Emma Twyford kletterte am 17. September 2019 mit Big Bang am Lower Pen Trwyn in Nordwales als erste Britin eine 9a-Route. Wir sprechen mit ihr über ihren Bezug zu den heimischen Klettergebieten und den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das Verhalten von Kletterinnen und Kletterern.

Ein Gespräch mit Emma Twyford

Wie bist du zum Klettern gekommen?
Im Alter von sieben Jahren begann ich mit meinem Vater und seinen Freunden zu klettern – zu Beginn traditionelles Klettern im Lake District. Ich habe mich sofort in die Herausforderungen und die Anmut des Kletterns verliebt. Ich kletterte mal mehr und mal weniger.

Doch als ich mir im Alter von 17 Jahren das Pfeiffersche Drüsenfieber zuzog, gab ich das Klettern für ein Jahr auf, um mich auf die Schule zu konzentrieren. Es hat lange gedauert, bis ich meine Leidenschaft für das Klettern wiederfand und meinen Fokus wiedererlangte.

Der Schlüssel dafür war für mich, das Wettkampfklettern aufzugeben und zur Natur zurückzukehren.

Die meisten der wichtigsten Errungenschaften in deiner bisherigen Kletterkarriere hast du im UK erzielt. Warum ist das so? Haben britische Felsen eine besondere Anziehungskraft auf dich?
Da gibt es einige Faktoren, der vielleicht einfachste ist Zeit. Aus beruflichen Gründen kann ich nicht ständig für längere Zeiträume unterwegs sein. Aber ich habe natürlich auch eine Liebe zum UK-Klettern entwickelt.

Hier bin ich aufgewachsen, und mein Herz gehört den hiesigen Bergen.

Das Klettern in Großbritannien hat eine so reiche Geschichte, die man einfach bewundern muss – insbesondere die mutigen Erstbegehungen. Die Klettergebiete sind vielleicht nicht immer wild und abgelegen und es gibt auch keine überwältigenden alpinen Landschaften, aber die Vielfalt des Kletterns, die wir im UK haben, ist wirklich unglaublich.

Bild Ray Wood

Ich liebe es, für das zu werben, was wir vor unserer Haustür haben, und halte es für wichtig, dass wir es nicht als selbstverständlich ansehen. Ja, wir können hier schreckliches Wetter haben, aber wir müssen nicht ins Ausland reisen, um unglaubliche Erfahrungen zu machen. 

Die Bezwingung von „Big Bang“ und der Film, der darauf folgte, stellen große Momente in deiner Karriere dar. Glaubst du, dass das Auswirkungen gehabt hat, und wie fühlst du dich dabei, außerhalb der britischen Kletterkreise derart anerkannt zu werden?
Schwer vorstellbar, dass dies keinen Einfluss auf meine Karriere hatte. Ich hoffe, es bedeutet ein wenig mehr Freiheit, um die Ziele und Träume zu verfolgen, die ich jetzt habe, aber wir stehen mit COVID und den Nachwirkungen vor schwierigen Zeiten. Ganz zu schweigen vom Klimawandel.

Grundsätzlich sind Kletterprojekte und Erfolg im Großen und Ganzen ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den Problemen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind.

Für mich war die Begehung der Route Big Bang (9a) eine sehr persönliche Reise, und es fällt mir immer noch schwer, all die Emotionen zusammenzufassen, die der Erfolg eines großen Projekts mit sich bringt.

Außerhalb der britischen Kletterkreise anerkannt zu werden, ist schön, aber ich habe es nicht getan, um Bestätigung oder Anerkennung von anderen zu erhalten.

Alles, was mich wirklich interessiert, ist, dass es meine Grundwerte nicht verändert hat, und die Anerkennung, die mir am meisten am Herzen liegt, kommt von Familie und Freunden, die mir die Welt bedeuten.

Trailer zum Film The Big Bang

In der britischen Kletterszene giltst du als ziemliche Koryphäe. Wie fühlt es sich an, in einer solchen Gemeinschaft eingebunden zu sein?
Es fühlt sich so surreal an, im Rampenlicht zu stehen und eine Rolle in der britischen Klettergeschichte gespielt zu haben. Ich bin ziemlich introvertiert, bis ich Leute kennen lerne, deshalb finde ich es manchmal schwierig, aber ich versuche auch sehr gerne, Menschen zu inspirieren und zu motivieren. Deshalb liebe ich es, zu coachen und Gespräche zu führen – auch wenn ich nervös werde

Wenn ich nur eine Person dazu inspirieren kann, über das hinauszugehen, was sie für möglich gehalten hat, dann ist es mir das wert.

Ich hoffe, dass die Leute durch mein Engagement in der britischen Community erkennen, dass ich ein ganz normaler Mensch wie jeder andere bin, der hart für seine Ziele arbeitet.

Bild Ray Wood

Hast du über kurz- oder langfristige Kletterprojekte anderswo in Europa nach?
Ich habe einige in der Planung, aber nicht für dieses Jahr, weil ich es nicht riskieren will. Ich kann mir vorstellen, dass nicht alle von ihnen verwirklicht werden, aber ich hoffe, dass ich einige von ihnen realisieren kann. 

Ich würde gerne die Verdonschlucht besuchen – eine meiner Traumrouten dort ist Tom et Je Ris – aber auch einige der spektakulären Mehrseillängen-Klettertouren möchte ich ausprobieren.

Eine weitere Traumroute ist Paciencia am Eiger, an die ich schon seit einigen Jahren denke.


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Ich habe auch Sportkletterziele, vielleicht wieder nach Oliana oder zum Céüse. Ich würde diese Ziele gerne mit minimalen Auswirkungen erreichen oder längere Reisen daraus machen, damit sich die Reise lohnt. Es widerstrebt mir, nur dafür hin- und zurück zu fliegen.

Die Pandemie hat die Reisepläne vieler Kletterer in diesem Jahr zunichte gemacht. Hat dies die Art und Weise verändert, wie du die Ziele in der Nähe deiner Heimat betrachtest, und glaubst du, dass andere Kletterer vergleichbare Erfahrungen gemacht haben?
Ich hoffe, dass COVID unsere Denkweise verändert hat. Es ist die Art, wie Mutter Natur eine große Alarmglocke läutet, um uns zu sagen, dass wir den zerstörerischen Weg, auf dem wir uns befinden, ändern müssen. Es gibt bereits genügend Warnsignale.

Ich nehme an, dass die meisten meiner Ziele immer in der Nähe meiner Heimat lagen, und ich bin froh, diesen Weg weitergehen zu können.

Auch vor unserer Haustür können wir große Abenteuer erleben.

Es ist deshalb so schwer, weil es zum Klettern gehört, Orte in der Wildnis zu erkunden, und eingesperrt zu sein, ist für viele von uns nicht natürlich, aber wir können uns daran gewöhnen, das Beste aus dem zu machen, was wir haben – auch wenn es nicht mehr das ist, was wir einmal hatten. 

Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, in der unsere Freiheit, abgelegene Orte zu erkunden, eingeschränkter sein wird, wenn wir den Klimawandel verlangsamen wollen. Das bedeutet nicht, dass wir uns einschränken müssen, es kann nur bedeuten, dass wir unserer Leidenschaft auf eine andere Art und Weise nachgehen.

Bild Ray Wood

Vielleicht besteht das nächste große Abenteuer darin, die Gegenden unserer Heimat zu erkunden, in denen wir noch nie gewesen sind, um das zu schätzen, was wir vielleicht immer für selbstverständlich gehalten haben. 

Ich glaube, dass viele Kletterer mit der Situation zu kämpfen hatten; ich kenne einige, die eine Pause eingelegt, ihre Ziele geändert und mehr darüber nachgedacht haben, wie wir verantwortungsvoll das tun können, was wir lieben.

Für mich brachte der Lockdown eine dringend benötigte Pause vom Klettern.

Ich habe nicht viel trainiert, sah es aber als eine Gelegenheit, mich zu erholen und mich auf das Erlernen neuer Fähigkeiten zu konzentrieren.

Kürzlich hast du dich der Bewegung „A-C-T for our Summits“ angeschlossen. Erzähl uns bitte, worum es geht und wie du dazu gekommen bist?

A-C-T for our Summits wurde kürzlich von den Kletterern Arnaud Petit und Christophe Dumarest mit dem Ziel gegründet, unsere Auswirkungen nach Maßgabe der Weltklimaberichte jährlich um 10 Prozent zu reduzieren. Für mich war es keine schwierige Entscheidung, mich dort zu engagieren. Ich bin mir sehr darüber sehr bewusst, dass wir als Kletter-Community nicht mehr auf demselben zerstörerischen Pfad weitergehen können.

Als gesponserte Athleten haben wir die Verantwortung, verantwortungsbewusster zu sein und unseren Einfluss zu nutzen, um andere zu ermutigen, das Gleiche zu tun. Das bedeutet, dass wir alles auf den Prüfstand stellen müssen, also die Art, wie wir reisen, die Lebensmittel, die wir essen, bis hin zur Kleidung, die wir tragen. Um die Orte, die wir lieben, zu schützen, müssen wir uns fragen, ob wir wirklich neue Dinge brauchen oder ob unsere Ausrüstung repariert werden kann.

Wir sollten uns auch fragen, ob wir für unseren Sport reisen müssen oder ob wir vor unserer Haustür tolle Klettertouren finden können. Meiner Meinung nach ist es wichtig, die richtige Balance zu finden. Für einige wird es unmöglich sein, auf das Reisen zu verzichten. Aber wir müssen bei der Auswahl von Projekten und bei der Organisation der dafür notwendigen Reisen auch die entsprechenden Auswirkungen auf die Umwelt berücksichtigen.

Im Grunde genommen geht es darum, die Art und Weise zu verändern, wie wir unsere Geschichten erzählen. Wenn wir es aufs Wesentliche reduzieren, dann geht es beim Klettern doch nur um dieses Stück Fels. Wir klettern mit großer Leidenschaft, können dabei aber sehr egoistisch sein. Statt uns auf die Schwierigkeitsgrade zu konzentrieren, sollten wir die natürliche Schönheit dieses Sports genießen – uns Zeit nehmen, um die Reise, die Kultur, die Flora und Fauna zu erleben – und für all dies dankbar sein.

Niemand ist perfekt, aber es ist nie zu spät, besser zu werden. Wenn wir andere dahingehend beeinflussen können, dass sie in Zukunft positive Veränderungen vornehmen – und diese Veränderungen selbst vorleben – dann ist das ein guter Anfang.

In diesem Jahr wurdest du Botschafterin für Patagonia. Wie wirkt sich die Zugehörigkeit zum Unternehmen auf dein Denken in allgemeineren Umweltfragen aus?
Ich freue mich, Teil eines Unternehmens zu sein, das sich um die Umwelt und andere wichtige Themen außerhalb des Kletterns kümmert. Ich habe einige sehr gute Freunde, die in der Meeresforschung arbeiten, weshalb wir dazu neigen, lange Gespräche über den Klimawandel zu führen.

In meinen 20er Jahren, und vielleicht etwas naiv, habe ich mich immer gefragt, wie eine Person Veränderungen herbeiführen und große Unternehmen beeinflussen könnte. Aber dann schaut man sich Yvon Chouinard (den Firmengründer von Patagonia, Anm. d. Redaktion) oder Greta an, und das ist genau das, was sie getan haben. 

Wie denkst du als Kletterin angesichts von Faktoren wie COVID und den Realitäten des Klimawandels über die Reisen, die du für das kommende Jahr planst?
Das ist schwierig zu beantworten, weil es immer potenzielle Gelegenheiten gibt, die schwer abzulehnen sind. Es ist wichtig, diese Reisen sowie deren Dauer und das Potenzial dieser Reisen abzuwägen. Als Kletterer gehen wir unserer Leidenschaft nach; manchmal ziemlich egoistisch, indem wir um die ganze Welt reisen, um zu klettern. 

Als Kletterin mit einem gewissen Einfluss muss ich verantwortungsbewusst über die Botschaft nachdenken, die ich vermitteln möchte, und darüber, was die Reise bedeutet: Wenn wir weiterhin überall für Kurztrips hinfliegen, ist das wirklich in Ordnung? Ich bin mir nicht sicher, ob das so ist. 

Wenn ich mich auf einen Flug pro Jahr beschränken und dann andere Reisemöglichkeiten nutzen kann, wie zum Beispiel die Bahn, dann wäre das eine Verbesserung. Ich versuche, meine Reisen jetzt zu planen und die Zeit, die mir zur Verfügung steht, so gut wie möglich zu nutzen, z. B. indem ich bestimmte Projekte miteinander verknüpfe, so dass meine Reisen auf ein Minimum begrenzt sind. Das ist nicht der einzige Faktor, den wir ändern müssen, aber es ist ein Anfang.

Letzte Frage: Kalkstein oder Sandstein. An welchem Gestein kletterst du lieber?
Haha, wenn nur diese beiden zur Auswahl stehen, dann natürlich Kalkstein. Ich habe mit einer schlechten Durchblutung zu kämpfen, die sich nicht gut für einen Winter auf Sandstein eignet, und ich liebe gute Crimps einfach zu sehr.

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Credits: Bildmaterial Bild Ray Wood