Vor rund zwei Monaten wurden im polnischen Ladek die spektakulärsten alpinen Exploits des Jahres mit dem prestigeträchtigen «Piolet D’Or» gerühmt. Bei den nominierten Unternehmungen wird Wert auf den alpinistischen Stil gelegt; grob gesagt gilt: je anspruchsvoller und puristischer, desto besser. Auch der Respekt vor der Umwelt spielt bei der Vergabe des Preises angeblich eine Rolle. Zu merken ist davon auch dieses Jahr: Nichts. Tim Marklowski von Mountain Wilderness schlägt vor, die begehrte alpine Auszeichnung mit einem Piolet Vert und Piolet Durable zu erweitern.

Ein Beitrag von Tim Marklowski – Mountain Wilderness Schweiz

Während man sich in Ladek am 24. Mountain Festival (durchaus zu Recht) auf die Schultern klopft, sollte man eines nicht ignorieren: Weltweit gehen derzeit Millionen Menschen für eine griffigere Klimapolitik auf die Strasse. Allein in Bern wurden am 28. September über 60’000 Demonstrierende gezählt.

Zurück zum Oscar des Alpinismus. Zur Kriterienliste der Vergabe eines Piolet D’or gehören, neben den rein alpinistischen Ansprüchen, auch die Kriterien «efficient and sparing use of resources» sowie «respect for the environment». Was sich gut anhört ist in Zeiten der Klimakrise eine Farce. Denn: Die Anreise zum Berg, also das ökologische Problem des Bergsports schlechthin, wird bislang nicht mitbewertet. Dabei könnte dies sogar Kreativität wecken. Es ist an der Zeit «by fair means» neu zu definieren.

What means «fair means»?

«By fair means» ist ein in Alpinismuskreisen verwendetes Qualitätsmerkmal und bedeutet meistens «Ohne künstliche Hilfsmittel, auf saubere, faire Art». Erst neulich beim Espresso schwärmte mein Kollege, seines Zeichens Profi-Bergsteiger und Schweizer Clean-Climbing-Guru im Kampf für bedachteren Bohrhakeneinsatz, von den letzten Exploits in fairer Manier. In Grönland hat er eine neue Route «by fair means» eröffnet. Das heisst in diesem Fall, von der letzten Siedlung weg ohne motorisierte Hilfe, mit Kajaks und zu Fuss. Stark, ohne Zweifel, aber was meint er eigentlich mit seinen fairen Mitteln? Nach Grönland rudern wollte schliesslich keiner im Vorfeld! Wie bei fast allen gerühmten «by fair means»-Aktionen wurde das Grobziel mit dem Flugzeug erreicht. Bis man von der letzten Siedlung im Gebiet seinen «fairen» Weg zur Wand antritt, war man aus ökologischer Sicht bereits recht unfair unterwegs und hat Treibhausgase in rauher Tonnage in die Atmosphäre gepumpt.

Expedition-Grönland-Silvan-Schüpbach
Von der letzten Siedlung bis zur Wand by fair means. (Bild zVg)

Man mag einwenden, ich hätte den Verstand verloren und hier würden zwei Dimensionen vermischt, nämlich sportliche Leistung und ökologischer Fussabdruck. Und, dass sich «by fair means» noch nie auf Letzteres bezog. Stimmt! Ein Blick in die Liste der «Significant Ascents» des renommierten Alpinismuspreises «Piolet D’Or» macht klar, dass es sich hier nicht um das Klimaschutz-Verdienstkreuz handelt: «Luphgar Sar West», «Suma Brakk», «Cerro Kishtwar» und so weiter heissen die Errungenschaften – «Auer» oder «Huber» die Alpinisten. Es drängt sich der Verdacht auf, dass da ein Weg zwischen Berg und Alpinist zu überbrücken war und dass dessen «fairness» nicht in die Bewertung der Leistung einbezogen wurde.

«Darum geht es beim Piolet d’Or auch nicht!» mag man monieren. Aber warum eigentlich nicht? Bergsteiger*innen geben sich gerne umweltbewusst, #lovemothernature, und erleben den Klimawandel hautnah. Die Berge schmelzen uns mancherorts regelrecht unter den Steigeisen weg, ganze Bergflanken kommen uns entgegen, wie letztes Jahr in Bondo. Glücklich, wer vergessen hat die Eisschraube zu setzen, während die Säule sich unter ihm gen Talboden aufmacht.

Massiver Felssturz und Murgang in Bondo - Bergell
Massiver Felssturz und Murgang in Bondo – Bergell. (Bild: Screenshot Tamedia-Video)

Spass beiseite. Für Hobbybergsteiger*innen sollte klar sein, dass Fernziele eher die Ausnahme bleiben müssen, wenn man Bergsport halbwegs ökologisch nachhaltig betreiben möchte. Der Umweltdiskurs ist im Breitenbergsport weitgehend angekommen, nicht zuletzt durch die Alpenvereine und andere NGOs. Nachhaltigkeit scheint zumindest im Bewusstsein präsent zu sein. Wie dann gehandelt wird, ist ein anderes Paar Bergschuhe.

Der grüne Eispickel – «Piolet Vert»

Im Kreis der Elite scheint das bislang hingegen gar kein Thema zu sein. Aber zumindest als zusätzlicher Award wäre doch ein grüner statt ein goldener Eispickel eine Idee. Ein solcher «Piolet Vert» würde jene auszeichnen, die Spitzenleistungen bei gleichzeitig kleinem ökologischen Fussabdruck realisieren. Dieser, oder zumindest der CO2-Footprint, würde hierbei in die Leistung miteinberechnet. Bewertungen könnten folglich so, oder so ähnlich, aussehen:

Route «The Greenwasher» (1200 m, ED+, 5.11, WI6, CO2: 10 Tonnen). Oder das Gleiche mit Anreise auf dem Landweg per Zug – die Treibhausgasmenge sinkt und die Chancen auf den begehrten Award steigen. Das Spiel wäre das gleiche, die Regeln leicht angepasst.

Mit dem Bike auf Skitour

Wie viel Kreativität könnte ein solcher Preis wecken? Altbekanntes bekäme wieder einen ganz neuen Glanz. Was alles geht, zeigten schon Unternehmungen wie die Erstbegehung der Matterhorn Nordwand. Diese gelang den Gebrüdern Schmid, die 1931 mit dem Fahrrad von München angereist waren. Oder der Schwede Göran Kropp, der 1996 von Stockholm nach Nepal radelte, den Everest solo und ohne künstlichen Sauerstoff bestieg, und wieder heim strampelte, mit seinem Gepäck auf dem Buckel. Zu nennen wären noch Ueli Steck mit allen Alpen-4000ern mit Veloanreise (allerdings mit motorisiertem Gepäcktransport und Support-Team) und Stefan Glowacz: Mit dem E-Auto, dem Segelboot und dem Snow-Kite nach Grönland, dort eine Bigwall geklettert und selbiges retour.

Oder gleich der «Piolet Durable»?

Komplex wird es, wenn wir von «nachhaltigem» Bergsteigen reden und damit die Komponente «Krassheit», um die es beim Piolet d’Or offensichtlich geht, nicht nur mit der Komponente Ökologie verknüpfen, sondern gleich noch mit ökonomischen und sozialen Aspekten. Das wäre dann quasi der «Piolet Durable», also der Nachhaltige Eispickel. Krassheit und Ökologie lassen sich, wie erklärt, noch recht gut vereinen. Die hohe Kunst ist die Fusion von Krassheit mit Nachhaltigkeit. Denn Aktionen wie die von Göran Kropp schaden im besten Fall niemandem. Die Umwelt freut sich, die Sherpas weniger. Trägerinnen und Träger zu engagieren macht ein Vorhaben weniger krass, ist ökonomisch und sozial hingegen oft sinnvoller als der Alleingang. Bewertungen einer «Piolet Durable»-prämierten Tour müssten dann ungefähr so aussehen: Route «Sustainer Billy» (1200 m, ED+, 5.11, WI6, CO2: 5 Tonnen, Lokale Wertschöpfung: 2000 $).

Kreativität belebt das Geschäft

Wie könnte also der ultimative Kandidat für den «Piolet Durable» beziehungsweise den «Piolet Vert» aussehen? Göran Kropp mit Sherpa-Unterstützung? Göran Kropp mit Zuganfahrt als gangbarem Mittelweg zwischen Flugzeug und Fahrrad? Ueli Steck ohne motorisierten Gepäcktransport. Schwierige Routen in den grossen Alpennordwänden per Velo verbunden? Der Crème de la Crème würde sicher einiges einfallen. Und inspirierend wären die Leistungen auch für Normalos allemal. Die Möglichkeiten für die ganz persönliche «grüne» Challenge sind unendlich.

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Credits: Text Tim Marklowski/Mountain Wilderness Schweiz, Bild zVg

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