Zwischen Granit und Sandstein: die Totem Cams im Test

Die Cams von Black Diamond, DMM oder Wild Country muss man niemandem mehr vorstellen. Eine unbekannte, aber sehr interessante Alternative kommt aus dem Baskenland: die Totem Cams. Wie gut sich die Klemmgeräte in der Kletterpraxis bewähren, hat Alpinistin Anna Truntschnig in Indian Creek, den Red Rocks und im Yosemite für die LACRUX-Community getestet.

Climb if you will, but remember that courage and strength are nought without prudence, and that a momentary negligence may destroy the happiness of a lifetime.

Edward Whymper

Edward Whymper hätte wohl nie erahnt, dass etwa 100 Jahre nach seinem Zitat der Begriff Sicherheit im Klettersport maßgeblich neu geprägt wird: Ray Jardine entwickelte 1977 die ersten aktiven mobilen Sicherungsmittel (Cams/Friends) und bewirkte damit einen Meilenstein in der Kletterbranche. Das Klettern in schwierigerem Gelände wurde sicher gemacht, ohne auf feste Haken oder Bohrhaken angewiesen zu sein.

Wenig verwunderlich, dass über neun Hersteller auf diesen Zug aufgesprungen sind und sich momentan der Produktion von Cams widmen. Obwohl jedes dieser Produkte das gleiche Ziel verfolgt – dem Kletterer einen sicheren Aufstieg in der Vertikalen zu ermöglichen, indem Stürze gehalten werden – unterscheiden sie sich in Form, Gewicht, Preis und Funktionalität.  

Totem Cams im vierwöchigen USA-Test

Ich habe für euch Cams der Marke Totem bei einer vierwöchigen Reise in die USA getestet und kann so viel vorwegnehmen: Tradklettern fordert, aber Totem liefert. Robust, vielseitig und absolut verlässlich – Totem Cams sind seit unserer Reise mein bevorzugtes Sicherungsmittel!

Hier erzähle ich euch von meinen persönlichen Erfahrungen und berichte über die wichtigsten Vor- und Nachteile der Totem Cams beim Klettern im Sandstein (Indian Creek, Red Rocks, Zion) und im Granit (Yosemite), und erkläre euch, warum mich Totem Cams so sehr überzeugt haben. Ein Testbericht aus dem Mekka des Risskletterns, der über das Fazit „tolle Haltekraft“ hinausgeht.  

Erster Pluspunkt: der flexible Federzug

Unser erster Stopp: Indian Creek. Rissklettern vom Feinsten! Wir wurden direkt von zwei Amerikanern in die Fittiche genommen (Danke Jake & Jo!) und die »Schule des Risskletterns« begann. Bereits in den ersten Tagen konnten wir ein Learning mit nach Hause nehmen: Es leben die Totem Cams durch ihren flexiblen Federzug.

Während sich Cams anderer Hersteller in den vertikalen glatten Rissen durch den Seilzug gerne einmal nach oben oder unten gedreht haben, blieb jeder Totem Cam genau in der Position, in der wir ihn auch gelegt hatten. Ein Zustand, den sich jeder Kletterer wünscht – wenn er nach oben blickt zu den nächsten herausfordernden Klettermetern, und nach unten sieht, um die korrekte Platzierung des letzten Sicherungspunktes noch einmal zu prüfen. Die Totem Cams blieben dank dem flexiblen Federzug stets in der richtigen Position und auch in horizontalen Rissen wurden sie durch diese Flexibilität zum Sicherungsmittel unserer Wahl.

Zweiter Pluspunkt: Teilbelastung möglich

Totem Cams haben ein ziemlich cooles Feature: Selbst wenn nur zwei der vier Klemmsegmente belastet werden, halten sie verlässlich. Patentiert wurde das Design als »Cam device for climbing« (US Patent US 7,014,156 B2) und bedeutet, dass die Last völlig ausgeglichen auf jedes einzelne Segment verteilt wird. Das hat sich vor allem in unregelmäßigen Rissen in den Red Rocks bezahlt gemacht und unterscheidet Totem Cams von anderen Cam-Herstellern. Auch daheim in Europa, etwa im Kalk, wo oft nur halbwegs vernünftige Stellen zu finden sind, sehe ich darin einen echten Vorteil. Man legt einen Cam und weiß: Der hält auch in nicht ganz optimaler Position.  

Klein aber oho – das schmale Kopfprofil der Totem Cams

Totem Cams haben ein schmaleres Kopfprofil als andere Hersteller, was eine direkte Folge ihres patentierten Designs ist. Ich erkläre euch die wichtigsten Details des patentierten Designs – Achtung, es wird kurz nerdig.

Kein starrer U-Bügel / keine Doppelachse 
Bei klassischen Cams laufen die Zugdrähte und Achsen in massiven Seitenteilen. Das braucht Platz – deshalb sind die Köpfe relativ breit. Totem verzichtet auf diese festen Seitenteile: Stattdessen liegen die einzelnen Cams »frei« und werden über flexible Federzüge angesteuert, die sich in der Mitte treffen. 

Zentrale Kraftverteilung statt zwei Stege 
Statt zwei paralleler Stege hat Totem eine Art »Distributor« in der Mitte designed. Der verteilt die Zugkraft der Kabel und ersetzt das breite Metallgehäuse. Dadurch kann der gesamte Kopf schmaler ausfallen. 

Einzelne Achsen für jede Cam 
Jede Cam ist separat gelagert und kann unabhängig angesteuert werden. Das spart Metall zwischen den Cams und lässt sie dichter zusammenrücken. 

Flexibler Federzug / keine starre Verbindung 
Weil der Federzug flexibel ist, muss er nicht symmetrisch oder starr geführt werden. Das reduziert ebenfalls die Bauteilbreite im Kopf. 
 
Das Ergebnis für uns im Praxistest in der USA: Besseres Platzieren in schmalen, unregelmäßigen Rissen, wie etwa in den Red Rocks, und die Möglichkeit, nur zwei Cams aktiv zu belasten. Das hat sich vor allem beim Aid-Klettern im Valley bewährt. 

  • Klettern im Yosemite Valley
  • Kletternim Yosemite Valley

When in doubt, aid it out? Totem Cams im Yosemite-Test 

Letzter Stopp: Yosemite. Hier wurde es technisch – Pinscars (Hakennarben aus der Frühzeit des Trad-Kletterns) sind alles andere als gemütlich abzusichern. Vor allem, wenn sie »flaren« – also trichterförmig verlaufen. Unsere amerikanischen Freunde aus dem Indian Creek hatten uns bereits gewarnt, dass Klettern im Valley ohne ausreichend Offset Cams und Totem Cams keinen Spaß macht.

»When in doubt, aid it out« waren ihre Worte. Ein Spruch, den man unter Kletterern normalerweise anders kennt (»When in doubt, run it out«). Offset Cams funktionieren im Valley gut, aber auch Totems haben sich sehr bewährt – gerade bei einseitiger Belastung. Ich hatte nie das Gefühl, dass sie ungewollt rausrutschen – im Gegensatz zu Cams manch anderer Hersteller. Wenn man im Valley technisch klettert, ist jedes gute Placement Gold wert – und ich war heilfroh über jeden Totem Cam an meinem Gurt.

Nachteile? Klar – kein Test ohne Kritik 

Gewicht: Totem Cams sind keine Leichtgewichte. Im Vergleich zu beispielsweise BD Ultralight fällt das auf – vor allem bei größeren Größen (Totem Cam #2: 144g vs. BD Ultralight #2: 126g). Und ja, sie wirken ein bisschen klobiger und vermitteln dadurch den Eindruck, mehr Platz am Gurt in Anspruch zu nehmen.  

Handling beim Aidklettern: Die Schlingen sind etwas länger als bei anderen Modellen, wodurch eine größere Distanz zum Schnapper entsteht. Das ist beim technischen Klettern nicht immer ideal.

Größenrange: Totem deckt nicht den gesamten Größenspielraum ab. Für sehr kleine oder sehr große Risse muss man andere Hersteller ergänzend dazunehmen. Für die gängigsten Größenbereiche reicht das Set aber aus.  

SizeRangeStrenghtWeight
0.50 (black)11,7-18,9mm6 kN69 g
0.65 (blue)13,8-22,5mm8 kN75 g
0.80 (yellow)17-27,7mm9 kN83 g
1.00 (purple)20,9-34,2mm10 kN95 g
1.25 (green)25,7-42,3mm13 kN109 g
1.50 (red)31,6-52,2mm13 kN132 g
1.80 (orange)39,7-64,2mm13 kN144 g

Zeit für ein Fazit

Totem Cams haben mich überzeugt. Nicht nur wegen der Haltekraft, sondern weil sie verlässlich funktionieren, wo andere versagen. Das Vertrauen, das man in sein Material haben will – das geben mir die Totems. Klar, sie sind nicht perfekt: etwas schwerer, etwas sperriger, und das Größensortiment ist begrenzt. Aber sie spielen ihre Stärken genau da aus, wo es zählt: in forderndem, technischem Gelände, bei Teilbelastung, in schwierigen Rissen.  

Wie David Allfrey es treffend formuliert hat: »Everyone who has used them, loves them.« Ich schließe mich an. Totem Cams – erst gelegt, dann geliebt.  

Über die Autorin: Anna Truntschnig

Anna Truntschnig kommt aus Kärnten und hat das Klettern 2016 für sich entdeckt – seitdem lässt es sie nicht mehr los. Am Alpinismus begeistert sie, dass er so vielseitig ist: Eis, Mixed, Fels – jede Disziplin verlangt etwas anderes, es gibt immer etwas Neues zu lernen und genau das reizt sie. Drei Jahre lang war Anna Teil des Naturfreunde-Alpinkaders mit Abschlussexpedition in Kirgistan. Für Anna vereint Klettern Abenteuerlust, Freude an der Bewegung und Miteinander – denn die schönsten Augenblicke sind für sie jene, die man zusammen erleben darf.

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Foto Credits: Anna Trunschnig

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