»Es war der beste Moment meiner Karriere« – Jana Švecová im Interview

Im März diesen Jahres machte Jana Švecová bereits Schlagzeilen, als sie die Erstbegehung von »Tokyo Drift« (8C) verkündete. Nur zwei Wochen später holte sie sich die originale Linie, »Drift« (8C) von Adam Ondra ebenfalls ab. Wir haben mit ihr über die beiden 8C Begehungen, ihr Mindset und zukünftige Projekte gesprochen!

Die tschechische Profiboulderin Jana Švecová ist längst eine feste Größe in der internationalen Kletterszene. Als erste Frau weltweit, die eine 8C-Boulder-Route etabliert hat, schreibt die 28-Jährige Klettergeschichte. Mit ihrer jüngsten Erstbegehung von »Tokyo Drift« (8C) im Mährischen Karst setzte sie im März 2026 einen weiteren Paukenschlag.

Švecovás Aufstieg begann 2023 mit »Nova«, ursprünglich als 8B+ eingestuft, später von Will Bosi auf 8C hochgestuft – eine Sit-Start-Variation von Adam Ondras legendärer Linie »Terranova«. Diese 8C+-Route aus dem Jahr 2011 wartet bis heute auf ihre erste Wiederholung und bleibt Švecovás erklärtes Hauptziel. Doch während sie an diesem Giganten arbeitet, etabliert sie nebenbei Routen, die andere als Lebensprojekte betrachten würden. »Tokyo Drift« entstand als direkte Variation von Ondras »Drift« – statt der ursprünglichen Umgehung wählte Švecová den Weg geradewegs durch den 60-Grad-Überhang.

Švecová gehört zu den wenigen Frauen weltweit, die mehrere 8C-Boulder bewältigt haben. Im Gespräch erklärt die 28-Jährige, warum Tokyo Drift den besten Moment ihrer Karriere markiert, wie sie mit jahrelangen Projekten umgeht und weshalb der Kopf beim Klettern mindestens genauso wichtig ist wie die Fingerkraft.

Jana Švecová bereitet ihre Finger für ein Go in »Drift« vor. | Bild: Lukáš Černý

Jana Švecová im Gespräch

Lacrux: Jana, wann bist du überhaupt zum Bouldern gekommen und wann hast du den Weg zum Profi eingeschlagen?

Jana: Ich klettere schon seit meinem achten Lebensjahr, damals vor allem Lead-Wettkämpfe und nur indoor. Dann hatte ich zwei, drei Jahre komplette Pause vom Klettern. Irgendwie fand ich zurück und da lernte ich Martin kennen. Über ihn kam ich zum Bouldern. Wir sind viel zusammen gereist und haben gemeinsam projektiert. Wir haben uns von Anfang an gegenseitig motiviert und gepusht, so habe ich meine Ziele immer schneller erreicht. Vor drei Jahren wurde ich dann Profi – im August kündigte ich meinen Vollzeitjob und wagte den Sprung als professionelle Athletin.

Du hast vor kurzem eine Variation von Adam Ondras »Drift« (8C) erstbegangen. Den First Ascent von »Tokyo Drift« (8C) hast du als den besten Moment deiner bisherigen Karriere beschrieben: Was war in diesem Moment anders als bei allen anderen Sends?

Das lag daran, dass ich meine Herangehensweise an ein Projekt bei Tokyo Drift komplett verändert hatte. Ich muss aber etwas ausholen: Wir waren in der Schweiz und ich sah Adam Ondra beim Bouldern zu – wie er 8C-Boulder anging und auch Flash-Versuche in dem Grad machte. Das hat mich völlig umgehauen. Mir wurde klar, dass ich meine Perspektive auf 8C-Boulder grundlegend ändern musste.

Ich hatte immer das Gefühl, es sei okay, sehr lange an einer 8C zu projektieren, auch wenn ich eigentlich nicht wirklich Lust hatte jahrelang am selben Projekt zu arbeiten. Eigentlich war mein Ziel schon immer harte Boulder schnell zu klettern. Als ich letztes Jahr im April Tokyo Drift zum ersten Mal probierte, war ich vielleicht vier mal an dem Projekt. Es war eher ein Nebenprojekt, während ich hauptsächlich an Terranova arbeitete. Sobald ich müde war, von Terranova ging es rüber zu Tokyo Drift um die Beta auszubouldern.

Nach der Schweiz dachte ich also: Okay, ich habe dieses Tokyo Drift-Projekt und ich will es mit einer völlig anderen Einstellung angehen. Ich wollte mir selbst beweisen, dass ich es schnell schaffen kann. Und tatsächlich war der Fortschritt in jeder Session linear – ich erreichte immer neue Höhepunkte, bis ich den Boulder schließlich geschafft habe. Ich hatte wirklich keine einzige Session, die schlechter war als die vorherige.

Man kann linearen Fortschritt nicht planen, und als alles aufging, war ich überwältigt.

Jana Švecová
Jana in »Tokyo Drift«, ihrer Variante von Adam Ondras »Drift«. | Bild: Martin Svecova

»Tokyo Drift« teilt Anfang und Ende mit Adam Ondras »Drift«, nimmt aber die direkte Linie durchs Dach. Wie kamst du auf die Idee, dass die direkte Variante überhaupt gehen könnte?

Mein Mann Martin probierte damals die ursprüngliche Linie »Drift«, während ich an Terranova arbeitete. Ehrlich gesagt begann ich während diesem Projekt die Motivation zu verlieren – sogar meine Leidenschaft fürs Klettern, was verrückt klingt. Ich dachte, ich müsste Terranova schaffen und dürfte mich auf nichts anderes konzentrieren. Das war ein großer Fehler.

Ich vergaß, was am Klettern schön ist: Fortschritte machen, neue Verbindungen schaffen und dann am Ende der Durchstieg. Also suchte ich mir ein Nebenprojekt – immer noch sehr schwer, aber machbarer als Terranova. Bei Tokyo Drift wusste ich, dass ich meine eigene Beta finden und alle Züge schaffen kann. Bei der originalen Ondra-Linie kam ich nie durch die erste Crux. Ich kam nicht an einen wichtigen Tritt, den alle anderen nutzen. Tokyo Drift fühlte sich da für mich viel machbarer an.

Du sagtest, Terranova hat dich fast die Leidenschaft fürs Klettern gekostet. Hat Tokyo Drift sie dir zurückgegeben?

Ja, definitiv. Schon vor Tokyo Drift, während einer Norwegen-Reise, kletterte ich verschiedene Boulder und hatte einfach wahnsinnig viel Spaß. Da wurde mir klar: Ich muss auch andere Sachen klettern, nicht nur Terranova. Klettern macht mir Spaß, weil ich es mit anderen Menschen teilen kann – und das war bei Terranova nicht mehr gegeben. Jetzt freue ich mich richtig darauf, Terranova wieder anzugehen. Die Herbstsaison könnte richtig gut werden.

Wie viel am Projektieren harter Boulder ist Kopfsache? Du bist mit einer anderen Einstellung an Tokyo Drift rangegangen – macht das psychologisch einen so großen Unterschied?

Einen gigantischen. Ich habe versucht, mich nicht auf das Ziel, also den Send, zu konzentrieren, auch wenn ich mich natürlich stetig verbessern wollte. Ich hab mich einfach total fit gefühlt und der Flow den ich bei Tokyo Drift hatte war fühlte sich richtig gut an. Und das war alles was für mich wichtig war: Flow und ein wirklich gutes Gefühl beim Bouldern. Ich dachte mir »Was kommt, dass kommt, hauptsache ich fühle mich weiterhin so gut.«
So habe ich das Klettern am meisten genossen und am Ende ging der Boulder einfach. Meine besten Klettertage habe ich, wenn ich keine Erwartungen habe. Einfach nur: nicht verletzen!

Meine besten Klettertage habe ich, wenn ich keine Erwartungen habe. Einfach nur: nicht verletzen!

Jana Švecová

Wie sieht dein Training für ein Projekt wie Tokyo Drift aus?

Nichts sehr Spezifisches, ehrlich gesagt. Ich kletterte einfach. Gewichtete Klimmzüge, viel Board-Training, allgemein in Form kommen. Power-Endurance war in diesem Fall der Schlüssel, weil der Boulder 18 Züge hat. Dann übte ich die Crux-Sequenzen draußen, und als ich bereit für ernsthafte Versuche war, war ich jeden zweiten Tag am Fels. Zwei Wochen war ich nur am Fels, nur am Projekt – klettern und ausruhen.

Nochmal kurz zu »Nova«: Du hattest es ursprünglich mit 8B+ bewertet, dann sagte Will Bosi, es sei eher eine 8C. Warst du überrascht?

Nicht wirklich überrascht, würde ich sagen. Ich war natürlich super glücklich, aber ich wusste, dass es das Schwerste war, was ich je gemacht hatte. Damals dachte ich mir tatsächlich: »Das könnte eine 8C sein.« Alles fühlte sich so an – die Schwierigkeit der einzelnen Züge und Sektionen schrie förmlich 8C.

Aber ich habe mich nicht getraut, den Grad zu vergeben, weil ich ja noch keine 8C geklettert hatte. Also ließ ich es offen. Als Will Bosi dann nach Tschechien kam, Nova kletterte und es hochstufte – das war für mich eine klare Aussage. Er hat einfach so viel Erfahrung mit harten Bouldern.

Wenn du Nova und Tokyo Drift vergleichst – welcher Boulder war für dich persönlich härter?

Kann ich nicht sagen, ehrlich. Nova ist so lange her. Mental war Nova definitiv härter, weil ich eine andere Einstellung hatte. Ich war so erpicht darauf, den Boulder zu schaffen, trainierte so hart und hatte sogar ein Replika in meiner Halle. Bei Tokyo Drift war die Veränderung von meinem Mindset wirklich wichtig. Ich glaube, körperlich können Kletternde allgemein viel mehr, aber der Kopf ist meist der Stopper. Bei Tokyo Drift war das weniger der Fall, da war ich körperlich und mental einfach in top Form.

Ich glaube, körperlich können Kletternde allgemein viel mehr, aber der Kopf ist meist der Stopper.

Jana Švecová

Hast du Tipps für jüngere Athletinnen, mit welcher Einstellung sie an einen Boulder rangehen sollten?

Hört euch unbedingt den Careless Podcast mit Zach Gala an – der hat das Thema Mindset wahnsinnig gut auf den Punkt gebracht und mir echt geholfen. Ansonsten ist es leider so: Ihr müsst selbst rausfinden, was bei euch funktioniert.

Manche schwören auf Visualisierung, andere fahren besser, wenn sie gar nicht an den Boulder denken und einfach entspannt bleiben. Wieder andere performen am besten, wenn sie jeden Zug vorher durchgehen. Das ist der schwierige Teil – ihr müsst euren eigenen Weg finden.

Jana Švecová am Fels im Mährischen Karst. | Bild: Lukáš Černý

Wenn eine junge Athletin zu dir kommt und sagt ‚Ich will sein wie du‘, was geht dir durch den Kopf?

Ich bekomme tatsächlich Nachrichten von Frauen und Mädchen, die mir schreiben, dass ich sie inspiriere – das ist unglaublich schön und gibt mir selbst so viel Motivation. Ehrlich gesagt, das hält mich richtig am Laufen.

Wenn ich auf Social Media poste, hoffe ich immer, dass es vielleicht jemandem hilft. Sei es auch nur, um durch so einen faulen Tag zu kommen, wo man eigentlich keine Lust auf Training hat. Vielleicht sieht jemand mich klettern und denkt sich: »Okay, ich gehe doch in die Halle« Bei mir funktioniert das genauso, wenn ich andere hart trainieren sehe, dann denke ich mir: »Hey, ich will auch!«

Rückblickend auf deine Karriere: Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben?

Es klingt vielleicht seltsam, aber ich bin ziemlich zufrieden, wie alles gelaufen ist. Es gibt ehrlich gesagt nichts, was ich anders machen würde. Ich war von Anfang an super motiviert und engagiert und das ist immernoch so. Es fühlt sich gut an, das so sagen zu können: Ich würde nichts ändern.

Wir wünschen Jana viel Erfolg mit Terranova!

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Credits Titelbild: Lukáš Černý

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