Erstmals frei geklettert: Villanueva O’Driscoll und Martin meistern den Ostpfeiler des Fitz Roy

Sean Villanueva O’Driscoll und Tasio Martin haben den Ostpfeiler des Fitz Roy erstmals komplett frei geklettert – drei Tage, 1.200 Meter, miserable Bedingungen.

Der Belgier Sean Villanueva O’Driscoll und der Spanier Tasio Martin haben den Ostpfeiler am Fitz Roy erstmals frei geklettert. Die beiden benötigten drei Tage für die 1.200 Meter lange Route. Bemerkenswert dabei: Das Duo klettert Seillänge um Seillänge onsight – bis zum ersten Sturz. Dann seilen sie ab, starten erneut und vollenden die Route im zweiten Versuch.

Der Fitz Roy oder Cerro Chaltén, ein 3406 m hoher Granitberg in den argentinisch-chilenischen Anden. | Bild: Adobe Stock

Eine legendäre Linie mit langer Geschichte

Der Ostpfeiler des Fitz Roy wurde seit der Erstbegehung 1976 bis 2016 kein einziges Mal wiederholt. Die Erstbegehung gelang 1976 Casimiro Ferrari und Vittorio Meles. Jenem Ferrari, der zwei Jahre zuvor auch an der Erstbegehung der berühmten »Ragni Route« am Cerro Torre beteiligt war. Am Fitz Roy hinterließ die Expedition damals Unmengen an Material auf der Route, darunter Kabelleitern, die jahrzehntelang im Fels hingen. Erst 2015 räumten Matteo Della Bordella, Luca Schiera und Silvan Schüpbach einen Großteil davon ab. Ein Jahr später gelang Della Bordella zusammen mit David Bacci die erste Wiederholung, ebenfalls im Alpinstil über drei Tage.

Die Schlüsselstelle der Linie: Der Quergang in der 22. Seillänge. | Bild: Tasio Martin

Eis in den Rissen, Sturm am Gipfel

Laut Martin waren die Bedingungen am Berg alles andere als ideal. Abschnitte aus schneebedecktem Granit und eisgefüllte Risse erhöhten die Schwierigkeit erheblich. Das erste Biwak schlugen sie nach rund 17 Seillängen auf, die Schlüsselstelle der Route – ein Quergang nach links in der 22. Länge, die schwierigste der ganzen Linie, laut Seilschaft im Grad 7c – meisterten sie tags darauf. Die zweite Nacht verbrachten sie nach Länge 31 im Portaledge. Am dritten Tag holte das Wetter sie ein. Im aufziehenden Sturm mit schwindender Sicht kletterten sie die letzten Seillängen durch gemischtes Gelände und standen schließlich am Gipfel. Auch das Abseilen über die französische Route wurde dadurch zur ernsthaften Unternehmung.

Martin und Villanueva O’Driscoll im Portaledge | Bild: Tasio Martin

»Noch immer können wir es nicht glauben«

Tasio Martin beschrieb die Begehung in den sozialen Medien als Erlebnis, das er sich in dieser Form nie hätte vorstellen können. Den Ostpfeiler zu klettern sei schon lange sein Traum gewesen, ihn frei zu begehen, habe er für utopisch gehalten. Dass es dazu kam, führt er auf seinen Partner zurück: Villanueva O’Driscoll habe von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass er jeden einzelnen Meter frei klettern will. »Seine Motivation war ansteckend«, so Martin.

Für Villanueva O’Driscoll selbst schloss sich damit ein langer Kreis. Bereits 2011 hatte er gemeinsam mit Nico Favresse die unteren Seillängen des Ostpfeilers im Freistil geklettert – damals querten sie jedoch zur benachbarten El-Corazón-Route und folgten dieser bis zum Gipfel. Den Ostpfeiler in seiner Gesamtheit frei zu klettern, blieb seitdem ein offenes Kapitel.

Keine idealen Bedingungen am Fitz Roy. | Bild: Tasio Martin

Ein Klettererleben für Patagonien

Sean Villanueva O’Driscoll gehört zu den prägendsten Alpinisten seiner Generation. Er begann mit 13 Jahren in Belgien mit dem Sportklettern und entwickelte eine Leidenschaft für Ziele an abgelegenen Wänden – Patagonien, Pakistan, Baffin Island, Grönland. 2011 wurde er gemeinsam mit Nicolas Favresse, Olivier Favresse, Ben Ditto und dem Skipper Bob Shepton mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet – für ihre Grönland-Expedition im Jahr 2010, bei der sie neun neue Routen an den Bigwalls der Westküste erschlossen.

O’Driscoll im Vorstieg an der sonnengetränkten Wand des Ostpfeilers. | Bild: Tasio Martin

2021 sorgte er mit der ersten Solobegehung der Fitz-Roy-Traverse – die er in umgekehrter Richtung als den »Moonwalk Traverse« beging – weltweit für Aufsehen. Patagonien-Experte Colin Haley kommentierte die Leistung damals als »die beeindruckendste Begehung, die je in Patagonien durchgeführt wurde«. Die freie Begehung des Fitz Roy Ostpfeilers reiht sich nahtlos in O’Driscolls Lebenswerk ein.

Tasio Martin – Alpinist mit Bergsteigen im Blut

Auch Tasio Martin ist kein unbeschriebenes Blatt. Der Baske aus Orduña wuchs mit Klettern auf: Seine Eltern, Yolanda Martín und Joseba Elorrieta, sind beide Achttausender-Alpinist:innen. Mit sieben Jahren war er in den Pyrenäen unterwegs, mit 16 stand er auf dem Mont Blanc und kletterte den Pilar Central du Freney. Mit 17 durchstieg er alle vier Wände des Picu Urriellu in 10,5 Stunden und wurde baskischer Bouldermeister der Junioren.

In Patagonien ist Martin seit Jahren aktiv. Zuletzt eröffnete er gemeinsam mit Ibón Mendia zwei neue Routen im alpinen Stil, jeweils in einem Tag. 2023 wurde er für den Piolet d’Or nominiert, für die Erstbegehung eines Jungfraugipfels im indischen Himalaya mit Marc Toralles. Die freie Begehung des Ostpfeilers dürfte seine bisher größte Leistung sein.

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Credits: Titelbild: Tasio Martin

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