Krieg und Klettern: Eine ukrainische Geschichte – Klettern bedeutet, Teil von etwas Größerem zu sein

Bei –22 °C und unter täglichem Beschuss klettern die Menschen in Kiew weiter. Und zwar nicht trotz des Krieges, sondern als Antwort darauf. In den Kletterhallen der Stadt ist aus einem Sport, den Alpinisten einst das »Streben nach Nutzlosigkeit« nannten, etwas zutiefst Notwendiges geworden: ein Ort aus Licht, Wärme und Gemeinschaft im fünften Kriegswinter.

Der Winter 2026 markiert das fünfte Jahr seit dem Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine. Tägliche Luftangriffe auf Energieinfrastruktur und zivile Einrichtungen machen das Leben unberechenbar und gefährlich. Zu dieser ständigen Bedrohung kommt der härteste Winter der vergangenen zehn Jahre, mit Temperaturen, die oft unter –22 °C fallen. Trotz dieser Prüfungen – oder gerade wegen ihnen – hat sich die Klettergemeinschaft in Kiew über die Dunkelheit und das Eis erhoben, um in einem Land im Krieg einen Raum für Selbstverwirklichung, Unterstützung, Selbstbestimmung und Widerstand zu schaffen. Dies ist die Geschichte davon, wie die Kletterkultur der Ukraine wie eine Kerze dazu beiträgt, die dunkelste Nacht in Schach zu halten.

Diese dreiteilige Reportage ist das Ergebnis zahlreicher Gespräche und Interviews mit Mitgliedern der Klettergemeinschaft in Kiew (Profi- und Hobbykletternde, Kriegsveteranen sowie Mitarbeitende in Kletterhallen). Trotz des Krieges und der Herausforderungen, denen sie täglich gegenüberstehen, begegneten sie mir mit Freundlichkeit, Geduld und der Bereitschaft, ihre Geschichten und ihre Kletterorte mit mir zu teilen. Ihnen bin ich zutiefst dankbar.

Klettern: Was für eine Beschäftigung ist das?

Als Kletterer gehen mir oft die Worte des französischen Alpinisten Lionel Terray durch den Kopf, der uns, die wir uns an Felswänden festklammern, in der Hoffnung, deren Gipfel zu erreichen, als »Eroberer des Nutzlosen« bezeichnete. Dieser Gedanke hat sich gehalten, und sogar Yvon Chouinard, mit seinem erfolgreichen Outdoor-Unternehmen, beschrieb das Klettern als das »Streben nach Nutzlosigkeit«. Aber was passiert, wenn Klettern hilft, fremde Invasionen zu bekämpfen? Wenn es in Kriegszeiten Sicherheit und Ruhe schafft? Wenn es hilft, sich um die Menschen zu kümmern, die mit ihrer geistigen und körperlichen Gesundheit für die Verteidigung der Freiheit bezahlen? Was für ein Streben ist das, wenn Klettern und Kletterer sich für etwas Größeres als sich selbst zusammenschließen?

Ein Zufluchtsort mit Licht und warmem Kaffee

Die erste Person, die ich in der Kletterhalle SPACE in Kiew treffe, ist Oleksandra Korovina (22). Sie arbeitet als Kommunikationsmanagerin bei der SPACE-Gruppe, die mittlerweile eine Sportkletterhalle und eine Boulderhalle in der Stadt betreibt. In der Halle ist es kalt, aber wärmer als draußen, wo die Temperaturen unter -22 °C gefallen sind. Der Februar 2026 hat sich als der härteste Winter der letzten 10 Jahre erwiesen. Die ständigen Luftangriffe aus Russland haben die Stadt und ihre Bewohner in Kälte, Stromausfälle und Unsicherheit versinken lassen.

Oleksandra Korovina (22) ist Kommunikationsmanagerin in der Kletterhalle „SPACE“. Über ihre regulären Aufgaben hinaus setzen sie und das Team der Kletterhalle alles daran, dass die Einwohner von Kiew die Möglichkeit haben, zum Klettern vorbeizukommen. | Bild: Wilson Vieira

Ich bin jedoch froh, diesen Zufluchtsort gefunden zu haben. Hier gibt es Licht und warmen Kaffee. Es herrscht diese Vertrautheit, wenn die Leute plaudern, klettern und herum sitzen, um ihre müden Unterarme zu entspannen, und ich fühle mich weniger allein.

Wenn der Strom ausfällt

Oleksandra erklärt, dass diese Kletterhalle zwar über einen automatischen Generator verfügt, der bei Stromausfall in der Stadt anspringt. Der Generator der Boulderhalle jedoch muss von Hand gestartet und ständig überwacht werden, um sicherzustellen, dass der Treibstoff nicht zur Neige geht. 

Ein Kletterer versucht sich an einer schwierigen Route am Toprope. Wie Alisa nutzen auch viele andere Kletterer in Kiew das Klettern als Quelle der Selbstbestimmung, des Selbstausdrucks und der Sicherheit. | Bild: Wilson Vieira

Für sie und ihre Kolleg:innen ist das Offenhalten der Kletterhallen ein Mittel, um zu verhindern, dass alles auseinanderfällt: ein Generator, der stehen bleibt, Licht, das erlischt, Kletternde, die nirgendwo anders hingehen können. »Ich glaube, die Leute klettern immer noch, um sich von den Problemen des Lebens abzulenken«, sagt Oleksandra. »Wir halten den Ort offen, weil es wichtig ist, dass die Menschen trotz aller aktuellen Probleme einen Ort der Freude haben.« Man könnte leicht übersehen, welche Bedeutung die Kletterkultur in Kiew für die Gesellschaft hat. Doch diese Orte sind zu Inseln der Hoffnung und des Widerstands geworden – in einem Land, das mit einer Invasion konfrontiert ist.

Wir halten den Ort offen, weil es wichtig ist, dass die Menschen trotz aller aktuellen Probleme einen Ort der Freude haben.

Oleksandra Korovina (22), Kommunikationsmanagerin SPACE

»Klettern ist das, was mich am Leben hält«

Alisa Petrunok (19) blickt zu ihrem Projekt hinauf, während wir auf einer hölzernen Plyometrie-Box sitzen. Sie studiert Anglistik und arbeitet als Englischlehrerin, doch in diesem Moment ist sie eine Kletterin, deren Blick auf die »orangefarbene Route« gerichtet ist. In einer Realität, in der das Morgen ungewiss und der Alltag unbestimmt ist, wird der Wille zum Klettern zu Autonomie, Selbstverwirklichung und Gewissheit. »Wenn ich klettere, habe ich das Gefühl, dass alles von mir selbst abhängt«, sagt sie.

Ein Kletterer macht nach einer Klettereinheit eine Mittagspause. Trotz der Kälte und des Stromausfalls in Kiew schaffen die Mitarbeiter der Kletterhalle SPACE gemeinsam einen warmen und ruhigen Rückzugsort für Kletterer. | Bild: Wilson Vieira

»Selbst wenn ich müde bin, versuche ich es erneut. Ich blicke zurück auf das, was ich erreicht habe, und obwohl es unmöglich schien, stelle ich fest, dass ich es irgendwie geschafft habe.« Es fällt mir leicht, Alisas Worte zu verstehen und nachzuvollziehen, wie Felsformationen und bunte Kunststoffgriffe in Zeiten des Leids zum Mittelpunkt ihres Lebens wurden. Krieg ist ein Schatten, dessen Tentakel alle Lebensbereiche erreichen und sie von innen heraus auffressen. Kümmert man sich nicht darum, werden alltägliche Aktivitäten, Identität und Zukunft zu hohlen, leeren Hüllen. Aufgezehrt vom Gespenst der Gewalt und des Todes.

Nach vielen Stürzen macht sich eine Kletterin bereit, ihr Boulderproblem noch einmal in Angriff zu nehmen. | Bild: Wilson Vieira

Was am Leben hält: Projekt und Gemeinschaft

Oft sind genau diese Felsformationen das Einzige in deinem Leben, das dir Halt gibt und der Trauer eine Pause verschafft. »Ich würde sagen, dass das Klettern das ist, was mich am Leben hält. Ich denke oft: ‚Dieses Mal muss ich mein Projekt zu Ende bringen‘, und das ist eine zusätzliche Motivation, aufzustehen und weiterzumachen.« Eine weitere Motivation für viele Kletternde wie sie ist das Gemeinschaftsgefühl, das in diesen Zeiten noch stärker geworden ist. Die Klettergemeinschaft ist gut und unterstützend, und wenn man von Menschen umgeben ist, die genauso verrückt nach dem Klettern sind wie man selbst, fühlt man sich als Teil von etwas Größerem.

Ich würde sagen, dass das Klettern das ist, was mich am Leben hält.

Alisa Petrunok (19), Englischlehrerin und Kletterin

Bei jedem Versuch sehe ich Alisas Begehung der »orangefarbenen Route« auch als einen Akt des Widerstands gegen eine nach unten ziehende Kraft. Ähnlich wie die Schwerkraft, die einen dazu zwingt, sich zu beugen, zielen die ständigen russischen Angriffe auf Zivilisten vor allem darauf ab, deren Kampfeswillen zu brechen.

Klettern als Akt des Widerstands

Doch diese unterdrückenden Kräfte sind bei den ukrainischen Bürgern auf einen unerschütterlichen Widerstand gestoßen. »Wir haben Stromausfälle, Probleme mit der Heizung und manchmal gibt es zu Hause kein Wasser, aber ich denke, es ist besser, so zu leben, als unter dem russischen Regime zu leben. Ich bin den Menschen, die unser Land verteidigen, wirklich dankbar, denn ohne sie wäre es unmöglich, das Leben zu genießen und zu klettern.« Alisas Gefühle und ihre Dankbarkeit spiegeln sich in der gesamten Gesellschaft wider, und die Klettergemeinschaft hat einen Weg gefunden, sich zu revanchieren, indem sie ihren Helden hilft, wenn sie Hilfe brauchen.

Ein Kletterer erklimmt eine Route neben dem Café der Kletterhalle. In Kiew ist die Kletterhalle ein sicherer Ort, aber auch ein Ort, an dem man sich von den Sorgen des Alltags erholen und Trost in der Gemeinschaft finden kann. | Bild: Wilson Vieira

Fürsorge, Entdeckung und Freude

Wenn man durch die Halle geht, sieht man oft verwundete Armee-Veteranen, die an Selbstsicherungen eingehängt sind. Organisationen wie »Angels« und »Second Wind« nutzen regelmäßig die Einrichtungen der Halle. Gemeinsam mit lokalen Trainern geben sie Soldaten die Möglichkeit, das Klettern als alternative Physiotherapie und als Mittel zur Gemeinschaftsbildung zu nutzen. Darüber hinaus, so hatte mir Oleksandra erklärt, finden in der Halle oft Wettkämpfe und Solidaritätsveranstaltungen statt. Ihr Ziel: Geld für die Beschaffung von Ausrüstung für die Armee zu sammeln.

Je mehr Zeit ich in der Halle verbringe, desto mehr wird mir bewusst, wie tief die Wurzeln dieses Sports in der Gesellschaft reichen: eine Gruppe von »Bezwingern des Nutzlosen« aus allen Gesellschaftsschichten, die sich der Verteidigung von Leben und Freiheit verschrieben haben.

Heilen und geheilt werden

Ich treffe Oleksandr Tsarenko (28) ganz zufällig. Es ist das erste Mal, dass ich die Gelegenheit habe, ein Selbstsicherungsgerät zu benutzen. Ich fummle an den Karabinern herum und frage mich, ob ich wirklich sicher bin, als Oleksandr mir hilft. Sofort kommt ein Gespräch in Gang, wie es unter Kletternden üblich ist: »Was kletterst du? Welcher Schwierigkeitsgrad ist das? Können wir es gemeinsam klettern und Tipps austauschen?«

Im Laufe dieser Fragen werden die Themen allmählich persönlicher, und da erfahre ich, dass er nicht nur ein Kletterer ist, der hier Zuflucht sucht, sondern auch ein orthopädischer Unfallchirurg aus dem Regionalkrankenhaus Kiew, der oft Kriegsveteranen behandelt.

Oleksandr Tsarenko (28) sitzt auf der Verbandskiste und ruht sich zwischen den Kletterversuchen aus. | Bild: Wilson Vieira

»Seit Beginn der groß angelegten Invasion behandelt unser Team eine große Anzahl verwundeter Soldat:innen, die von den Frontlinien in der Ostukraine evakuiert wurden, und versorgt gleichzeitig auch zivile Patient:innen«, erklärt er, während wir darauf warten, dass wir an die Reihe kommen. »Nach langen Tagen im Krankenhaus, an denen ich mich mit Verletzungen und schwierigen Fällen befasse, ermöglicht mir das Klettern, wieder eine Verbindung zu meinem Körper herzustellen und den Kopf frei zu bekommen. Dabei fühle ich mich ganz im Hier und Jetzt und lebendig. Es erinnert mich daran, dass Entdeckungslust und Freude ebenfalls wesentliche Bestandteile des Lebens sind.«

Ein Schild, das an die Partnerkontrolle erinnert. Mehr als irgendwo sonst hat die Klettergemeinschaft in Kiew gezeigt, was dieser Sport der Gesellschaft in schwierigen Zeiten bieten kann: Solidarität, Unterstützung und Sicherheit. | Bild: Wilson Vieira

Zwischen unseren Redpoint-Versuchen sprechen wir über die Herausforderungen des Trainings und des Lebens im Krieg. Doch er erklärt, dass gerade diese Herausforderungen alltägliche Momente bedeutungsvoller machen – etwa einen Abendkletterausflug mit Freunden: »Kletterhallen schaffen einen sicheren Raum, in dem Menschen wieder zu sich selbst und zu anderen finden können. In Krisenzeiten brauchen Gemeinschaften Orte, die sowohl körperliche Aktivität als auch psychische Entlastung bieten.«

Kletterhallen schaffen einen sicheren Raum, in dem Menschen wieder zu sich selbst und zu anderen finden können.

Oleksandr Tsarenko (28), orthopädischer Unfallchirurg, Regionalkrankenhaus Kiew

Die gefühlvollen Konquistadoren

Überall, aber besonders in Kiew, sind Kletterhallen zu Orten geworden, an denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft treffen, trainieren, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam für eine bessere Zukunft arbeiten. Für diese und viele andere Kletterer und Bürger wurde das Klettern zu einem Anker in schwierigen Zeiten und zu einem Sprungbrett für eine hoffnungsvolle Zukunft. Ein Zufluchtsort vor dem Schlimmsten, was die Welt zu bieten hat, und ein Beispiel für die Stärke, die diese »Conquistadores« miteinander verbindet. 

Mein erstes Interview mit Oleksandra war kurz, da sie wenig Zeit hatte (sie musste zurück in die Boulderhalle, die mit dem manuell zu startenden Generator). Doch bevor sie sich wieder an die Arbeit machte, brachte sie den Geist der Klettergemeinschaft elegant auf den Punkt: »Es fühlt sich so an, als wären wir durch all das, was wir durchgemacht haben, als Gemeinschaft enger zusammengewachsen, und wir tun unser Bestes, um einander sowie unsere Armee und unsere Veteranen zu unterstützen. Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass wir uns auch in solch schwierigen Zeiten gegenseitig unterstützen und helfen, und wir heißen euch herzlich willkommen, euch uns anzuschließen.«

Über den Autoren: Wilson Vieira

Wilson Vieira ist freiberuflicher Fotojournalist, Autor und Bergsteiger und lebt in Leipzig. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf langfristigen dokumentarischen Reportagen an der Schnittstelle zwischen Klimawandel, indigenen Lebensweisen und den Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt. Seine aktuellen Langzeitprojekte erstrecken sich über das Kongobecken, die Ukraine sowie Bergregionen in Afrika und Europa.

Seine Arbeiten findet ihr unter: wilson-vieira.com | @wilsonvieiraphoto

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Credits Titelbild: Wilson Vieira

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