Interview: Jacopo Larcher über die Erstbegehung von „Tribe“ – der schwersten Trad-Route der Welt

Der Ausnahmeathlet Jacopo Larcher sorgte vergangenes Wochenende einmal mehr für Schlagzeilen. Am Freitag 22. März 2019 gelang ihm die Erstbegehung seines Langzeitprojektes in Cadarese, Italien. Bei der Trad-Kletterroute „Tribe“ handelt es sich, so wird gemunkelt, um die schwerste Trad-Route der Welt. LACRUX hat mit Jacopo über seine historische Begehung gesprochen.

Interview mit Jacopo Larcher

Herzliche Gratulation zur Begehung! Wie fühlst du dich?
Ich bin mega froh, die Route endlich gepunktet zu haben. Es ist wirklich eine Erlösung, ich habe so viel Zeit investiert, ohne zu wissen, ob die Route für mich überhaupt kletterbar ist. Es war sicherlich einer der schönsten Momente! Es war auch faszinierend zu sehen, wie ich mich in der Route und beim Tradklettern generell in den letzten Jahren entwickeln konnte.

In den sozialen Medien hast du gesagt, du hättest noch nie so lange an einer Route gearbeitet und ein solch schwere Route geklettert. Die grosse Frage, die sich alle stellen: Wie schwer bewertest du die Route?
Ich habe mich entschieden, die Route nicht zu bewerten. Ich habe die Route so oft probiert und die obere Stelle konnte ich erst vor zwei Wochen erstmals entschlüsseln. Wenn man eine Route so lange projektiert, dann gewöhnt sich der Körper an die Belastungen, merkt sich die Bewegungsabläufe. Eine adäquate Bewertung abzugeben, fällt mir deshalb schwer.

Ich habe in meinem Leben noch nie eine Route so lange projektiert und noch nie eine solch schwere Route geklettert.

Jacopo Larcher über die Tradroute Tribe in Cadarese

Zudem finde ich ganz generell, dass nicht alles bewertet werden muss. Für mich war die Route enorm wichtig, die Linie so beeindruckend und der Prozess so faszinierend, dass die Bewertung für mich sekundär ist.

Um die Begehung der Route Tribe in Cadarese einzubetten und sich eine Vorstellung machen zu können, welche Bedeutung der Begehung zugute kommt, müssen die jüngsten Leistungen von Jacopo in den Jahren 2017 und 2018 erwähnt werden.

2017
Erstbegehung von Gondo Crack (8c/R) – Cippo, Schweiz
Begehung von La Rambla (9a+) – Siurana, Spanien
Zweite Rotpunktbegehung von Magic Mushroom (28 SL, 8b+) – El Capitan, Yosemite Valley (USA)


2018
Zweite Begehung von Odyssee (8a+) – Eiger, Schweiz
Begehung von The Path (5.14a R) – Lake Louise, Kanada

Wann hat die Odyssee, wie du das Projektieren einmal nanntest, mit der Route Tribe begonnen?
Die gesamte Geschichte begann vor sechs Jahren, als ich erstmals in Cadarese war und mir ein Kumpel die Route mehr zum Spass zeigte. Ich habe sie geputzt und sie hat sich ziemlich unmöglich angefühlt. Trotzdem habe ich immer mal wieder am Abend nach einem Klettertag ein bisschen die Züge ausgebouldert.

„2017 habe ich dann La Rambla (9a+) und Gondo Crack (8c/R) geklettert und bin danach wieder öfters nach Cadarese gefahren, um die Route Tribe ernsthaft zu projektieren.“

Im Toprope habe ich die Route, ohne jedoch die mobilen Sicherungen zu legen, bis zur oberen Schlüsselstelle klettern können. Die obere Schlüsselstelle schaffte ich aber nie. Irgendwann wurde es dann sehr warm und ich musste die Sommermonate abwarten, bis ich im Herbst zurückkehrte. Im Herbst waren die Bedingungen weiterhin nicht optimal, sodass ich nur wenige Tage an der Route arbeiten konnte. Danach fuhr ich ins Yosemite und schon war wieder ein Jahr verstrichen.

„Mein Plan war es eigentlich, im Frühjahr 2018 zurückzukehren, doch eine Verletzung hielt mich auch dann wieder von der Route ab.“

Im Herbst 2018 kam dann endlich die Zeit, in der ich viel Zeit in die Route investieren konnte. Die obere Stelle blieb mir aber immer noch verwehrt, auch wenn sie sich irgendwie möglich anfühlte. Ich habe mich deshalb entschlossen, endlich mal einen richtigen Vorstiegsversuch zu wagen. Schnell kam auch im 2018 der Winter und so musste ich mich wieder ohne Rotpunktbegehung von der Route verabschieden. Die Motivation war aber sehr hoch und so konzentrierte ich mich bei meinem Wintertraining voll und ganz auf die Route Tribe.

Glücklicherweise waren die Bedingungen im Jahr 2019 früh relativ gut, weshalb ich oft nach Cadarese fuhr. Anfang Februar schaffte ich dann zum ersten Mal die obere Schlüsselstelle der Route, was mir natürlich einen grossen Motivationsschub gab. Das war ein wichtiger Moment. Trotzdem fühlte ich mich noch ziemlich weit von einem Rotpunktversuch entfernt.

Bild: Paolo Sartori

Wann kam der Moment, an dem du wusstest, dass die Route für dich kletterbar ist?
Richtig sicher war ich mir erst vor zwei Wochen, weil ich bis vor zwei Wochen die obere Schlüsselstelle gar nie klettern konnte. Das war ja auch das Verrückte an diesem Projekt. Ich musste die Motivation aufrechterhalten, obwohl ich eine zentrale Stelle der Route Tribe nie entschlüsseln konnte.

Als ich dann vor zwei Wochen die obere Schlüsselstelle endlich klettern konnte, wusste ich, dass ich die Route punkten kann. Dass ich nur noch zwei Wochen bis zum kompletten Durchstieg benötige, hätte ich mir aber nicht gedacht.

Kannst du die Route kurz beschreiben?
Tribe ist eine überhängende Kante, die optisch an Gritstone-Kletterei erinnert. Der erste Teil ist relativ leicht, ein bissel wackelige Kletterei, so 7a/7a+, aber schlecht absicherbar. Eine erste mobile Sicherung kann erst 5 Meter ab Boden gelegt werden. Danach klettert man bis unter ein Dach mit einem No-Hand-Rest, wo eine bombenfeste Zwischensicherung gelegt werden kann.

Dann beginnt die Route erst mit einer ersten Boulderstelle, klassische Kühlschrankkletterei. Danach schnappt man von einem Untergriff zu einem Aufleger, das ist ein ziemlich unsicherer Zug und wenn man fällt, passiert es oft, dass das Bein hinter dem Seil ist und man kopfüber hinunterfällt. Das ist natürlich sehr unangenehm, zum Glück aber nicht gefährlich.

Wenn man den Aufleger aber erwischt, legt man die letzten zwei Sicherungen und klettert nach rechts zu einem guten Griff, an dem man sich erholen kann. Dann beginnt die obere Schlüsselstelle, die viel Körperspannung erfordert und bei der man den linken Fuss hoch ansetzen muss.

„Für den einen Zug habe ich den ganzen Winter durch fleissig Dehnübungen gemacht.“

Jacopo Larcher

Nun geht es etwas dynamisch aus einem kleinen Zweifingergriff an einen relativ guten Griff. Hält man diesen, so ist die obere Schlüsselstelle überwunden und man kann zwei schlechte Absicherungen legen. Weiter geht es dann über ein kleines Band in einfacherem Gelände sowie zu einem 7b-Riss bis zum Stand.

Bild: Paolo Sartori

Nach dem Projekt kommt immer die grosse Frage: Whats next? Was läuft 2019 bei Jacopo Larcher?
Viel. Ich möchte mich nicht wieder ein ein Langzeitprojekt stürzen, sondern mehr alpine Mehrseillängentouren klettern. Im Mai gehe ich mit Babsi wieder ins Yosemite Valley und im Juni mit meinem Sponsor The North Face nach Peru. Im September fahre ich dann in die Grenzregion Indien/Pakistan, mit dem Ziel einer Big-Wall-Erstbegehung.

Herzlichen Dank, Jacopo, für das Interview!

Video über die Phase des Projektierens der Route Tribe in Cadarese

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Credits: Titelbild Clayton Boyd / The North Face

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