Mit der Begehung von »Des Kaisers neue Kleider« (8b+, 9 SL, ca. 250 m) am Wilden Kaiser hat Lara Neumeier die berüchtigte Alpen-Trilogie komplettiert. Damit ist die 28-Jährige Profikletterin aus den Oberallgäu die zweite Frau überhaupt, der dieses Sammelwerk gelingt. Innerhalb von nur zwölf Monaten hakte die deutsche Bigwall-Spezialistin alle drei Routen ab.
Am 4. Juni 2026 stieg Lara Neumeier gemeinsam mit ihrem Sicherungspartner Michi Wohlleben durch die letzte für sie offene Route der bekannten Alpen-Trilogie. Damit schloss sie ein Projekt ab, welches sie sich genau ein Jahr zuvor gesetzt hatte. Mit »Des Kaisers neue Kleider« fehlte ihr nur noch der österreichische Teil der Trilogie – nachdem sie »Silbergeier« im Rätikon (10. Juni 2025) und »End of Silence« in den Berchtesgadener Alpen (26. August 2025) bereits hinter sich gebracht hatte.

Damit reiht sich Neumeier als erst elfte Person und zweite Frau in die kurze Liste jener ein, die alle drei Linien gemeistert haben. Vor ihr war das einzig Babsi Zangerl gelungen, die 2013 mit ihrer Wiederholung von »Des Kaisers neue Kleider« die Trilogie als erste Frau abschloss.

Ein Projekt mit Hürden
Insgesamt verbrachte Neumeier zwischen Herbst 2025 und Frühjahr 2026 zwölf Tage in der Route. Bereits im November 2025 wusste sie, dass der Durchstieg möglich war – doch Schnee, kürzer werdende Tage und der nahende Saisonschluss zwangen sie, das Projekt auf 2026 zu verschieben. Statt sich zu verausgaben, reiste sie zum Surfen und Erholen nach Nicaragua und kehrte im Januar mit klarem Ziel ins Training zurück. Ende Mai sah es endlich nach besseren Bedingungen aus. Doch die ersten Tage am Fels blieben zäh: Auf einen kalten, »knackigen« Tag folgte Regen, der die gesamte Wand durchnässte. Erst am dritten Tag besserte sich das Wetter. Wenig später ging Neumeier vom Boden aus an einen ersten ernsthaften Versuch, stürzte aber in der oberen 8b+-Crux – sie hatte auf den unteren Seillängen zu viel Kraft gelassen.

Ich kam an diesem Tag mit gemischten Gefühlen runter. Glücklich über einen neuen Highpoint, glücklich, dass ich die ersten sieben Seillängen gesendet hatte – aber auch im Wissen, dass es beim nächsten Mal genauso laufen könnte.
Lara Neumeier
Die Alpen-Trilogie endlich vollbracht
Am 4. Juni lief es dann rund. Die ersten vier Seillängen gingen gut, in der fünften jumarte sie hoch, um einen nassen Untergriff vor der Crux zu trocknen – und meisterte die Stelle im ersten Versuch. Gegen 15 Uhr saßen Neumeier und Wohlleben unter der finalen Crux, jener Seillänge, die sie beim letzten Mal gestoppt hatte. Nach einer langen Pause stieg sie ein und kletterte sie im ersten Versuch durch. Um 19 Uhr war das Projekt dann vollbracht.
Ich spürte einen Druck, den ich bei einem Projekt zuvor nie so empfunden hatte. Das war mein erstes großes Projekt als Profisportlerin, ein Filmteam hielt alles fest, und mir war klar bewusst, dass dies der letzte mögliche Tag sein könnte, um die Alpine Trilogie innerhalb von zwölf Monaten zu vollenden – ein Ziel, das ich mir ein Jahr zuvor gesetzt hatte.
Lara Neumeier

Als ich nach der letzten Crux klippen konnte, wusste ich, dass ich es bis nach oben schaffen würde. Erleichtert, glücklich, stolz – und die Alpen-Trilogie endlich geschafft.
Lara Neumeier
Für Neumeier war das Projekt mehr als nur drei Routen: Es habe sie gelehrt, mit Druck umzugehen und vor laufender Kamera zu liefern, sich voll auf ein Vorhaben einzulassen, dessen Machbarkeit zu Beginn völlig offen war. Es sei das größte, längste und schwerste Projekt ihrer Kletterkarriere – und gebe ihr das Selbstvertrauen, größer zu denken.

Die berüchtigte Alpen-Trilogie
Die Alpen-Trilogie besteht aus drei der bedeutendsten schweren Mehrseillängenrouten der Alpen. Sie wurde von drei der einflussreichsten europäischen Kletterer der 1990er-Jahre geprägt – und alle drei Routen entstanden in einem engen Zeitfenster. »Silbergeier« etablierte Beat Kammerlander 1993 gemeinsam mit Conny Kammerlander; im Sommer 1994 kehrte Beat zurück und gelang die erste Rotpunktbegehung an einem Tag, im Stil seiner kühnen Ground-up-Ethik. Im selben Jahr 1994 eröffnete Thomas Huber »End of Silence«, lange Zeit eine der schwersten alpinen Mehrseillängen ihrer Ära und bis heute ein Referenzpunkt. Ebenfalls 1994 schaffte Stefan Glowacz die Erstbegehung von »Des Kaisers neue Kleider« an der Fleischbank im Wilden Kaiser, berüchtigt für ausgesetzte Kletterei, Runouts und den einschüchternden Ruf. Zusammen gelten die drei Routen als Maßstab setzende Testpieces des alpinen Sportkletterns, die jeweils hohe technische Schwierigkeit, anhaltendes Mehrseillängenklettern, ausgesetztes Gelände und die mentale Herausforderung schweren Kletterns vereinen.

Lara Neumeiers Trilogie-Reise wurde zudem für einen Film dokumentiert. Der Release ist für später in diesem Jahr angekündigt.
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Credits Titelbild: Ray Demski (@raydemski)

