Auch für Christoph Hanke war das Jahr 2025 die letzte Saison im Weltcup. Der 31-jährige Leadspezialist spricht im Interview über den Generationenwechsel im Wettkampfklettern – und warum es schwierig bleibt, vom Leistungssport zu leben.
17 Jahre im Spitzenklettern: ein Rückblick
Es gibt wenige deutsche Profikletter*innen, die so lange dabei waren wie Christoph Hanke. 2008 startet er mit zarten 13 Jahren zum ersten Mal national für die Sektion Ringsee – damals noch im Bouldern und im Lead. Im Laufe seiner 17 Jahre währenden Wettkampfkarriere sammelt er unzählige Klettermeter und Erfahrungen in der Jugend und später bei den Erwachsenen national und im Weltcupteam. Dabei etabliert sich das Leadklettern als seine Paradedisziplin, was trotz gelegentlichen Ausflügen ins Bouldern und Speedklettern eine Konstante seiner Karriere bleibt.
Die Spezialisierung zahlt sich aus: Während sich Christoph auf nationaler Ebene unter starker Konkurrenz wie Jan Hojer oder Alex Megos beweist, klettert er international regelmäßig ins Halbfinale. 2017 steht er in Villars zum ersten Mal in einem Weltcup-Finale und erzielt mit Platz 6 seine internationale Bestleistung. Zuhause krönt er sich einigen nach Silbermedaillen schließlich 2020 als Deutscher Meister im Lead.
Trotzdem hinterlassen die Jahre im Leistungssport Spuren: Zweimal muss Christoph wegen einer Schulterverletzung operiert werden, fällt eine Saison lang aus. 2023 dann das Comeback im Weltcup, wo er zum Saisonende wieder im Halbfinale steht. Ein Jahr später zeigt er mit Bronze beim Europacup in Augsburg nochmal, dass er ganz oben mitspielen kann. 2025 dann der Schlussstrich für die internationalen Wettkämpfe. Seinen Abschied von der großen Bühne feiert Christoph Hanke beim Lead-Weltcup in Madrid – zwar nicht mit dem Traumergebnis, aber mit dem Gefühl, dass es jetzt Zeit ist für neue Wege.
Christoph Hanke im LACRUX-Interview
Chris, du hast vor etwa einem Monat angekündigt, dass es für dich mit den internationalen Wettkämpfen vorbei ist. Was hast du seitdem so gemacht?
So richtig aufgehört habe ich eigentlich schon etwas früher, nach meinem letzten Weltcup im Juli. Zu dem Zeitpunkt wurde ich aber noch von der Bundeswehr als Sportsoldat gefördert. Da kann ich mich nicht von heute auf morgen verabschieden – am Ende sind das ja auch Steuergelder (lacht). Deshalb habe ich erst zum Herbst meine Karriere offiziell beendet. Wie es danach weitergeht, wusste ich aber schon vorher, weil sich das im Laufe des Jahres so entwickelt hat.
Verrätst du es uns?
Ich bin ab Dezember bei der Bundeswehr angestellt und als Trainer für den Nationalkader tätig. Langfristig wird mein Schwerpunkt im Lead liegen, meinem Steckenpferd. Am Anfang geht es aber erst einmal darum, die ganzen Abläufe und Strukturen kennenzulernen. Als Trainer steht man nicht hauptsächlich an der Wand und trainiert Athlet*innen, sondern es steckt viel Organisation dahinter.
Herzlichen Glückwunsch! Das heißt aber auch, du wärst ohne dieses Angebot erstmal noch aktiver Athlet geblieben?
Ursprünglich hatte ich nicht geplant, 2025 meine Karriere zu beenden. Ich habe mich Anfang des Jahres noch sehr fit gefühlt, aber habe dann immer mehr gemerkt, dass ich nicht mehr die gleiche Motivation mitbringe wie die jüngeren Athlet*innen, die nachkommen. Der Sinn, warum man das alles macht, hat dann einfach gefehlt.
Das ist für mich eine unglaubliche Chance.
Gleichzeitig hatte ich schon immer Lust, später mal in den Lehrbereich zu gehen und mein Wissen weiterzugeben. Insofern ist das Angebot vom DAV und der Bundeswehr eine unglaubliche Chance: Ich bin finanziell sehr gut abgesichert und kann mich voll dem Trainersein widmen.

Was möchtest du der jungen Generation künftig als Trainer mitgeben?
Mir ist wichtig, die Athlet*innen dabei zu unterstützen, körperlich und mental gesund zu bleiben. Leistungssport ist knallhart, aber kann und soll auch Spaß machen. Nicht jede Person ist dafür gemacht. Gerade im Jugendbereich ist das heikel: Kinder, die extrem ehrgeizig und diszipliniert sind, verpassen auch immer ein Stück Kindheit. Das sollten Eltern und Trainer*innen im Kopf haben. Das sind sehr prägende Jahre und man muss aufpassen, dass die Kids eine gesunde Einstellung zu sich selbst entwickeln und lernen, auf sich zu hören.
Dieses Jahr haben mehrere deutsche Athlet*innen in ihren Zwanzigern aufgehört. Sehen wir irgendwann gar keine Kletter*innen ü30 mehr im Weltcup?
In meiner Erfahrung steigen die meisten im Leistungsklettern irgendwann Mitte 20 aus. Ich glaube, das Höchstleistungsalter im Klettern wird sich irgendwo zwischen spätem Teenageralter und Anfang 20 einpendeln, auch wenn das im Moment noch schwer zu messen ist. Gerade weil diese Spanne so kurz ist, ist es umso wichtiger, den ganzen Prozess gesund zu durchlaufen – auch mental.
Man muss sich nicht jeden Tag in der Halle kaputtmachen.
Wenn man als Athlet*in merkt, dass man sich eigentlich nur noch quält, sollte man es vielleicht lassen. Es gibt so viele andere geile Sachen, die man im Leben machen kann. Man muss sich nicht jeden Tag in der Halle kaputtmachen und irgendwann zu Mitteln greifen, die einem wirklich schaden.
Welche Herausforderungen siehst du noch in deinem neuen Job?
Wir haben als Verband nicht die finanziellen Mittel wie zum Beispiel im Fußball. Wir haben keine Stützpunkte, an denen jeden Tag eine Athletiktrainerin und ein hauptamtlicher Physio vor Ort sind. Man versucht mit wenig Budget sehr, sehr viel zu machen. Ich werde am Anfang vor allem als Springer unterwegs sein und unterstützen, wo ich kann. Außerdem muss ich die ganzen Strukturen und vor allem viele Athlet*innen erst noch kennenlernen. Teilweise liegen da mehr als 15 Jahre Altersunterschied zwischen uns. Da braucht es Zeit, bis man sich kennt.
Auf das Thema Finanzierung werden wir später noch zu sprechen kommen – lass uns zunächst beim Sport bleiben. Was sind die größten Veränderungen, die du in deinen 17 Jahren Wettkampfklettern beobachtet hast?
Die Leistungsdichte ist inzwischen unglaublich hoch. Heute sieht man Athlet*innen bei der WM, die in der Saison schon auf dem Podium standen und dann trotzdem auf Platz 30 oder 40 landen. Das ist inzwischen echt krass und liegt auch daran, dass sich die Strukturen komplett verändert haben. Als ich angefangen habe, gab es in der Jugend zum Beispiel gar keine internationalen Wettkämpfe – der allererste Europacup war für uns ein Riesending.
Die Jungen haben richtig Bock auf Kader, Trikot, Wettkämpfe.
Heute gibt es in jeder größeren Stadt Kletter- und Boulderhallen, wo die jüngere Generation den Sport ganz anders lernt. Ein Teil dieser Generation hat gar keinen Bezug mehr zum Fels, weil sie das Klettern in der Halle gelernt und das auch als Sportart ansieht, die man drinnen betreibt. Die haben richtig Bock auf Training, Kader, Trikot und Wettkämpfe. Dadurch drücken die sehr stark von unten nach.
Wie siehst du das als jemand, der vom Fels kommt?
Ich sehe diesen Generationenunterschied mittlerweile entspannt, auch wenn ich da früher sicher anders draufgeschaut habe. Bei uns hatte der Sport einen anderen Charakter. Training war nicht automatisch cool, sondern es hing sehr davon ab, aus welcher Ecke man kam. Gut, in Franken war Training dank Wolfgang Güllich natürlich schon ein Thema.

Ich sehe diesen Generationenunterschied mittlerweile entspannt.
Dass sich das Mindset der Jungen von unserer Generation unterscheidet, finde ich kein Problem. Für mich sind das Klettern in der Halle und am Fels zwei verschiedene Sportarten, und beide haben ihre Berechtigung. Außerdem hätten wir ganz andere Probleme, wenn auf einmal alle Indoor-Leute raus an den Fels kämen (lacht).
Auch das Wettkampfklettern hat sich inzwischen fast zu einer eigenen Sportart entwickelt. Wie hast du diesen Stilwechsel erlebt?
Als Klettern olympisch wurde, ging es auf einmal um Fernsehformate, Zuschauerfreundlichkeit und Planbarkeit. Das hat den Routenbau und das Wettkampfformat massiv beeinflusst. Früher hatten wir acht Minuten Kletterzeit im Finale – und das Training dafür war dementsprechend: kleine Griffe und viele Züge bis zum Umfallen. Als irgendwann leichtere Griffe, größere Volumen und neue Shapes den Stil modernisiert haben kamen, musste man Bouldern gezielt mittrainieren, um mitzuhalten. Die Routen sind jetzt deutlich komplexer und spannender, das finde ich grundsätzlich gut.

Alma Bestvater hat bei uns im Interview gesagt, dass der Routenbau gerade beim Lead der Problematik rund um RED-S entgegenwirken kann. Wie siehst du das?
Wir sind eine Sportart, in der die relative Kraft im Verhältnis zum Gewicht eine große Rolle spielt. Aber bei wirklich körperkräftiger, anhaltender Belastung ist extremes Untergewicht nicht zwingend von Vorteil. Insgesamt geht der Routenbau im Lead schon mehr diese Richtung, aber das könnte noch deutlich konsequenter umgesetzt werden.
Es wundert mich immer, wenn Finalrouten im Weltcup drei Tops bekommen.
Es wundert mich zum Beispiel immer, wenn im Weltcup-Finale Routen geschraubt sind, die dann drei Tops oder mehr bekommen. Für Athlet*innen ist das super frustrierend, wenn sie sich nicht mehr verbessern können, weil alle super weit klettern. Insgesamt ist es trotzdem gut, dass es heute nicht mehr nur darum geht, kleine Griffe möglichst lange festzuhalten, sondern dass Technik, Koordination und die Erholungsfähigkeit in verschiedenen Positionen eine größere Rolle spielen.
Lass uns jetzt über ein weiteres heißes Thema im Profiklettern sprechen. Dieses Jahr wurde viel über Finanzierung des Nationalkaders diskutiert, es gab sogar einen privaten Spendenaufruf. Warum klappt das in Deutschland anscheinend noch nicht so richtig?
Ich glaube, das hat viele gesellschaftliche Gründe. Sport hatte in Deutschland historisch immer mit Wehrtüchtigkeit zu tun. Das ist nach dem Fall der Mauer und mit der Abschaffung der Wehrpflicht in den Hintergrund gerückt. Als Sportsoldat habe ich bei den Grundausbildungen sehr deutlich gesehen, wie der durchschnittliche Fitnesszustand der Gesellschaft aussieht.
Warum soll ich Steuern zahlen, damit der Typ klettern geht?
Beim Leistungssport kommt dann die legitime Frage dazu: Welchen Wert hat das für die Gesellschaft? Warum soll jemand Steuern zahlen, damit der Typ klettern geht? Wenn du mich fragst, hat Sport einen sehr großen gesellschaftlichen Nutzen. Eine gesunde Gesellschaft entlastet das Gesundheitssystem. Gerade im Kinder- und Jugendbereich ist Sport unglaublich wichtig: Man lernt Miteinander, Fairness, Spaß an Bewegung, ein gutes Körpergefühl. Das muss nicht unbedingt im Leistungssport sein.
Wo siehst du die strukturellen Probleme speziell im deutschen Klettersport?
Zum einen sind die Fördermittel im Spitzensport generell weniger geworden. Zum anderen haben wir im Klettern mit dem DAV einen riesigen Verein mit rund 1,6 Millionen Mitgliedern. Der Bereich Leistungsklettern ist da nur ein kleiner Teil. Da ist viel Imagearbeit nötig und wir tun uns selbst keinen Gefallen, wenn nach außen hauptsächlich Themen wie RED-S wahrgenommen werden. Jemand, der im DAV vor allem die Kinder- und Jugendarbeit oder den Naturschutz im Blick hat, schaut dann auf den Spitzensport und denkt sich: Was macht ihr da eigentlich? Und dafür wollt ihr auch noch Geld? Das kann ich ein Stück weit nachvollziehen.
Dann gibt es den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und das Bundesministerium des Inneren (BMI), über die die Leistungssportförderung läuft und an deren Richtlinien wir gebunden sind. Die sehen wiederum die Einnahmen des DAV und fragen: Warum sollen wir euch zusätzlich Geld geben?
Beim DAV versuchen viele Leute das Beste für den Spitzensport rauszuholen.
Auf der anderen Seite versuchen in der Leistungssport GmbH des DAV viele Leute, das Beste für die Athlet*innen rauszuholen: als Bundestrainer*innen, in der Sportdirektion, Physio oder Verwaltung. Es wird versucht, Stellen zu schaffen, Leute mit Expertise anzustellen und Strukturen aufzubauen. Die Mittel dazwischen fehlen nur oft. Deshalb arbeitet die Leistungssport GmbH mit den Bundestrainer*innen daraufhin, dass wir vom BMI mehr Fördergelder bekommen. Da passiert viel Überzeugungsarbeit im Hintergrund.

Du selbst warst elf Jahre lang als Sportsoldat bei der Bundeswehr, was im Profiklettern nicht ungewöhnlich ist. Wie kam es dazu?
Nach meinem Fachabitur war für mich klar: Entweder ich schaffe den Sprung, Profi zu werden, oder ich fange eine Ausbildung beziehungsweise ein Studium an. Ich wollte meinen Eltern nicht zumuten, meine Leistungssportkarriere zu finanzieren – das wäre vermutlich auch gar nicht gegangen. Zur Bundeswehr bin ich dann über die Wettkämpfe gekommen. Damals war Klettern noch nicht olympisch, die Förderung war zunächst nur auf ein bis maximal zwei Jahre ausgelegt. Das hat sich durch Olympia geändert und ich bin in die langfristige Förderung reingerutscht.
Welche Rolle spielen solche Förderungen für Athlet*innen?
Ohne die 800 Förderstellen von der Bundeswehr, aber auch vom Zoll oder den Landespolizeien würde es in Deutschland eigentlich keinen Leistungssport geben. Wenn man sich Olympia anschaut, sitzt ein großer Teil der Starter*innen auf solchen Förderstellen. Insgesamt können im Klettern nur wenige wirklich vom Sport leben. Die allermeisten sind irgendwo für die Versicherung als Student*in eingeschrieben, bekommen vielleicht Unterstützung von den Eltern, schrauben nebenbei Routen oder haben etwas Sporthilfe und ein paar Sponsoren. Das reicht, um Wettkämpfe zu bestreiten, ist aber keine echte Perspektive für die Zeit nach der Karriere.
Es gibt im Klettern nur wenige, die wirklich vom Sport leben können.
Ich kann das respektieren, dass nicht jeder für die Bundeswehr einstehen möchte. Gleichzeitig ist man finanziell und sozial abgesichert und vor allem medizinisch sehr gut versorgt. Nach meiner ersten Schulter-OP hatte ich etwa 80 Reha-Sessions. Ich habe dort Menschen getroffen, die nach einer normalen Schulter-OP vielleicht sechs Termine hatten und dann wieder arbeiten mussten. Bei mir hat der Physio gesagt: Du gehst erst wieder raus, wenn du wieder einen einarmigen Klimmzug kannst. So lange wurden Rezepte verlängert und die Bundeswehr hat das mitgetragen.
Der Klettersport ist inzwischen ziemlich in der Breite angekommen. Müsste es dadurch nicht eigentlich leichter geworden sein, vom Klettern leben zu können?
Intuitiv klingt das logisch, aber in meiner Erfahrung haben sich die Bedingungen eher verschlechtert. Das liegt stark an Social Media: Früher bist du schwer geklettert, ein Fotograf hat ein gutes Bild gemacht, das ging an Sponsoren oder in ein Magazin – das war genug Präsenz. Heute brauchst du verschiedene Kanäle, musst sie regelmäßig bespielen, Rabattcodes posten, Werbekampagnen mitgestalten, vielleicht Vlogs drehen. Wenn es um Sponsoring geht, ist es teilweise wichtiger authentisch und unterhaltsam zu sein als an der Weltspitze zu klettern.
Heute arbeiten viele neben dem Sport noch als Influencer, weil es sonst finanziell schwer wird.
Alex [Megos, Anm. d. Red.] und ich haben mit YouTube versucht, ein Stück weit mitzugehen. Wir haben uns damals Angebote für eine professionelle Produktion eingeholt – da bist du schnell bei 30.000 Euro. Sponsoren fanden unsere Idee cool, hatten aber kein Budget. Also haben wir es selbst gemacht. Wir hatten das Glück, davon nicht völlig abhängig zu sein und konnten vieles so unprofessionell machen, wie wir wollten (lacht). Heute arbeiten viele neben dem Sport noch als Influencer, weil es sonst finanziell schwer wird.
Wie wirkt sich dieser finanzielle Druck konkret auf die Gesundheit von Sportler*innen aus?
Ich glaube, ich spreche für einige, wenn ich sage: Man entscheidet sich manchmal eher dafür weiterzumachen, obwohl man merkt, dass es gegen die eigene Gesundheit geht. Irgendwann ist bei manchen Athlet*innen die Motivation für den Leistungssport nicht mehr zu 100 % da, aber sie kennen nichts anderes mehr. Manche machen dann trotz körperlicher Warnsignale weiter, weil sie aus diesem Apparat nicht rauswollen oder können.

Hier spielt auch wieder das Thema Gewicht mit rein, mit dem sich Erfolg – leider – kurzfristig bis zu einem gewissen Grad steuern lässt. Ich habe über die Jahre oft beobachtet, das schon ein gutes Ergebnis ausreicht, damit Leute in eine Essstörung abrutschen. Da wieder rauszukommen ist unglaublich schwer.
Dass beim Thema RED-S nichts passiert, stimmt so nicht.
Man hört immer wieder Kritik, dass die Verbände nicht genug gegen RED-S unternehmen. Wie siehst du das?
Von außen wirkt es manchmal so, als würde bei diesem Thema nichts passieren. Das stimmt so nicht. Es gibt Vorgaben vom Weltverband, und wir haben beim DAV zusätzliche schon sehr lange interne Richtlinien, die zum Teil strenger sind als die internationalen.
Gleichzeitig sehen wir immer noch Athlet*innen, die offensichtlich nicht gesund sind. Wenn die sehr erfolgreich sind, hat das einen enormen Einfluss auf die Jugend. Viele sagen dann schnell: Dann sperrt die halt. Aber als Verband oder Trainer*in kannst du nicht einfach ein Startverbot aussprechen, die juristisch als Arbeitsverbot gewertet werden kann. Außerdem bricht für die Person im Zweifel die komplette Existenz weg, womit man eher noch mehr kaputt macht. Das Ziel muss sein, eine Brücke zu bauen, damit Betroffene wieder ein gesundes Verhältnis zum Sport bekommen.
Was müsste sich im Spitzensport Klettern ändern, damit es gar nicht erst so weit kommt – und Leute nicht mit bleibenden Schäden aus der Karriere rausgehen?
Optimal wäre, wenn es für alle im Kader eine dauerhafte psychologische Betreuung gäbe. In anderen Sportarten gibt es gemeinsame Trainingslager, wo Dinge aufgearbeitet werden. Davon sind wir aber noch ein Stück entfernt. Was sich dringend ändern muss, ist die Einstellung zu psychologischer Unterstützung. Gesellschaftlich denken viele leider immer noch beim Stichwort »Psychologe« sofort an Probleme. Dabei ist unser Kopf wie ein Muskel, den man trainieren kann. Es ist nicht schwach, sich dabei Unterstützung zu holen – im Gegenteil.
Ich finde es außerdem wichtig, ein Umfeld außerhalb der Kletterbubble zu haben. Das erdet einen total. In der Kletterszene bist du der Athlet – aber es tut auch gut Menschen zu haben, denen es völlig egal ist, ob du gerade einen Weltcup geklettert bist. Und ich halte es für hilfreich, ein Hobby zu haben, das nichts mit Klettern zu tun hat. Das erinnert einen daran, dass es noch andere Dinge im Leben gibt.
Apropos andere Dinge im Leben: Wie es beruflich weitergeht, wissen wir jetzt. Welche Pläne hast du noch für die Zukunft?
Erstmal will ich meinem Körper Ruhe geben und meine Motivation wiederfinden. Ich werde nie aufhören zu klettern, aber aktuell ist einfach die Luft raus. Dafür mache ich gerade viele andere Sachen, die mich schon immer interessiert haben und für die ich nie Zeit hatte. Ich probiere momentan querbeet Kampfsportarten aus – das ist total geil, weil ich als absoluter Anfänger eine wahnsinnige Lernkurve habe.
Sobald ich wieder mehr Motivation fürs Klettern habe, warten tonnenweise Projekte, die ich über die Jahre angesammelt habe. Ich würde mich auch gerne etwas breiter aufstellen und mehr in Richtung Tradklettern und Alpinismus ausprobieren. Außerdem kann ich mir vorstellen, mal bei einem Deutschlandcup oder sogar bei der Deutschen Meisterschaft zu starten, falls ich mich qualifiziere.

Welche Teile deines Athleten-Lebens werden dir fehlen – welche eher nicht?
Das Training hat mir immer Spaß gemacht, aber die Logistik dahinter war schon anstrengend. Ich habe zwei Drittel meiner Saison im Ausland trainiert und bin dafür teilweise 80.000 Kilometer pro Jahr gefahren. Auch das ganze Warten und Rumsitzen beim Training wird mir eher nicht fehlen (lacht).
Was ich sicher vermissen werde, ist das Gefühl, bei Wettkämpfen an den Start zu gehen, Adrenalin zu spüren und sich mental immer wieder einzufangen. Das ist unangenehm und macht gleichzeitig süchtig. Das wird mir auf jeden Fall fehlen – es war schon einfach eine sehr coole Zeit.
Danke für das Gespräch und alles Gute auf deinem weiteren Weg!
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Credits Titelbild: DAV/Hannes Huch

