Dem Amerikaner Sean Bailey gelingt die Begehung einer der schwersten Routen der Welt: Bibliographie im französischen Klettergebiet Céüse.

Er nennt es den härtesten Kampf, den er je hatte. „Ich war noch nie so besessen, wachte jeden Tag auf und dachte nur an die Route. Ich schlief ein und dachte an die Route. Die Route war omnipräsent.“ Im Sommer dieses Jahres fuhr der junge Amerikaner aus Shoreline, Washington, erstmals nach Céüse und unternahm erste Versuche in der Route.

„Ich kam glücklicherweise ziemlich schnell durch die mittlere Schlüsselstelle, fiel aber rund zwölf Mal im oberen schwierigen Teil der Route.“

Sean Bailey

Jedes Mal, wenn Sean einen ernsthaften Versuch in der Route machte, musste er einen Ruhetag einlegen, die Route beanspruchte ihn dermassen, wie er weiter erzählt. „Es fühlte sich an, als ob ich mehr am Ruhen war, als am Klettern. Ich habe das Ganze immer wieder hinterfragt, mich gefragt, warum ich mir das antue. Ich hätte auch einfach nach Hause fahren, trainieren und im Folgejahr zurückkehren können.“

Der Reiz, sich die Begehung einer der schwierigsten Routen der Welt zu sichern, war ganz offenbar gross genug. Mit der Rotpunktbegehung von Bibliographie sichert sich der 25-Jährige die erst zweite Wiederholung.


Sean Bailey bei der Begehung des Val-Bavona-Klassikers Coup de Grâce


9c, 9b+, …?

Abgesehen davon, dass Sean die Route als äusserst anstrengend und den Prozess als „Kampf seines Lebens“ bezeichnet, glückte ihm die Begehung verhältnismässig schnell. Alexander Megos, der die Route im Juli 2020 erstbeging, investierte rund 60 Tage verteilt über mehrere Jahre in die Route, was den Deutschen dazu führte, die Route mit 9c zu bewerten.

Im August 2021 war es dann der Italiener Stefano Ghisolfi, dem die erste Wiederholung glückte. Auch er orientierte sich zur Bewertung der Route an der Anzahl Tage, die er für ähnlich schwierige Routen investierte. Das führte Ghisolfi dazu, die Route auf 9b+ abzuwerten.

Wenig Erfahrung im oberen neunten Franzosengrad

Auch Sean Bailey knackte die Route im Vergleich zu Megos verhältnismässig schnell. Zum Schwierigkeitsgrad hat er sich bisher noch nicht geäussert. Wird er die Route mit 9b+ oder 9c bewerten? Wird er den Grad bestätigen oder gar noch weiter abwerten? Der Amerikaner kletterte bisher maximal 9a+, überspringt also mit Bibliographie gleich zwei, drei Grade – wenn man die bisherige Bewertung als Referenz beizieht.

Wie schon Ghisolfi kommuniziert auch Bailey in einer ersten Nachricht lediglich die Begehung und schweigt über den Grad. Die Kletterszene stellt sich nun die grosse Frage: Wie bewertet Bailey die Route? Und: Wird der Franzose Seb Bouin bald nachlegen? Auch er kletterte bereits zweimal über die Schlüsselstelle und fiel erst im oberen Teil von Bibliographie.

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Credits: Titelbild Sean Bailey