Alle waren wir betroffen von den drastischen Massnahmen unserer Regierungen. So auch der Kletterprofi Jakob Schubert. Jetzt erzählt Jakob über die Zeit im Lockdown und seine Rückkehr an den Fels. Das Video dazu gibt es im Anschluss an den Beitrag.

Ein Beitrag von Jakob Schubert

Seit ich mich erinnern kann, gibt es in meinem Leben maximal 14 aufeinanderfolgende kletterfreie Tage im Laufe eines Jahres. Jetzt waren es 35 Tage hintereinander ohne Klettern! Da bleibt nicht nur viel Zeit für kreative Trainingsmethoden rund ums eigene Haus, sondern auch, um an Projekten im Umkreis von Innsbruck und einem neuen Video zu arbeiten.

Die Bilder von der menschenleeren Stadt wirken immer noch sehr befremdlich, doch gehören sie zum Glück schon wieder der Vergangenheit an. Neben Handstand- und Campusboard-Training habe ich auch in der Quarantänezeit meine Augen und Ohren für neue, schwere Routen und Boulder offengehalten; nicht nur im Ausland, in Zeiten wie diesen vor allem auch in Tirol.

Zwei Traumboulder im Zillertal

Die zwei Boulder „Traumschiff“ und „Nihilist“, zum Beispiel, hatte ich schon länger auf meiner Wunschliste. Das Traumschiff habe ich schon vor einem Jahr probiert und wollte ich jetzt abschließen; vom Nihilist hingegen hab ich gehört, dass das einer der besten und schwierigsten im Zillertal sei. Beide sind mit 8B+ bewertet.

Von der neuen Route am Jochberg kannte ich bereits den ersten Teil und ich wusste, dass sich die Linie genial klettern würde, weil sie anhand logischer Felsstrukturen diagonal durch den gesamten Überhang führt. Jetzt ist aus daraus die Erstbegehung ‚Walk the Line‘ (9a) entstanden.
Ich wollte einen Namen mit ‚Line‘, weil die Route den gleichen Einstieg hat wie zwei weitere, die bereits ‚Line‘ heißen, und dann gibt es da noch den einzigartigen Johnny Cash Song ‚I Walk the Line‘, somit passt das sehr gut.

Jakob Schubert in der Route Walk the Line. (Bild Alpsolut)

Vor gut einem Jahr gab es im Rahmen eines Fototermins mit Heinz Zak die erste Berührung mit der Route Weiße Rose am Schleierwasserfall in Going am Wilden Kaiser. Damals habe ich noch nicht wirklich an einen Durchstieg gedacht, doch gemerkt, dass mir die Route, die Alex Huber bereits 1994 eröffnet hatte, eine ist, die mir sehr entgegenkommt. Die musste ich mir einfach abholen! Nach zweimaligem Auschecken und einem knapp gescheiterten Versuch, bin ich am 28. April die Route erfolgreich durchgeklettert. Nach Alex Huber und Adam Ondra bin ich somit der 3., dem das gelungen ist.

Wenn ich Alex Huber das nächste Mal treffe, möchte ich ihm nochmal zu dieser Begehung gratulieren. Es ist sehr beeindruckend, dass er so eine schwere Tour bereits 1994 klettern konnte. Ich war damals gerade mal drei Jahre alt.

Das beste Gefühl der letzten Wochen?

War der Durchstieg das beste Gefühl der letzten Wochen? Schwer zu sagen. Weiße Rose war jetzt nicht besser als einer der beiden Boulder oder ‚Walk the Line‘; sie ist eine mega Tour und deswegen war das Feeling extrem gut, aber was einen Durchstieg à la ‚Perfecto Mundo‘ noch besonderer macht, ist, wenn er komplett an deinem Limit ist. Die Routen der letzten Wochen sind extrem lässig, aber ich musste nicht alles aus mir herausholen.

Was nach so langer Zeit allerdings wichtig war: Wieder zu klettern. Es ging gar nicht so sehr um den Durchstieg, sondern einfach mal wieder im Freien zu sein, zu klettern, mit Freundin und Freunden unterwegs zu sein, das zu leben und zu genießen.

Jakob Schubert in Weisse Rose. (Bild Alpsolut)

Die ersten Berührungen mit dem Felsen waren sehr besonders. Aus lauter Freude endlich wieder Stein unter den Fingern zu spüren, habe ich gleich meine Jause, sprich Brote, Banane, Apfel und Riegel, vergessen. Egal. Es war großartig, endlich mal wieder tun zu können, was man am liebsten macht; vor allem, wenn man’s davor gut 1 ½ Monate nicht durfte!

Füße und Hände haben an den ersten Klettertagen sicherlich am meisten gelitten. Gerade die Füße sind es nicht mehr gewohnt in den engen Kletterschuhen zu stecken und es wird um einiges schneller unangenehm. Nach zwei, drei Tagen ist das aber wieder okay. Bei den Händen hat es etwas länger gedauert. Das ist in Halle und Fels sowieso immer etwas anders. Am Felsen ist es noch intensiver und da ich ausschließlich draußen unterwegs war, musste sich die Haut speziell daran gewöhnen. Da ist an den ersten Tagen Zurückhaltung angesagt damit die Haut schneller aufbaut.

Stichwort Sonne. Da wir Kletterer nicht so viel in der Sonne unterwegs sind, ist das kein Thema. Beim Klettern wählt man extra Schattengebiete aus, weil die guten Bedingungen dort sind, wo es kühler ist und die Sonne nicht direkt hineinbrennt.

Mein Motto: Klettern im Schatten, Chillen in der Sonne.

Jakob Schubert

Mittlerweile ist schon fast wieder sowas wie Alltag eingekehrt. Seit einigen Wochen dürfen wir dank Sondergenehmigung bereits wieder in der Halle trainieren. Nicht so oft, wie ich das normalerweise tun würde – also nur drei- anstatt fünfmal – aber das ist ein guter Kompromiss aus Training und Felsklettern.

Was mir allerdings sehr abgeht sind die Wettkämpfe, das sich messen können und die absehbaren Ziele, auf die man sich speziell vorbereitet. Natürlich nimmt das auch etwas Druck, weil man nicht permanent die nächste Bestleistung im Kopf hat.

Ungewöhnlich ist allerdings, dass ich nicht am Reisen bin. Normalerweise bin ich in wettkampffreien Zeiten zum Beispiel in Spanien, um dort schwierige Routen zu probieren. Ich bin es einfach nicht gewohnt, so ewig lang nur daheim zu sein, auch wenn es eine spannende Erfahrung ist.

Video: Jakob Schubert über den Lockdown und seine ersten Begehungen am Fels

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Credits: Bildmaterial Alpsolut, Text Jakob Schubert

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