Vom ehemaligen Lehrer bis zur Klinik-Geschäftsführerin: Für die Sommersaison 2026 übernimmt eine neue Generation von Hüttenwirtsleuten zahlreiche Schutzhütten des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV). Von 14 Ende 2025 ausgeschriebenen Häusern ohne Bewirtschaftung konnten inzwischen 13 neu vergeben werden, mit Biografien, die deutlich über das klassische Gastronomieprofil hinausgehen.
Quereinstieg statt Gastro-Karriere
Die neuen Pächterinnen und Pächter bringen Lebensläufe mit, die man auf einer Alpenvereinshütte nicht zwangsläufig erwartet: darunter ein ehemaliger Lehrer, eine frühere Klinik-Geschäftsführerin sowie Quereinsteigende aus Logistik, Büro- und Gesundheitsberufen. Daneben übernehmen aber auch erfahrene Gastronominnen und Gastronomen sowie Menschen mit wissenschaftlichem Hintergrund die Schutzhütten. Der gemeinsame Nenner trotz sehr unterschiedlicher Vorgeschichten: der Wunsch nach einer bewussten Neuorientierung, nach Nähe zur Natur und nach einem intensiveren Arbeitsumfeld in den Bergen.
Uns verbindet eine klare, gemeinsame Vorstellung vom Hüttenleben: Wir wollen einen Platz schaffen zum Ankommen und Wohlfühlen, mit viel Herzlichkeit und gutem Essen.
Tamara Gößler und Florian Schmetzer, neue Hüttenwirtsleute der Badener Hütte
Die Beweggründe für die Übernahme einer Schutzhütte sind dabei sehr verschieden. Für Michele Gallonetto etwa war es ein bewusster Schlussstrich nach 25 Jahren als Lehrer – verbunden mit dem Wunsch, seine Leidenschaft als langjähriger Berg- und Skiführer endlich in den Alltag zu holen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Katerina, die aus der Gastronomie und der Sozialarbeit kommt, übernimmt er das Arthur-von-Schmid-Haus am Dösensee. »Worauf wir uns am meisten freuen?«, erzählen die beiden im Interview mit dem Alpenverein: »Der Hütte Schritt für Schritt unseren eigenen Charakter zu geben, zwischendurch die stillen Momente am Berg fernab vom Trubel im Tal zu genießen und auf viele gute Gespräche mit Menschen, die die Berge genauso schätzen wie wir.«

Einen ganz anderen Zugang hat Rebeka Tréfová, die seit ihrem 17. Lebensjahr jeden Sommer auf Hütten gearbeitet hat und im Winter als Skilehrerin unterwegs war – für sie ist der Schritt zur eigenen Hütte die logische Fortsetzung eines Lebens, das ohnehin zwischen Gipfel und Gaststube stattfindet. Das Team rund um Irena, Jonas und Bernhard Feier wiederum – eine Einkaufsverantwortliche, ein ausgebildeter Koch und ein TU-Absolvent aus der Elektroantriebs-Entwicklung – übernimmt mit dem neu gebauten Hinteralm-Haus im Naturpark Mürzer Oberland gleich ein Haus, das nach 15 Jahren Pause erst wieder bei Bergsportlern bekannt gemacht werden muss. »Wir bringen keine unmittelbare Hüttenerfahrung mit«, sagen die drei, »aber unser berufliches Umfeld der letzten Jahre, die unterschiedlichen Ausbildungen und auch unsere persönlichen Leidenschaften ergänzen sich wunderbar zu den benötigten Anforderungen auf einer Schutzhütte.«


Rebeka Tréfová übernimmt die Hess-Hütte in den Ennstaler Alpen | Bild: Andreas Hollinger
Am Anton-Karg-Haus im Kaisergebirge etwa übernehmen Claudia Girke und Lydia Weißmann. Die eine bringt Erfahrung aus Logistik und Büro mit, die andere langjährige Gastronomieexpertise – verbunden sind beide über die Begeisterung für Natur und Gastfreundschaft. Als grösste Herausforderung nennen sie Wetterumschwünge und deren Auswirkungen auf den Hüttenbetrieb.
Warum es so schwierig ist, Hüttenwirtsleute zu finden
Die erfolgreiche Neubesetzung fast aller ausgeschriebenen Hütten ist alles andere als selbstverständlich. In den letzten Jahren hat sich die Pächtersuche für viele Alpenvereinssektionen zu einer echten Herausforderung entwickelt. Rund ein Viertel der neu bestellten Wirtsleute habe nach nur einer Saison wieder gekündigt, hiess es zuletzt aus dem Alpenverein. Ein Grund: Die Anforderungen an den Hüttenbetrieb werden oft unterschätzt. Wer heute eine Alpenvereinshütte pachtet, muss ein Allrounder sein – Gastronom, Techniker und alpiner Ratgeber zugleich. Zum Job gehören unter anderem Trinkwasseraufbereitung, Stromversorgung, Küche, Service und Zimmerreinigung und nicht zuletzt die alpinistische Beratung der Gäste. Dazu kommen Wetterrisiken, eingeschränkte Logistik und die klassische körperliche Knochenarbeit in exponierter Lage, oft weitab vom nächsten Supermarkt.

Warum sie es trotzdem tun
Trotz dieser Anforderungen scheint der Reiz ungebrochen. Der Alpenverein beschreibt die Tätigkeit als Berufung: das besondere Teamgefühl im Netzwerk, der Gestaltungsspielraum, die intensiven Begegnungen mit Gästen und die Tatsache, dass kein Tag wie der andere ist.

Genau dieser Mix aus persönlicher Motivation, unternehmerischem Denken und authentischer Gastlichkeit sei laut Alpenverein die Basis dafür, dass sich die Schutzhütten als Erlebnis- und Wirtschaftsraum weiterentwickeln können.
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Credits Titelbild: Katerina Gallonetto

