Die Mammut-Athletinnen Amruta Wyssmann und Lucia Capovilla wurden beide ohne linken Vorderarm geboren. Eine Tatsache, die sie weder vom Klettern abhält noch davon, die eigenen Grenzen stets aufs Neue zu überwinden. Ein Gespräch über Kreativität beim Klettern, Wettkämpfe und Inspiration.

Amruta Wyssmann ist 30 und in Düdingen zuhause. Aufgewachsen in Graubünden, kam sie schon früh mit dem Bergsport in Berührung. Die ersten «richtigen» Kletterversuche unternahm sie jedoch erst 2018. Drei Jahre später startete sie als erste Paraclimberin für das Swiss Climbing Team und zählt an der Heim-WM in Bern 2023 zu den Schweizer Hoffnungsträgerinnen.

Lucia Capovilla ist in Venedig aufgewachsen und seit 2015 professionelle Paraclimberin. Die 29-Jährige probierte das Klettern mehr als Jux aus, fand dann aber sehr schnell Gefallen an der Herausforderung, sich in vertikalem Gelände zu bewegen. Diesen Sommer kündete sie ihren Job und zog auf der Suche nach neuen Möglichkeiten ins Klettermekka Arco.

Die beiden Athletinnen klettern in der Kategorie AU2, also mit nur einem Vorderarm. Wir haben mit den beiden Frauen über ihre Leidenschaft gesprochen

Lucia Capovilla krönt ihre starke Wettkampfsaison mit der Goldmedaille am IFSC World Cup 2022 in Salt Lake City. Bild: Slobodan Miskovic
Lucia Capovilla krönt ihre starke Wettkampfsaison mit der Goldmedaille am IFSC World Cup 2022 in Salt Lake City. Bild: Slobodan Miskovic

Erzählt doch mal: Wie wann seid ihr erstmals mit dem Klettern in Berührung gekommen?

Lucia Capovilla: Ich habe 2015 mit dem Klettern angefangen. Ich habe es mehr als Scherz versucht. Ganz unter dem Motto: «Sag mir, dass ich es nicht kann, und ich beweise dir das Gegenteil». An diesem Tag ging ich mit jemandem aus meinem Freundeskreis in eine Kletterhalle und fand einen Boulder, der wie eine Leiter aussah, also sagte ich: «Oh, das sieht so einfach aus, das könnte auch ich schaffen!» Ich wurde daraufhin herausgefordert, es zu versuchen. Gesagt, getan:  Ich erreichte das Top. Das einzige Problem war der Abstieg, denn ich hatte nicht vor, auf die Matte zu fallen. Wahrscheinlich ist dies der Grund, warum ich immer noch lieber am Seil klettere, anstatt bouldern zu gehen.

«Sag mir, dass ich es nicht kann, und ich beweise dir das Gegenteil.»

Lucia Capovilla

Amruta Wyssmann: Ich bin in Graubünden aufgewachsen, daher war Bergsport immer ein Thema. Meine Mama meint stets, dass ich schon früher immer geklettert und herumgekrachselt sei. Ich habe jedoch erst 2018 meine ersten «richtigen» Kletterversuche gemacht. Früher habe ich mich einfach weniger getraut, da ich dachte, das gehe nicht mit «nur» einem Arm. Eine meiner besten Freundinnen hat mich dann in die Kletterhalle mitgenommen. Ich dachte mir einfach: Wenn es geht, dann gehts, und wenn nicht, dann eben nicht.

Was bedeutet euch das Klettern?

Amruta Wyssmann: Es bedeutet mir Alles! Klettern ist für mich mehr als nur ein Sport. Das Klettern ermöglicht es mir, ständig über mich selbst hinauszuwachsen. Mein Motto ist: Ich kann, weil ich will.

«Das Klettern ermöglicht es mir, ständig über mich selbst hinauszuwachsen.»

Amruta Wyssmann

Lucia Capovilla: Klettern bedeutet für mich Freiheit. Ich kann meinen ganzen Körper einsetzen und so meine Schwächen in Stärken verwandeln. Klettern macht mich selbstbewusster in Bezug auf das, was ich mit meiner «lucky fin» (dt. Glücksflosse, so nennt Lucia ihren linken Arm liebevoll) leisten kann, und stärkt mein Selbstvertrauen.

Beim Klettern fühle ich mich frei, kreativ zu sein und verschiedene Wege zu finden, um eine Stelle zu überwinden. Es zwingt mich, über den Tellerrand zu schauen. Klettern bleibt immer spannend, weil es sich nicht wiederholt und in jeder Stelle anders ist, je nach Wand, Griff und Situation.

Amruta Wyssmann: «Mein Motto ist: Ich kann, weil ich will». Bild: Markus Cadosch
Amruta Wyssmann: «Mein Motto ist: Ich kann, weil ich will». Bild: Markus Cadosch

Was reizt euch speziell am Wettkampfklettern?

Amruta Wyssmann: Es macht unglaublich viel Spass, denn die Stimmung ist ganz anders, als wenn ich «nur» trainiere. Natürlich treibt mich auch der Nervenkitzel an.

Lucia Capovilla: Beim Wettkampfklettern sind die Routen explizit für Paraclimbing Athletinnen und Athleten geschraubt. Das heisst, es wird darauf geachtet, dass sie physisch machbar sind. Wenn ich privat klettern gehe, dann klettere ich an Routen, die nicht speziell auf Paraclimbing ausgelegt sind. Deshalb ist es manchmal schwer für mich zu verstehen, ob ich gut bin in dem, was ich tue, oder ob ich besser sein könnte. Das Wettkampfklettern ist daher eine grossartige Gelegenheit, Leute wie mich zu treffen und verschiedene Herangehensweisen kennenzulernen.

«Wenn ich privat klettern gehe, dann klettere ich an Routen, die nicht speziell auf Paraclimbing ausgelegt sind. Deshalb ist es manchmal schwer für mich zu verstehen, ob ich gut bin in dem, was ich tue, oder ob ich besser sein könnte.»

Lucia Capovilla

Was taugt euch mehr: Seilklettern oder Bouldern?

Lucia Capovilla: Ich bevorzuge Mehrseillängenrouten und Leadklettern, weil ich hier kreativer sein und eine eigene Lösung finden kann, um eine Crux in der Route zu überwinden. Beim Bouldern gibt es eine obligatorische Sequenz, und die Disziplin ist sehr anspruchsvoll in Bezug auf die Distanz, die Kraft und die Dynamik der Bewegungen. Ich würde gerne bouldern, wenn die Routen mit Abständen geschraubt wären, die sich an meiner Armspannweite und den Griffen orientieren, die meine «lucky fin» greifen kann.

Amruta Wyssmann: Zu Beginn habe ich ausschliesslich gebouldert. Als ich dann Teil des Paraclimbing-Teams wurde, begann ich auch am Seil zu klettern. Inzwischen mache ich beides gleich gern. Für mich ergänzen sich die Disziplinen gegenseitig.

«Ich würde gerne bouldern, wenn die Routen mit Abständen geschraubt wären, die sich an meiner Armspannweite und den Griffen orientieren, die meine «lucky fin» greifen kann.»

Lucia Capovilla

Klettert ihr lieber drinnen oder draussen?

Lucia Capovilla: Ich bevorzuge das Outdoor-Klettern wegen dem Kontakt mit der Natur und weil ich mich dort besser entspannen kann. Ich liebe es einfach draussen zu sein und gehe dort auch nicht immer gleich ans Limit. Das Hallenklettern ist physisch anstrengender, weil ich hier meine Grenzen erweitern und mich bis zum Äussersten pushen kann. Ich liebe es, zu trainieren und zu wachsen.

Amruta Wyssmann: Ich bevorzuge im Moment noch das Hallenklettern, aber ich denke nur, weil ich noch nicht so viele Erfahrungen draussen sammeln konnte. Im Hinblick auf die bevorstehende Kletterweltmeisterschaft nächsten Sommer hat das Hallenklettern momentan auch Priorität. Ich würde aber sehr gerne mehr raus an den Fels. Denn Outdoorklettern stellt eine spannende Herausforderung dar. Vor allem da die Routen im Vergleich zum Hallenklettern nicht genau vorgegeben sind und man sie dementsprechend selbst suchen muss.

Lucias bevorzugte Kletterdisziplin: Mehrseillängenrouten. Bild: Luca Pasqualetto
Lucias bevorzugte Kletterdisziplin: Mehrseillängenrouten. Bild: Luca Pasqualetto

Was sind eure Ziele hinsichtlich der Kletter-Weltmeisterschaft in Bern?

Amruta Wyssmann: Ich will immer mein Bestes geben. Vor allem ist es mir aber wichtig den Spass am Klettern beizubehalten.

Lucia Capovilla: Ich will Spass haben und an meine Grenzen gehen. Ich möchte an der WM zeigen, dass ich in der Trainingsphase meine Technik verbessert habe und physisch sowie mental stärker geworden bin.

«Meine körperliche Einschränkung mache ich mir zum Vorteil, da ich Routen unkonventioneller und kreativer angehe.»

Amruta Wyssmann

Wo seht ihr eure Stärken und Schwächen?

Lucia Capovilla: Meine Stärke liegt in der Präzision, der Flüssigkeit meiner Begehungen und meiner Entschlossenheit. Ich bin nicht so stark in Bezug auf Muskelkraft, Widerstand und Vertrauen in meinen linken Arm.

Amruta Wyssmann: Durchhaltewillen. Ich habe viel Spass am Klettern, weshalb mir auch das Training Freude bereitet – auch wenn es mal anstrengend ist, gebe ich nicht auf. Meine körperliche Einschränkung mache ich mir zum Vorteil, da ich Routen unkonventioneller und kreativer angehe.

Für mich stellt meine Nervosität eine Herausforderung dar. Insbesondere vor Wettkämpfen bin ich oft sehr aufgeregt und kann nicht immer so performen, wie ich gerne möchte und könnte. Damit ich mein volles Potential ausschöpfen kann, mache ich regelmässig Mentaltraining. Dazu gehören Atemübungen und Trainingstagebuch führen.

Amruta Wyssmann: «Ich habe viel Spass am Klettern, weshalb mir auch das Training Freude bereitet – auch wenn es mal anstrengend ist, gebe ich nicht auf.» Dominik Binder
Amruta Wyssmann: «Ich habe viel Spass am Klettern, weshalb mir auch das Training Freude bereitet – auch wenn es mal anstrengend ist, gebe ich nicht auf.» Dominik Binder

Was bedeutet dir die Zusammenarbeit mit Mammut?

Lucia Capovilla: Ich habe mich sehr gefreut, als Mammut mich kontaktierte und fragte, ob ich an einer Zusammenarbeit interessiert wäre. Mammut ist eine bekannte Marke mit hochwertigen Produkten. Was mich besonders freut ist, dass Mammut mehr an meiner Geschichte als an meinen Leistungen interessiert ist. Ich habe das Gefühl, dass wir uns gegenseitig helfen können, meine Botschaft «Grenzen sind nur in unserem Kopf» zu verbreiten.

Amruta Wyssmann: Ich hatte das Glück, dass Mammut auf mich zugekommen ist. Es ist mir wichtig mit einer Schweizer Brand zusammen zu arbeiten, welche viel im Bereich der Nachhaltigkeit macht. Vor allem die Themen Umweltverschmutzung und unfaire Löhne liegen mir am Herzen. Ich möchte Verantwortung übernehmen, indem ich mit einer lokalen Brand wie Mammut zusammenarbeite, welche diese Werte mit mir teilt.

«Was mich besonders freut ist, dass Mammut mehr an meiner Geschichte als an meinen Leistungen interessiert ist.»

Lucia Capovilla

Wer oder was inspiriert euch?

Amruta Wyssmann: All die anderen Athletinnen und Athleten, die am Paraclimbing Weltcup teilnehmen. Aber auch alle anderen Teilnehmenden von Juniorinnen und Junioren bis zu den Eliten am Weltcup inspirieren mich.

Lucia Capovilla: Lynn Hill und Janja Garnbret inspirieren mich mit ihrer Einstellung zum Leben und ihrer Klettertechnik.

Lucia Capovilla: «Ich würde mich freuen, wenn ich Behinderten helfen könnte, sich dem Klettern zu nähern.» Bild Dimitris Tosidis
Lucia Capovilla: «Ich würde mich freuen, wenn ich Menschen mit Behinderung helfen könnte, sich dem Klettern zu nähern.» Bild Dimitris Tosidis

Wie schätzt ihr die öffentliche Wahrnehmung des Paraclimbings ein?

Amruta Wyssmann: Bei uns in der Schweiz ist Paraclimbing noch zu wenig bekannt. Ich hoffe das ändert sich mit der Heim-WM in Bern im nächsten Jahr. Indem ich den Sport so aktiv wie möglich repräsentiere, möchte ich die Wahrnehmung des Sportes positiv beeinflussen und der Welt zeigen, dass man alles erreichen kann, wenn man determiniert ist und Freude an der Sache hat.

«Indem ich den Sport so aktiv wie möglich repräsentiere, möchte ich dessen Wahrnehmung positiv beeinflussen und der Welt zeigen, dass man alles erreichen kann, wenn man determiniert ist und Freude an der Sache hat.

Amruta Wyssmann

Lucia Capovilla: Paraclimbing ist nicht sehr bekannt, nicht einmal in der Kletter-Community. Ich hoffe, dass es eines Tages «normal» sein wird, zu denken, dass Menschen mit Behinderung alles tun können, was Menschen ohne Behinderung tun – insbesondere Klettern. Ich würde mich freuen, wenn ich Menschen mit Behinderung helfen könnte, sich dem Klettern zu nähern.

«Ich hoffe, dass es eines Tages «normal» sein wird, zu denken, dass Menschen mit Behinderung alles tun können, was Menschen ohne Behinderung tun – insbesondere Klettern.»

Lucia Capovilla
Amruta Wyssmann: «Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich schon als Kind angefangen zu klettern.» Bild: Christoph Zundel
Amruta Wyssmann: «Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich schon als Kind angefangen zu klettern.» Bild: Christoph Zundel

Zum Schluss: Was solltet ihr schon immer sagen, wurdet jedoch nie gefragt?

Amruta Wyssmann: Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, hätte ich schon als Kind angefangen zu klettern.

Lucia Capovilla: Wie schwer es ist. Niemand hat mich je gefragt, wie schwer es für mich ist, immer wieder meine Grenzen zu überwinden. Seinem Herzen zu folgen und sich selbst voranzutreiben, ist das beste Geschenk, das man sich selbst machen kann. Das kann manchmal schwer sein. Jeder Schritt ist unsicher, aber am Ende wird es sich lohnen, denn es wird echt sein.

«Niemand hat mich je gefragt, wie schwer es für mich ist, immer wieder meine Grenzen zu überwinden.»

Lucia Capovilla

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Credits: Titelbild: Dimitris Tosidis und Christoph Zundel

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