergleichsweise unpopulär ist?
Ich glaube viele Leute denken, Trad-Klettern sei nur etwas für Extreme und Draufgänger, was aber bei entsprechendem Know-How und der heutigen Ausrüstung absolut nicht der Fall ist. Sicher gibt es Routen die wirklich gefährlich und mental anspruchsvoll sind, jedoch gibt es auch viele die perfekt absicherbar sind. In anderen Kletter-Kulturkreisen ist Trad das normalste der Welt und es wäre undenkbar alles zuzubohren. Ich denke, es braucht vor allem Ausbildung und Aufklärung, damit Trad-Klettern als gleichberechtigte Spielart wahrgenommen wird.
Und dann muss man noch sagen, dass die zunehmende Vollkasko-Mentalität eben auch nicht vor dem Klettersport haltmacht. Aber ich finde es gibt auch das Recht auf Abenteuer für die, die es erleben möchten. Und wie gesagt: trad kann, muss aber gar nicht psycho sein.

Was gibt dir Trad-Klettern, was Sportklettern dir nicht geben kann?
Es befriedigt mich schon beim Sportklettern enorm, wenn bei einer Route genau am richtigen Ort der Griff ist, welcher den Durchstieg ermöglicht. Wie geil, oder? Ein Wunder der Natur aus sportlicher Sicht. Das Tradklettern ist für mich die logische Konsequenz daraus, da sogar die Sicherungen vom Fels vorgeben werden. Mir gefällt auch der taktische Aspekt beim Tradklettern sehr gut. Wenn ich noch hin- und herqueren muss, um mittels Halbseiltechnik alle Sicherungen zu berücksichtigen, dann habe ich das Gefühl, auf meinem eigenen Weg zu sein, statt lediglich den Vorgaben des Erstbegehers zu folgen. Ein weiterer Aspekt ist, dass ich durchaus leistungsorientiert bin, aber merke, dass ich meine Grenzen im Sportklettern langsam erreicht habe. Umso schöner, dass ich mich in dieser Disziplin des Kletterns noch lange weiterentwickeln kann – solange wir Routen für diese Spielart belassen!

Ein Jahr nach Ultimo Sogno (8a+) hast du die Muir Wall am El Cap freigeklettert und im Winter darauf eine neue Mixed-Route auf den extrem abgelegenen Riso Patron in Patagonien erstbegangen, die Anreise erfolgte zum Grossteil im Kayak. Was bist du denn jetzt? Sportkletterer, Bigwaller oder Expeditionsbergsteiger?
„Der Weg ist das Ziel“ umschreibt viele meiner Projekte: Am liebsten reisse ich mir tage- oder gar wochenlang den Arsch auf, um irgendwann die entscheidenden Klettermeter zu knacken. Als Beispiel unser letzter Grönlandtrip: Da haben wir Landratten uns in den Kayaks gefürchtet und gerackert, um anschliessend schwere Säcke irgendeine Wand hochzuziehen. Am Gipfeltag konnte ich dann einen unglaublich schönen Fingerriss klettern wo ich auch recht gefordert war. Das war dann die Krönung, in dem Moment stand ich auf der Spitze aller erbrachten Leistungen.

Was hat es mit deinem „Projekt C(H)lean!“ und den „keepwlld! climbing days“ auf sich?
Diese Projekte sind ein kleiner Beitrag zu einer breiten, und nachhaltigen Kletterkultur in der Schweiz. „C(H)lean!“ ist der Titel des neuen Kletterführers, den ich zusammen mit der Alpenschutzorganisation Mountain Wilderness Schweiz veröffentlichte. Wir arbeiteten circa drei Jahre an dem Auswahlführer. Es geht darum, der Kletter-Community eine Auswahl an Gebieten und Routen aufzutischen, welche mobil abgesichert werden können oder auch müssen. Wir beschreiben sowohl „Übungs-“ als auch „Anwendungsrouten“ verteilt auf die ganze Schweiz. Die Idee ist Leute verschiedenster Levels für das Clean-Klettern zu begeistern.

Die „keepwild! climbing days“ sind ein alljährliches Trad-Kletter-Meeting, organisiert von Mountain Wil- derness Schweiz. Ich war von Anfang an als Kletterlehrer dabei und biete dort Workshops zum Klettern mit Gear an. Ansonsten geht es einfach darum mit Gleichgesinnten eine gute Zeit zu haben und das auf möglichst nachhaltige Art und Weise.

Was sind deine nächsten Projekte im In- und Ausland?
Es gibt noch ein paar harte, angefangene Mehrseillängenrouten im Berner Oberland, die ich gerne fertigstellen würde. Dann würde ich gerne abgelegene Wände in den Schweizer Alpen klettern. Abenteuer vor der Haustüre eben. Ein paar richtig grosse Ideen in Pakistan und Grönland hätte ich schon noch im Köcher, aber die brauchen noch Zeit zum Reifen und die Fliegerei hat in punkto Nachhaltigkeit eben auch immer einen unguten Beigeschmack.

Über den Kletterer Silvan Schüpbach

Geburtsdatum: 19. August 1982
Wohnort: Allmendingen bei Thun (Bern, Schweiz)
Beruf: Jugendverantwortlicher SAC, Kletterlehrer, Nationaltrainer Eisklettern
Highlights Sportklettern: Polenta con farina degli altri (500 m, 8b) Wendenstöcke
Highlights Trad: Ultimo Sogno (8a+) Parete D’Osogna
Highlights Expedition/Bigwall: 2013: Neue Route am Uli Biaho Tower (6.100 m), Pakistan: Route Speck (6b, A2, M4, 800 m) / 2016: Mit der Westwand des Apostel Tommelfinger fanden wir völlig unerwartet eine 2.000 Meter hohe, unbestiegene Wand (Metrophobia, 1.700 m, 105° Eis, A2+, 7a) / 2017: Thors Hammer, Erstbegehung Tessiner Bavonatal (8b, 250 m) / 2017: Freie Begehung der Muir Wall am El Capitan (900 m, 8a+/8b) / Cerro torre, Westwand (2015) und Südost Pfeiler (2016) / Eigernordwand auf 8 verschiedenen Routen (Von Heckmair bis la Vida es Silbar)
Favourite Spots Schweiz: Tessin, Wendenstöcke, Petit clocher du Portalet
Favourite spots Europe: Valle dell Orco, Mont Blanc Gebiet, Dolomiten
Favourite Spots World: Yosemite, Grönland, Patagonien
Sponsoren: Petzl, Radys, Exped, Lowa, Alonso Import
Website: www.slack-line.ch

Über den neuen Kletterführer C(H)lean

Der Auswahlführer stellt Klettergärten und Mehrseillängenrouten vor, welche sich für das Absichern mit Keilen und Friends eignen. Die Gebietsauswahl reicht vom lang etablierten Klettergarten über vergessene und „renaturierte” Routen bis hin zur frisch geputzen Neuschöpfung.

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Credits: Bilder Silvan Schüpbach, Text Tim Marklowski von Mountain Wilderness Schweiz mit freundlicher Genehmigung des Climax-Magazine

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One Reply to “Dürfen wir vorstellen: Der Schweizer Clean-Kletterer Silvan Schüpbach”

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