Im November 2025 toppte der italienische Kletterer Elias Iagnemma, nach vier Jahren und 211 Versuchen, seinen bisher härtesten Boulder. Das unvollendete Projekt von Kletterlegende Christian Core bewertete der 30-Jährige mit dem bisher noch nicht vergebenen Grad 9A+ – eine starke Ansage an die Kletterszene! Jetzt spricht er erstmals ausführlich über »Exodia«.
Elias Iagnemma hat mit »Exodia« im Val Pellice (Piemont, Italien) ein Projekt abgeschlossen, das die Boulderszene nachhaltig prägen könnte. Der Boulder kombiniert zwei extrem fordernde Linien: eine harte 8B+ gefolgt von einem Knieklemmer und anschließend einer 8C+. Iagnemma beschreibt den Boulder als die größte Herausforderung seines Lebens. Wie er die langen Jahre im Projekt erlebt hat, aus was für Moves Exodia aufgebaut ist und noch einiges mehr, erzählt er im Interview.

Elias Iagnemma über Exodia
Wie hast du Exodia entdeckt?
Elias: Ich entdeckte Exodia 2021, als ich mit meiner Frau Stefania Colomba nach einer langen Klettertour am Rifugio Barbara nach Hause fuhr. Sie erzählte mir von Christian, und dass er es nicht geschafft hatte, dieses Projekt erfolgreich abzuschließen. Mein erster Gedanke war, dass es sich um etwas wirklich Extremes handeln musste, wenn er es nicht klettern konnte. Ich stieg aus dem Auto und starrte voller Ehrfurcht auf dieses riesige Dach. Diese Ehrfurcht verwandelte sich augenblicklich in tiefe Motivation und pure Euphorie.
War Exodia dein Hauptaugenmerk über die vergangenen vier Jahre? Wie viele Monate im Jahr hast du ungefähr mit dem Projekt verbracht?
Elias: Ja – Exodia war in diesen Jahren der Mittelpunkt meines Lebens. Jede Trainingseinheit und jeder Gedanke drehten sich darum. Das Klettern und Ausprobieren anderer Routen traten in den Hintergrund. Ich weiß nicht, wie ich es genau erklären soll, aber wenn ich etwas anderes kletterte, fühlte ich mich »zurückgehalten« von dem Gedanken, dass schon die kleinste Verletzung mich völlig aus dem Gleichgewicht bringen würde, weil ich dann nicht mehr Exodia klettern könnte.
Ich vermied alles, was den Prozess beeinträchtigen könnte, selbst wenn das bedeutete, auf die pure Freude am Klettern zu verzichten. Aber für mich stellte Exodia die größte Herausforderung meines Kletterlebens dar, und dieser Herausforderung wollte ich voll und ganz gerecht werden, selbst auf Kosten des Vergnügens.
Der Boulder befindet sich auf etwa 1500 Metern Höhe, und ich konnte ihn etwa sechs Monate im Jahr versuchen: drei Monate von Frühjahr bis zur Mitte des Sommers und drei Monate im Herbst.

Nimm uns mit zurück zu deinen ersten Sessions. Was ist dir davon in Erinnerung geblieben? Wie lange hat es gedauert die Bewegungen zu verstehen und wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl tatsächlich Fortschritte zu machen?
Elias: In den ersten Sessions hatte ich sogar Schwierigkeiten, die Griffe zu identifizieren. Das Dach ist voller Formen, die fast identisch aussehen, und es war extrem schwierig, die richtigen Griffe zu finden. Ich schaffte es, ein paar einzelne Züge zu skizzieren, aber die anderen waren wirklich extrem.
Ich habe lange gebraucht, um die richtige Abfolge zu finden, besonders in der zweiten Hälfte des Boulders. Die erste Hälfte ist ebenfalls knifflig, mit vielen möglichen Lösungen – alle schwierig – und ich musste jeden Zug an meine Stärken anpassen.
Beide Abschnitte sind extrem komplex und das Serpentinit so glatt, dass es fast keinen Halt gibt. Der erste echte Wendepunkt kam 2023, als ich endlich den zweiten Teil in einem Durchgang vom »Bat Rest« aus kletterte. In diesem Moment dachte ich: Okay, ich kann das schaffen. Anschließend habe ich noch einmal zwei Jahre gebraucht, um alles zu verbinden.
Wie lange hat es gedauert jede einzelne Sektion zu senden? Kannst du die Teile beschreiben, in die du Exodia zerlegt hast?
Elias: In den ersten Jahren begann ich den ersten Abschnitt in der Hocke auf zwei Untergriffen, weil mir der Start aus dem Sitzen unmöglich erschien. Den Wert dieses Untergriffs aus dem Sitzen heraus zu erkennen, war mir damals unmöglich. Mit diesem Start kletterte ich den ersten Abschnitt nach etwa einem Jahr, nachdem ich die optimale Beta gefunden hatte. Dann, in dieser Saison, entweder aufgrund eines Moments der Klarheit oder besonderer Tagesform, gelang mir der Sitzstart und ich verwandelte die Route in das, was ich als die perfekte Version betrachte.
Die erste Hälfte besteht aus totaler Kompression auf rutschigen Griffen. Die erste Schlüsselstelle ist die Bewertung des Untergriffs aus dem Sitzen heraus, die zweite die Verwendung eines flachen Griffs, um die Füße zu bewegen, bevor man sich in den extremeren Abschnitt stürzt. Nach unzähligen Trainingseinheiten, in denen ich die Beta verfeinert und die Ausführung perfektioniert habe, schätze ich diese erste Hälfte auf etwa 8B+ – vielleicht sogar mehr, da ich mehrere 8C-Boulder in weniger Trainingseinheiten geklettert bin.
Die zweite Hälfte war am zeitaufwendigsten – nicht wegen der Beta, da es eigentlich nur eine Option gibt, sondern wegen der schieren Schwierigkeit. Zuerst eine sehr harte Bewegung von einem rutschigen, flachen Griff zu einer winzigen 1,5 Zentimeter breiten Kante unter dem Dach, dann ein Sprung zu einem perfekten Pinch. Und dann erst kommt der extreme Teil: zwei Heel Hooks auf glattem Serpentinit mit extrem geringer Reibung, die linke Hand zu einem Pinch unter dem Dach bewegen. Dabei muss man die perfekte Fersenspannung aufrechterhalten, um nicht wegzurutschen.
Es folgt eine letzte Kompression an einem Untergriff. Sobald man diese hält, ist der schwierige Teil vorbei, aber man kann immer noch fallen, wenn man nicht klar im Kopf ist.
Meiner Meinung nach hat dieser zweite Abschnitt einen Schwierigkeitsgrad von etwa 8C+.

Wie würdest du den Gesamt-Style von Exodia beschreiben? Was macht diesen Boulder einzigartig oder herausfordernder im Vergleich zu anderen Lines, die du geklettert bist?
Elias: Das Hauptmerkmal ist der fast vollständige Mangel an Reibung auf dem Serpentinit – das ist einzigartig. Der Stil ist unglaublich vielfältig und umfasst fast alle Arten von Bewegungen, die beim Bouldern vorkommen: Kompressionen, Crimps, Sloper, Pinches, Toe Hooks, Heel Hooks… Exodia vereint die besten Bewegungen des Outdoor-Kletterns in einem einzigen Boulder. Das ist einer der Gründe, warum ich all die Jahre durchgehalten habe – jede Bewegung ist etwas Besonderes und unglaublich befriedigend auszuführen.

Wann wurde dir klar, dass Exodia nicht nur möglich war, sondern etwas, das du eines Tages tatsächlich senden könntest?
Elias: Nach zwei Jahren wurde mir klar, dass beide Abschnitte lösbar waren. Das bedeutete also, dass auch der gesamte Boulder möglich war. Dennoch konnte ich mir nicht vorstellen, wann ich ihn senden würde. Ich wusste, dass ich es schaffen konnte und begann jede Session in der Erwartung es zu schaffen. Doch jedes Mal lehnte der Boulder mich ab. Als ich es schließlich schaffte, hatte ich ironischerweise aufgehört an den Erfolg zu denken. Ich hatte bereits akzeptiert, dass die Saison vorbei war, und war in Gedanken bereits mit der nächsten beschäftigt. Am 11. November hatte ich zufällig Zeit, war in der besten Form meines Lebens und die Bedingungen waren ideal. Mein Körper wusste alles, mein Verstand hörte auf dazwischenzufunken.
Mit welchen Emotionen ist dein Vorschlag, Exodia mit 9A+ zu bewerten, für dich verbunden? Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl, dass dieser Boulder wirklich ein Schritt über alles andere hinaus sein könnte?
Elias: Die Wahl des Schwierigkeitsgrades war eine äußerst schwierige innerliche Entscheidung. Ich habe überlegt, keine Bewertung abzugeben, aber das hätte bedeutet, dass Exodia mit mir geboren und mit mir gestorben wäre. Vielleicht ja, vielleicht nein – niemand kann das wissen, denn ich habe mich entschieden, Verantwortung zu übernehmen und meinen Vorschlag einzureichen. Was mich zu dieser schwierigen Entscheidung bewogen hat – abgesehen von der Anzahl der Versuche – ist die Tatsache, dass Exodia ohne Frage der schwierigste Boulder ist, den ich je geklettert oder versucht habe.
Natürlich ist das nur meine persönliche Meinung, aber eine andere Bewertung hätte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können. Ich hoffe, dass ihn eines Tages Top-Kletterinnen und Kletterer versuchen und hoffentlich wiederholen werden, um eine konkretere Bewertung abzugeben.
Ob er bestätigt oder herabgestuft wird, ist mir völlig egal – ich habe Exodia nur für mich selbst geklettert. Nicht wegen der Zahl neben seinem Namen oder wegen dessen, was er für andere bedeutet. Sondern weil Exodia immer der wichtigste Erfolg in meinem Leben bleiben wird.

Wie fühlt es sich an, eine Bewertung vorzuschlagen, die noch niemand zuvor abgegeben hat?
Elias: Was soll ich sagen – ich bin mit mir im Reinen. Natürlich denke ich oft über die Bewertung nach, die ich Exodia gegeben habe, aber meine Überzeugung bleibt unverändert. Ich verstehe und akzeptiere alle Kritikpunkte rund um diese Bewertung, aber sie beeinflussen meine Entscheidung nicht. Ich habe keine Angst vor Kritik – sie ist lediglich eine zusätzliche Motivation für zukünftige Projekte.
Wie interpretierst du persönlich den Unterschied zwischen 9A und 9A+? Sind es die Bewegungen, die Länge, der Stil, die Komplexität oder etwas anderes?
Elias: Das ist schwer zu sagen, es ist sehr subjektiv. Aber mir ist eine Sache aufgefallen: viele aktuelle 9A-Boulder haben in der Regel einen 8B-Abschnitt und einen 8C-Abschnitt – manchmal nach Bewegungen, manchmal nach Sequenzen unterteilt. Exodia hat einen 8B+-Abschnitt und einen 8C+-Abschnitt. Es musste also noch etwas mehr sein. Dieses »Etwas« ist meiner Meinung nach der vorgeschlagene Schwierigkeitsgrad – obwohl nur die Zeit und zukünftige Wiederholungen dies bestätigen können.
Gab es entscheidende Momente, in denen dein Selbstvertrauen gewachsen ist – oder zusammengebrochen ist? Wie bist du damit umgegangen?
Elias: Ich habe immer daran geglaubt, dass ich den Boulder schaffen kann. Ich habe diesen Glauben nie verloren. Ich wurde zwar oft entmutigt, das ist wahr – aber irgendwie ist die Flamme in mir nie erloschen. Sie wurde zwar schwächer, aber sie ist nie ganz ausgegangen, und am Ende jeder Saison ist sie wieder entflammt. Ich habe oft daran gedacht, aufzugeben. Aber wie ich bereits gesagt habe, bin ich extrem ausdauernd und hätte es wahrscheinlich so lange versucht, bis mein Körper nicht mehr mitgemacht hätte.
Nach einer vierjährigen Reise mit 211 Sessions – wie geht es nun weiter? Brauchst du eine Pause oder hast du bereits ein neues großes Projekt im Sinn?
Jetzt werde ich mir etwas Zeit nehmen, um zu trainieren und eine Reise nach Fontainebleau zu genießen, mit dem Ziel, so viele Klassiker wie möglich zu klettern und mich wieder auf die pure Freude am Klettern zu besinnen. Und dann werde ich mir auf jeden Fall »Soudain Seoul« ansehen.
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Credits: Titelbild: Paolo Marengo / La Sportiva

