Franco Cookson gehört zu den erfahrensten Trad-Kletterern seiner Heimat Großbritannien. Im Norden Schottlands hat der 32-Jährige jetzt die potenziell erste E12/7a des Landes etabliert. Wir haben mit ihm gesprochen.
Mit der Erstbegehung von »But Nothing is Lost« (E12/7a) hat der britische Trad-Spezialist Franco Cookson eine schwere, aber auch nicht ungefährliche neue Route vorgelegt. Die Linie liegt am 764 Meter hohen Ben Loyal, der auch als »Queen of Scottish Mountains« bezeichnet wird. Vier Jahre hatte Cookson in das Projekt investiert.
Die erste E12 Großbritanniens?
Sollte sich Cooksons Vorschlag zur Schwierigkeit halten, wäre es die erste Route in diesem Grad in ganz Großbritannien. Weltweit gibt es bisher nur eine einzige bestätigte E12: »Bon Voyage« in Annot, etabliert von James Pearson im Jahr 2023. Wir haben mit Franco Cookson über die Erstbegehung gesprochen – und auch darüber, welche Rolle der Risiko-Faktor bei gefährlichen Routen für die Bewertung spielt.
»Ein großer Teil der Route ist Gelände, in dem man nicht fallen darf«
Franco Cookson im LACRUX-Interview
Herzlichen Glückwunsch zur Erstbegehung von »But Nothing is Lost«! Warum hast du dir vor vier Jahren ausgerechnet diese Linie ausgesucht?
Franco Cookson: Ich habe mich in ganz Großbritannien und Europa nach vertikalen Wänden und Platten umgeschaut – die sind nämlich ziemlich selten. Über Simon Nadin habe ich dann einen Tipp von Robbie Phillips bekommen. Es ging um eine der besten Felswände Großbritanniens, gelegen an einem der schönsten und abgelegensten Bergen in Schottland. Das musste ich mir natürlich anschauen.

Wo liegt die Route genau?
Franco Cookson: Auf den letzten Metern des schottischen Festlands, also wirklich weit oben. Selbst nach der Fahrt läuft man noch zwei Stunden zum Fels. Als wir zum ersten Mal dort waren, gab es nichtmal einen Pfad. Zum Glück ist die Steigung einigermaßen in Ordnung, und das Moor dort ist für schottische Verhältnisse auch nicht das schlimmste.
Eine abgeschiedene Kingline – ein Traum für jeden Kletterer.
Franco Cookson: Ja, aber die Lage hat auch einen Nachteil. Das Wetter ist in Schottland generell ziemlich schlecht, aber so weit im Norden kommt der Frühling sehr spät. Selbst wenn das Wetter am Fuß des Bergs gut ist, liegt der Gipfel oft noch komplett in den Wolken. Die Saison ist also ziemlich kurz – dieses Jahr gab es weniger als zehn Tage, an denen man überhaupt dort klettern konnte. Letztes Jahr waren es rund 30 Sessions. Es ist ein bisschen wie Lottospielen.
Wie viele Tage pro Saison man hier bekommt, ist ein bisschen wie Lottospielen.
Franco Cookson
Was waren die größten Herausforderungen für dich während des Projekts?
Franco Cookson: Die Logistik und das Wetter waren auf jeden Fall das Schwierigste. Weil die Route in einem Moor-Gebiet liegt, musst man auch aufpassen, sich nicht mit Lyme-Borreliose anzustecken – das ist mir 2024 passiert. Spät in der Saison können die Stechmücken dort unerträglich werden. Außerdem war es schwierig, Partner für das Projekt zu finden. Um dort oben neue Routen zu erschließen, muss man wochenlang allein das schlechte Wetter aussitzen.
Und in der Route?
Franco Cookson: Die Wand ist sehr komplex und hat wenig offensichtlichen Linien. Man braucht also ziemlich viel Erfahrung darin, den Weg des geringsten Widerstands zu finden. »But Nothing is Lost« verläuft fast genauso weit nach links wie nach oben, deshalb ist sie auch so mühsam auszubouldern. Tatsächlich hatte ich es aus genau diesem Grund nie geschafft, die ganze Route im Top Rope Solo am Stück zu klettern.
»But Nothing is Lost«
Erstbegehung: Franco Cookson, 2026
Fels: Granit
Länge: 35 Meter
Seillängen: 2 (E12, E5)
Stil: kleingriffige Leisten & Fingerlöcher
Absicherung: Micro-Cams & Skyhooks
Du hast über eine Sequenz der Route gesagt: »Wenn hier die Absicherung versagt, bist du tot.« Wie gefährlich ist »But Nothing is Lost« wirklich?
Franco Cookson: Es gibt ungefähr sieben Abschnitte, in die man die Absicherung der Route unterteilen kann. Abschnitt 1 und 3 sind absolute No-Fall-Zonen. Abschnitt 2 (die Crux) und Abschnitt 6 sind dagegen ziemlich gut abgesichert – jeweils mit einem guten Cam davor. Die Abschnitte 4, 5 und 7 sind wiederum unangenehm riskant. Bei einem Sturz ist der Ausgang ungewiss.
Ein großer Teil der Route ist Gelände, in dem man nicht fallen darf – aber es ist keineswegs ein Free Solo.
Franco Cookson
Franco Cookson: Das entscheidende Stück Absicherung – ein Skyhook – kommt nach Abschnitt 3. Und ja: Wenn der nicht hält, ist ein Sturz in den Abschnitten 4 und 5 genauso tödlich wie in Abschnitt 1 und 3. Ein großer Teil der Route ist also tatsächlich Gelände, in dem man nicht fallen darf. Ein Free Solo ist es aber sicherlich nicht.

Du hast die Schwierigkeit E12 vorgeschlagen – in der Trad-Szene eine ganz schöne Ansage. Wie kamst du dazu?
Franco Cookson: Die Route bringt etwas Neues mit: Sie verbindet hochtechnisches Klettern mit einem erheblichen Gefahrenniveau und ist gleichzeitig extrem anhaltend. Man kann also nicht einfach irgendwo innehalten und überlegen, ob man sich das jetzt traut oder nicht. Ich musste alle Entscheidungen und Möglichkeiten im Voraus durchdenken, bevor ich losgeklettert bin.
Man kann nicht irgendwo innehalten und überlegen: Traue ich mich das jetzt?
Franco Cookson
Welche Rolle hat die Gefahr der Route für deinen Bewertungsvorschlag gespielt?
Franco Cookson: Den Grad E12 gibt es eigentlich kaum ohne ein erhebliches Gefahrenelement – außer die Kletterei wäre wirklich 9b+ oder so. Heikel abgesicherte Routen können klettertechnisch ziemlich leicht sein und trotzdem riesige E-Grade bekommen. Ein Beispiel: Die Route »Indian Face« (E9/7c) in meiner aktuellen Heimat Wales ist sehr schwer zu begehen, aber soll im Toprope wohl nur 7b+ sein.
Franco Cookson: Ich denke, »But Nothing is Lost« hat einen ähnlichen Stil. Sie ist sportklettertechnisch vielleicht einige Grade härter als »Indian Face«, aber für heutige Maßstäbe keine Kletterei, die absurd physisch anspruchsvoll ist. Es geht hauptsächlich darum, wie sehr du deinen Füßen auf wirklich schlechten Reibungstritten vertraust – und das auf mehr als 84 davon.
Letzte Frage: Wie bist du zum Tradklettern gekommen?
Franco Cookson: Ich bin in North York aufgewachsen, einer sehr ländlichen Gegend mit vielen kleinen Felsen. Als Kinder sind wir in Steinbrüchen herumgekraxelt und auf Bäume geklettert. Richtiges Klettern und die Kultur dahinter habe ich erst als Teenager so richtig verstanden. Jungs wie Luke Hunt oder Ian Jackson haben mich meine ersten VS- bis E3-Routen hochgetrieben. Danach haben wir unsere Region immer weiter erschlossen, die damals noch kaum entwickelt war. Tradklettern war also von Anfang an da – Sportklettern haben wir erst später entdeckt, als wir zur Uni gegangen sind.
Über Franco Cookson
Herkunft: North York, Großbritannien
Alter: 32 Jahre
Begehungen:
Trad: »Nothing Lasts« (E11) FA, »Immortal« (E11) FA, »Hold Fast, Hold True« (E10), »The Sandman« (E10)
Sport: »The Meltdown Direct« (9a+) FA, »The Dewin Stone« (9a+) FA, »The Meltdown« (9a)
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Credits Titelbild: BRITROCK Films

