Am 2. Oktober 2025 gelang den beiden französischen Alpinisten Benjamin Védrines und Nicolas Jean die erste Besteigung des abgelegenen Anidesh Chuli, einem bisher unerschlossenen, 6.808m hohen Berg im östlichen Himalaya.
Keine Fixseile, keine Sherpa-Unterstützung, kein zusätzlicher Sauerstoff
Der Anidesh Chuli, auch »Weiße Welle« genannt, liegt am Rand des Kangchendzönga-Massivs, gegenüber vom Jannu. Die beiden Gipfel teilen sich ein Basecamp, weshalb der Anidesh Chuli für das starke Duo aus Frankreich ein logisches Ziel für eine Tour zur Akklimatisierung war. Das Hauptprojekt ihrer Expedition ist die Ostwand des Jannu.
Védrines und Jean wählten ihre Route über den Nordgrat und kletterten die 1.150 Höhenmeter vom vorgezogenen Basislager bis zum Gipfel in nur einem Tag, im Alpinstil.

Zweiter Versuch am Jannu für Védrines
Der französische Bergführer und Alpinist war schon im letzten Jahr im Base Camp des Jannu und wagte einen Versuch an der bisher unbestiegenen Ostwand des 7.711m hohen Berges. Das Ziel von Védrines und Seilpartner Jean ist der bisher unerreichte Ostgipfel des Jannu.
Dieser Gipfel fasziniert uns. Er ist wunderschön, abgelegen und schwer zu besteigen.
Benjamin Védrines

Benjamin Védrines ist bekannt für seine Rekorde an zwei Achttausendern. 2022 schaffte er es den bisherigen Rekord für eine Besteigung des Broad Peak ohne zusätzlichen Sauerstoff zu halbieren, indem er ihn in nur 7 Stunden und 28 Minuten beging. Danach startete er als erster Mensch mit einem Gleitschirm vom Gipfel des Broad Peak und flog ins Basislager ab – pünktlich zum Frühstück.
Auch am K2 stellte er 2024 einen neuen Rekord auf: Solo und ohne zusätzlichen Sauerstoff schaffte er es in nur 10 Stunden, 59 Minuten und 59 Sekunden auf den Gipfel.
Benjamin Védrines im Interview:
Wieso habt ihr euch für den bisher unbestiegenen Anidesh Chuli entschieden um euch zu akklimatisieren?
Benjamin Védrines: Da sich der Gipfel direkt über dem Basislager befindet, kam es uns ganz logisch vor ihn zu besteigen, vor allem da wir wussten, dass die Erstbegehung noch ausstand. Wir wussten auch, dass sich schon vor uns mehrere Teams an dem Gipfel versucht hatten, aber ohne Erfolg.
Wir wollten einen höheren Akklimatisierungspunkt erreichen als die 6.200 m die wir normalerweise tun. Das war das wichtigste für uns.
Die größte Herausforderung besteht hier darin, so hoch wie nur möglich zu kommen. Es wird schnell technisch und die Umgebung ist sehr wild, also ist das gar nicht so einfach.
Der Anidesh Chuli hat all unsere Ansprüche erfüllt:
• Wir konnten höher aufsteigen, um uns für den Jannu bestmöglich vorzubereiten.
• Es war eine Chance eine großartige Leistung zu Vollbringen und an einem einzigen Tag, einen unberührten Gipfel zu besteigen.
• Die Ruhe außerhalb des Basislagers war ein Genuss für uns – ganz ohne andere Menschen.


Wie lange habt ihr eure Route am Anidesh Chuli geplant?
Letztes Jahr waren wir schonmal hier und haben versucht, die Nordwand des Jannu zu besteigen. Wir mussten auf 6700m umkehren, da unser Kletterpartner Léo Billon an akuter Höhenkrankheit lit.
Das lag zum Teil an unserer schnellen Akklimatisierung, da wir ein frühes Wetterfenster nutzen mussten und deshalb früher als geplant in die Linie eingestiegen sind.
Als wir wieder im Basislager ankamen, war uns natürlich direkt klar, dass wir unbedingt höher steigen mussten uns zu akklimatisieren, ehe wir einen weiteren Versuch wagen würden. Also war es eigentlich seit unserem letzten Versuch am Jannu unser Plan. Außerdem bot es für uns auch die Gelegenheit, einen schönen Gipfel zu besteigen und uns einen tollen Erfolg zu sichern. Mit solchen Erinnerungen nach Hause zu kommen, ist etwas Außergewöhnliches – und es macht es leichter, einen späteren möglichen Misserfolg zu akzeptieren.
Kannst du das Gefühl beschreiben wie es sich anfühlt die erste Person zu sein die auf einem 6808m hohen Gipfel steht?
Es ist ein unglaubliches Gefühl, dort oben anzukommen. Ich habe zunächst nicht darüber nachgedacht, dass wir die Erstbegeher des Gipfels sind, sondern nur daran, wie es sich angefühlt hat diesen wunderschönen Berg zu besteigen. Es ist atemberaubend, und das sind Erinnerungen, die für immer bleiben. Dann gibt es natürlich auch die explorative Seite, wenn man der Erste ist. Das macht es spannend und das liebe ich. Vor allem, weil wir in den Alpen keine Gelegenheit mehr dazu haben. Wir haben dieses Privileg wirklich genossen!

Was plant ihr dieses Jahr anders zu machen als im letzten Jahr, wenn ihr einen Versuch am Jannu startet?
Für den Aufstieg werden wir uns an die Strategie halten, die wir uns damals vorgenommen hatten: Wir wollen versuchen, den Gipfel in drei Tagen zu erreichen. Das wäre schon wirklich gut. Der einzige Unterschied zum letzten Jahr ist, dass wir am Fuß der Wand schlafen wollen, anstatt direkt vom Basislager aus aufzubrechen. Das sollte uns Energie sparen. Unsere große Sorge ist der gesamte Abschnitt zwischen 7.000 m und 7.468 m. Da ist ein langer Schneegrat, der am Anfang sehr steil ist. Wenn der Schnee zu tief ist, könnte uns das zur Umkehr zwingen.
Habt ihr schon eine Idee wann sich eine Gelegenheit am Jannu ergeben könnte?
Derzeit ist das Wetter total unbeständig und es wird viel Schnee vorhergesagt – insgesamt mehr als eineinhalb Meter. Um den 10. Oktober herum wird dann eine Wetterbesserung erwartet, allerdings mit starken Winden.
Expeditionen sind nie einfach, aber ich bin daran gewöhnt. Bei Langzeitvorhersagen müssen wir aber vorsichtig bleiben. Vor allem geht es darum, Geduld zu haben und gleichzeitig entschlossen zu bleiben. Im Moment erfüllen wir alle Voraussetzungen.
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Credits Titelbild: Benjamin Védrines

