Der Tod einer 33-jährigen Bergsteigerin am Stüdlgrat im Januar 2025 hat nicht nur ein Gericht beschäftigt, sondern eine breite gesellschaftliche Debatte ausgelöst, die über die Alpinszene hinausgeht. Nun hat sich Michi Wohlleben, Profialpinist und Bergführer, in einem Video auf seinem YouTube-Kanal sachlich und differenziert zu dem Fall geäußert.
Auf seinem YouTube-Kanal bespricht Wohlleben regelmäßig »Close Calls« im alpinen Bereich – Situationen aus seiner Erfahrung, die auch böse hätten enden können, aus denen er wichtige Lektionen zieht. Außerdem kommentierte er in der Vergangenheit das stark kritisierte Video des YouTubers Magnus Midtbo, in welchem dieser Solo das Matterhorn besteigt. In seinem neuesten Video widmet sich der 35-jährige Bergführer und Profialpinist dem Großglockner-Fall, der seit Monaten für mediale Aufmerksamkeit sorgt und zentrale Fragen des Bergsports in die breite Öffentlichkeit trägt. Nach der Veröffentlichung haben wir mit Michi Wohlleben gesprochen – über seinen Kommentar zu den Geschehnissen und über einen Punkt, den er im Nachhinein nicht unerwähnt lassen wollte.
Der Fall Großglockner: Was ist passiert?
Kurz nochmal zu den Fakten des Falles: Im Januar 2025 starb Kerstin G. beim Versuch, den Großglockner über den Stüdlgrat zu besteigen. Ihr Partner Thomas P. ließ sie rund 50 Meter unterhalb des Gipfels zurück, wo sie in der Nacht erfror. Am 19. Februar 2026 wurde er vom Landesgericht Innsbruck wegen grob fahrlässiger Tötung zu einer fünfmonatigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von 9.600 Euro verurteilt – das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, da beide Seiten Berufung eingelegt haben.

Der Fall aus der Sicht eines Profialpinisten
Aus alpinistischer Sicht richtet Wohlleben den Blick vor allem auf die Tourenplanung: der späte Start, die schwierigen winterlichen Bedingungen und das insgesamt langsame Vorankommen hätten die Seilschaft deutlich hinter den Zeitplan für diese Tour gebracht. »In solchen Situationen kann sich ein Szenario schnell zuspitzen – insbesondere bei Kälte, Wind und einbrechender Dunkelheit«, so Wohlleben.
Ein zentraler Diskussionspunkt bleibt die Entscheidung, die Partnerin allein zurückzulassen. Diese wird vielfach als klare Fehlentscheidung bewertet. Der pauschalen Aussage am Berg niemanden zurückzulassen, stimmt Wohlleben jedoch nicht zu. Er kenne genug Fälle in denen ein Seilpartner oder eine Seilpartnerin abgestiegen waren um Hilfe zu holen, wodurch die zurückgelassene Person gerettet werden konnte. Gleichzeitig betont er jedoch, dass das in diesem Fall eher nicht die richtige Entscheidung gewesen sei und alle Entscheidungen im Hochgebirge situationsabhängig bewertet werden müssen.

Grundsätzlich unterstreicht der Fall laut Wohlleben ein zentrales Prinzip des Alpinismus: Eigenverantwortung. Anders als bei geführten Touren liegt die Verantwortung in privaten Seilschaften bei allen Beteiligten, so Reinhold Messner, dessen Aussage über den Glockner-Fall im Video behandelt wird. Wohlleben selbst teilt diese Meinung und plädiert für realistische Selbsteinschätzung, sorgfältige Planung und klare Absprachen – insbesondere im Hinblick auf Umkehrzeiten und Worst-Case-Szenarien.
Wohlleben legt Bergsteigenden nahe, sich vor einer Tour diese Worst-Case-Szenarien auszumalen. Kommt man in jeder möglichen Situation wieder vom Berg – überraschende Steinschläge etc. mal ausgenommen, kann man die Tour angehen. Ist das nicht der Fall, sollte eine leichtere Tour gemacht werden.
»Das hätte ich beleuchten sollen«
Im Nachhinein erklärt Wohlleben, dass er einen wichtigen Aspekt des Falls ausgespart hat und das im Rückblick bereut: das Thema »Alpine Divorce« und die Aussage der Ex-Freundin des Angeklagten, die berichtete, ebenfalls einmal von ihm am Berg alleingelassen worden zu sein. »Ich wollte nicht spekulieren«, erklärt er im Gespräch mit uns, »ich hatte dieses Thema einfach absolut nicht auf dem Schirm«.
Der Begriff »Alpine Divorce«, welcher aktuell auf Social Media Plattformen die Runde macht, meint dabei nicht eine Tötungsabsicht – auch wenn der Begriff auf eine Kurzgeschichte von Robert Barr aus dem Jahr 1893 zurückgeht, in der ein Ehemann genau das plant. In seiner aktuellen Verwendung beschreibt er etwas weitaus Alltäglicheres und dennoch Ernstes: Situationen, in denen eine Person von ihrem Partner auf einer Bergtour oder Wanderung allein zurückgelassen wird. Mal weil die andere Person zu schnell geht und nicht wartet, mal weil ein Streit eskaliert. Es geht hierbei also vor allem Rücksichtslosigkeit und mangelnde Fürsorge am Berg.
Geschichten dieser Art waren für ihn bis dahin kein Thema, umso mehr überraschten ihn die vielen Stories, die ihn nach seiner Analyse des Falles erreichten. Wohlleben selbst kennt das Gefühl, am Berg unsicher zu sein und umkehren zu wollen, während der Seilpartner weiterdrängt und kann daher nachvollziehen, wie viel Angst in solchen Momenten steckt. Umso mehr liegt ihm daran, diesem Thema nachträglich Raum zu geben. Denn die schiere Zahl der Geschichten zeigt ihm: Es ist kein Einzelfall.
Hier gehts zum Video:
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Credits: Titelbild und Video von Michi Wohlleben


