Lhakpa Sherpa hält den Weltrekord für die meisten Everest-Besteigungen einer Frau. »Die beeindruckendste Begehrin des Everest, von der ihr noch nie gehört habt«, so wird sie in der Doku »Mountain Queen« von 2023 beschrieben, welche ihre zehnte Everest-Expedition begleitete. Dieses Jahr startet die Sherpani ihren elften Versuch am höchsten Berg der Erde.
Auf dem Weg zum Dach der Welt
Lhakpa Sherpa kommt 1973 als eines von elf Kindern in Balakharka auf die Welt, einem kleinen Dorf in der nepalesischen Makalu-Region. Eine Schule besucht sie nicht. In Nepal bleibt Mädchen der Unterricht damals verwehrt, also trägt Lhakpa stattdessen ihren Bruder täglich zwei Stunden zur Schule und zurück. Eine frühe Lektion in Ausdauer.
Ich möchte jemand sein. Ich möchte etwas gutes bewirken!
Lhakpa Sherpa
Der Himalaya gehört zu ihrer Kindheit wie die Luft, die sie atmet. Aber die Berge gehören ihr damals noch nicht. Um überhaupt in die Nähe der Everest-Basislager zu kommen, schneidet sie sich als junges Mädchen die Haare ab und gibt sich als Junge aus. Sie beginnt als Trägerin, arbeitet sich in die Küche vor und wird schließlich zur Bergführerin. Die Geburtsstunde einer Karriere, die ihresgleichen sucht.

18. Mai 2000: Der erste Gipfel
Am 18. Mai 2000 betritt Lhakpa Sherpa als erste nepalesische Frau den Gipfel des Mount Everest und kehrt lebend zurück. Vor ihr war der Gipfel nur einer anderen Nepalesin, Pasang Lhamu Sherpa, gelungen. Tragischerweise starb diese jedoch beim Abstieg. In Nepal wurde die Sherpani Pasang Lhamu zur Nationalheldin und auch zum Vorbild für Lhakpa.
Als der Trauerzug mit Pasang Lhamu an meinem Haus vorbei zog gab ich ihr eine Blume. Ich spürte wie ihre Seele auf mich überging.
Lhakpa Sherpa in »Mountain Queen«
Ihr Weg zum höchsten Punkt der Erde war aber keinesfalls ein leichter. Sie klopfte an Türen und suchte Sponsoren um sich den Traum vom Everest zu erfüllen. Keiner wollte ihr glauben. Als sie von einem großen Rennen hörte, nahm sie teil und gewann 2000 Dollar. Damit eröffnete sie ein Teehaus. Und wieder fragte sie ihre Kunden »Ich möchte auf den Everest, was kann ich tun?«. Einer der Kunden schreib einen Brief an den Premier Minister von Nepal. Lhakpa wurde die Anführerin eines Frauen Teams, welches versuchen wollte den Everest zu erklimmen. Sie war die einzige Teilnehmerin der Expedition, die den Gipfel erreichte.
Einmal reicht ihr nicht. 2003 steigt sie gemeinsam mit ihrer Schwester Ming Kipa und ihrem Bruder Mingma Gelu erneut auf den Gipfel – die erste Geschwister-Dreiergruppe, die gleichzeitig den Everest-Gipfel erreicht, eingetragen ins Guinness-Buch der Rekorde. Der Berg wird für Lhakpa zur Konstante in einem Leben voller Brüche.
Ich möchte so klettern, wie es die Sherpas vor langer Zeit getan haben. Ich möchte den jüngeren Generationen zeigen, wie es früher gemacht wurde.
Lhakpa Sherpa
Zwischen Everest-Gipfeln und dem Alltag als Einwanderin in den USA
Lhakpas Geschichte ist kein gerader Aufstieg. Sie heiratet den rumänischen Bergsteiger Gheorghe Dijmărescu und zieht mit ihm in die USA. Was folgt, sind Jahre häuslicher Gewalt. 2004 schlägt ihr Ehemann sie im Everest Base Camp vor anderen Expeditionsmitgliedern nieder, bis sie das Bewusstsein verliert. 2015 endet die Ehe – Lhakpa erhält das alleinige Sorgerecht für ihre Töchter.
Lhakpa Sherpa
Ich möchte meinen Mädchen zeigen, wie man mutig ist.
Als alleinerziehende Mutter lebt sie bescheiden in Hartford, Connecticut, und arbeitet als Spülerin bei Whole Foods, um ihre Kinder zu ernähren und ihren Sport zu finanzieren. Zwischen den Schichten trainiert sie und plant ihre nächste Besteigung. Und sie steigt immer wieder auf den Everest.
Zehn Gipfel, ein unglaublicher Weltrekord
Am 12. Mai 2022 erreicht Lhakpa Sherpa den Gipfel des Everest zum zehnten Mal – finanziert durch eine Crowdfunding-Kampagne. Damit schreibt sie ihren eigenen Rekord fort und steht weiterhin als Frau mit den meisten Everest-Begehungen weltweit in den Büchern. Was Lhakpa von anderen Höhenbergsteigenden unterscheidet, ist nicht nur die Zahl ihrer Everest-Gipfelerfolge, sondern ihre Bergsteigerphilosophie: effizient, bedacht, tief verwurzelt in der Tradition ihrer Sherpa-Vorfahren. Sie verbindet spirituelle Verbundenheit mit dem Berg und technische Präzision.
K2, Netflix und ein Leben als »Mountain Queen«
Der Everest allein genügt Lhakpa längst nicht mehr. Im Juli 2023 besteigt sie den K2 – gehandelt als der gefährlichste Achttausender der Welt – und gehört damit zu den wenigen Frauen, die beide Extrem-Giganten des Himalaya bezwungen haben.
2024 veröffentlicht Netflix die Dokumentation »Mountain Queen: The Summits of Lhakpa Sherpa«, die ihr Leben und ihre zehnte Everest-Besteigung einem weltweiten Publikum zugänglich macht. Die Reaktionen sind überwältigend. Plötzlich kennt die Welt eine Frau, die seit Jahrzehnten leise Geschichte schreibt. Lhakpa selbst sagt über ihre Leistungen: »Ich habe das Gefühl, ich habe die Sherpa-Kultur verändert, den Status der Sherpa-Frauen und der nepalesischen Frauen.« (CT Women’s Hall of Fame) Diesen Anspruch lebt sie täglich, auf dem Berg und abseits davon.
2026: Der elfte Versuch am Everest
Anfang 2026 kündigt sie ihren elften Everest-Versuch an und bricht kurz darauf nach Nepal auf. Aktuell ist sie noch im Base Camp. Ein instabiler Serac blockierte für mehrere Wochen den Weg zu Camp 1, weshalb sich die diesjährige Everest Saison etwas verzögert. Inzwischen ist die Route aber offiziell freigegeben und Bergsteiger und Bergsteigerinnen machen sich auf den Weg zum Dach der Welt.
Elf Besteigungen. Eine Zahl, die die Frage aufwirft: Wo hört ein Rekord auf, und wo beginnt eine Lebensphilosophie? Parallel dazu führt Lhakpa ihr eigenes Unternehmen »Hiking with Lhakpa«, mit dem sie Wanderungen in den USA und im Himalaya führt, unter anderem Tracks zum Everest Base Camp und sogar bis zum Gipfel des höchsten Berges der Erde.
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Credits:
Titelbild: Lhakpa Sherpa

