Trad-Erstbegehung in Eiger Nordwand: Silvan Schüpbach und Peter von Känel eröffnen Renaissance (30 SL, 7c)

Vom 19. bis 23. August eröffneten Peter von Känel und Silvan Schüpbach eine neue Route in der Eiger Nordwand. Dabei folgten sie ihrem Ideal, keine Bohrhaken zu verwenden. Fünf Tage kletterten die beiden in der Ungewissheit, ob sie mit dem von ihnen gewählten Stil überhaupt hochkommen würden. Am 24. August endete ihr Abenteuer auf den Gipfel des Eigers, dessen Klettergeschichte damit um ein Kapitel reicher ist.

Silvan Schüpbach und Peter von Känel konnten bei der Erstbegehung von Renaissance (30 SL, 7c) die gesamte Route durch die Eiger Nordwand bis auf zwei kurze Passagen frei klettern. Sie setzten keine Bohrhaken und liessen insgesamt acht Schlaghaken zurück. «Der überwiegend exzellente Fels ist schön strukturiert und erlaubt an vielen Stellen das Anbringen mobiler Sicherungen», schwärmen die beiden Erstbegeher.

Eine Wiederholung der Tour ist ein Abenteuer und ein Hochgenuss für alle mit einem Faible fürs Trad-Klettern in grossen Wänden.

Silvan Schüpbach und Peter von Känel

Peter und Silvan, herzliche Gratulation zu eurer Trad-Erstbegehung! Wie seid ihr auf diese Linie gestossen?

Peter von Känel: Silvan hat diese grandiose Linie ursprünglich entdeckt und mit grossem Aufwand ausgearbeitet. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mich als Partner für dieses Projekt angefragt hat. Als Team funktionieren Silvan und ich bestens und wir ergänzen uns hervorragend.

Auf einer Gleitschirm-Flugaufnahme entdeckten wir vor der Tour im steilsten Teil der Wand Felsstrukturen, die bezüglich Klettern und mobilem Absichern vielversprechend aussahen. Trotzdem hat uns die Felsqualität vor Ort nochmals positiv überrascht.

Etliche Seillängen dieser Tour finden Eingang in meine persönliche «Hall of Fame» des besten Felsens, den ich bisher unter meinen Fingern und Sohlen hatte.

Peter von Känel

Ich hoffe sehr, dass die Linie bohrhakenfrei bleibt und damit Wiederholenden ähnlich intensive Momente fürs Fotoalbum des Lebens schenkt wie uns.

Silvan Schüpbach in der steilsten Passage von Renaissance. Bild: Peter von Känel
Silvan Schüpbach in der steilsten Passage von Renaissance. Bild: Peter von Känel

Warum war es euch wichtig, eine neue Route in diesem Stil zu eröffnen?

Silvan Schüpbach: In den letzten Jahren wurden in der Nordwand des Eigers viele neue Kletterrouten eingerichtet. Ich selbst durfte viele dieser Routen wiederholen und bin fasziniert von der Qualität und Schönheit dieser Klettereien, welche mit viel Schweiss und Können erstbegangen wurden.

Diese Routen haben alle gemeinsam, dass sie mit Hilfe von elektrischen Bohrmaschinen und Bohrhaken möglich gemacht wurden; dass somit die Felsen des Eigers beklettert werden, die Absicherung jedoch mit modernen Maschinen «garantiert» wird. Ich finde dies nicht verwerflich, sondern eine logische Entwicklung des Klettersports.

Wo der Fels das Absichern mit mobilen Sicherungsgeräten zulässt, sollte in den Augen von Silvan Schüpbach und Peter von Känel auf den Einsatz von Bohrhaken verzichtet werden. Bild: Peter von Känel
Wo der Fels das Absichern mit mobilen Sicherungsgeräten zulässt, sollte in den Augen von Silvan Schüpbach und Peter von Känel auf den Einsatz von Bohrhaken verzichtet werden. Bild: Peter von Känel

Ich frage mich seit ein paar Jahren, ob man das heutige Kletterkönnen auf den Eiger anwenden kann aber mit den Sicherungsmitteln (ohne Bohrmaschine) von einst?

Silvan Schüpbach

Und, hast du in Renaissance ein Antwort darauf gefunden?

Silvan Schüpbach: Zufall, Glück und Können haben sich für uns vom 19. bis 23. August vereint: Einer der letzten unberührten Wandteile des Eigers hat uns in unserem Stil gewähren lassen – anlässlich eines mehrtägigen Wetterfensters mit hohen Temperaturen und ohne Niederschläge.

Es würde uns freuen, wenn in Zukunft wieder mehr junge Bergsteigende und Kletternde auf traditionelle Sicherungsmittel setzen – und eine Renaissance beim Klettern in grossen (und kleinen) Wänden einläuten würden.

Peter von Känel: Silvan und ich beschäftigen uns seit einigen Jahren intensiv mit dem bohrhakenfreien Klettern im Kalkstein. Rückblickend nehme ich unsere gemeinsamen Erstbegehungen am Stockhorn und am Dündenhorn als Zwischenstationen wahr, die uns die «Renaissance» schliesslich erst ermöglichten.

Ein Traum wird war: Silvan Schüpbach und Peter von Känel erreichen nach fünf Tagen in der Eiger Nordwand den Gipfel. Bild: Thomas Wiatowski
Ein Traum wird war: Silvan Schüpbach und Peter von Känel erreichen nach fünf Tagen in der Eiger Nordwand den Gipfel. Bild: Thomas Wiatowski

Was bedeutet es euch, Routen ohne Bohrhaken, nur mit mobilen Sicherungen erstzubegehen?

Peter von Känel: Bevor mich Silvan damals mit dem bohrhakenfreien Klettern angefixt hat, realisierte ich meine Erstbegehungen alpiner Mehrseillängentouren jeweils mithilfe von Bohrhaken. Dank selbst auferlegter Regeln beim Einbohren, z.B. Einrichten von unten, keine Hakenleitern, keine Clifflöcher etc., hat mir diese Art von Erstbegehen zwar viele grossartige Abenteuer beschert, trotzdem wuchs mit zunehmender Erfahrung mit mobilen Sicherungen mein Appetit nach bohrhakenfreiem Klettern.

Mein maximal mögliches Kletterniveau habe ich mehr oder weniger erreicht, daher sehe ich im Trad-Klettern die nächste Stufe in meiner persönlichen Entwicklung als Kletterer. Das Kletterniveau ist zwar auch beim Trad-Klettern wichtig, aber es ist nicht der alles entscheidende Faktor. Es braucht vielmehr eine austarierte Mischung verschiedener Fähigkeiten.

Rückblickend empfinde ich die Erstbegehung der «Renaissance» als meinen bisherigen Höhepunkt in diesem Prozess.

Peter von Känel
Nachstieg mit Aussicht: Während der gesamten Erstbegehung ist das Wetter auf der Seite der beiden Alpinisten. Bild: Silvan Schüpbach
Nachstieg mit Aussicht: Während der gesamten Erstbegehung ist das Wetter auf der Seite der beiden Alpinisten. Bild: Silvan Schüpbach

Die Kombination aus Klettern, Lesen des Felsens, Legen mobiler Sicherungen und dem kontinuierlichen Austarieren des Risikos erlaubte mir, effizient und mit einem guten Gefühl von Kontrolle vorzusteigen. Dies, obwohl die Tour mich mehrere Male an meine Grenzen brachte.

Der Gedanken ans Losklettern mit mobilen Sicherungsgeräten am Klettergurt in eine jungfräuliche Wand macht mich jedes Mal von neuem nervös.

Peter von Känel

Wenn es dann soweit ist und ich losklettere, weicht die Nervosität jeweils einer beinahe hypnotischen Fokussiertheit und Klarheit. Diese Momente sind äusserst intensiv und gehören zu den unvergesslichen Höhepunkten meines Lebens.

Nicht erst seit Kurzem ein Verfechter cleaner Linien: Silvan Schüpbach. Bild: Peter von Känel
Nicht erst seit Kurzem ein Verfechter cleaner Linien: Silvan Schüpbach. Bild: Peter von Känel

Renaissance – Informationen zur Route

Die Route überwindet die «Rote Fluh» an deren rechten Rand und führt nach einer kurzen Gehpassage (mögliches Biwak) relativ direkt durch die kompakte, teils überhängende Wand rechts vom Tschechenpfeiler. Im obersten Teil folgt die Route über drei Längen der Ghilini-Piola.

Während diese über einfache Felsen nach rechts auf den Westgrat aussteigt, bietet die «Renaissance» nochmals drei weitere schöne Längen, bis man schliesslich auf dem Westgrat auf 3480 m aussteigt. In Routennähe gibt es mehrere geschützte Biwakplätze, die jedoch meist nur einen einzigen Schlafplatz bieten. Für eine Wiederholung empfiehlt es sich daher, ein Portaledge mitzunehmen.

Routenverlauf von Renaissance (30 SL, 7c), der neuen Trad-Route von Peter von Känel und Silvan Schüpbach in der Eiger Nordwand. Bild: Silvan Schüpbach
Routenverlauf von Renaissance (30 SL, 7c), der neuen Trad-Route von Peter von Känel und Silvan Schüpbach in der Eiger Nordwand. Bild: Silvan Schüpbach

Das Fehlen von Bohrhaken gibt der Route eine bemerkenswerte Ursprünglichkeit und Ernsthaftigkeit. Die Route kann nicht einfach konsumiert werden, sie fordert Engagement. Andererseits steigert dies den Erlebnis- und Abenteuerwert massiv, denn auch das Wiederholen der Route fühlt sich ein wenig nach Erstbegehung an.

Neben einem soliden Kletterniveau verlangt die Route ein geübtes Auge, sowohl für die Kletterlinie, als auch für das Anbringen mobiler Zwischensicherungen. Ebenfalls hilfreich ist eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und ein permanentes, bewusstes Kontrollieren des objektiven Risikos während des Vorstiegs.

Verwendetes technisches Material

  • Doppelseile 60 m
  • 2 Satz Cams #0.2-2 (Totemcams von Vorteil)
  • Klemmkeile
  • Peckers
  • Schlaghaken
  • Skyhook
  • Portaledge

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Credits: Titelbild Peter von Känel

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