Mitte März gelang dem 52-jährigen Italiener mit Panem et Circenses (8c) eine der schwierigsten Free Solo Begehungen der Klettergeschichte. Wir haben mit Alfredo über seine Exploit gesprochen.

Bei der Route Panem et Circenses an der Muro di Pizarra handelt es sich um eine rund 15 Meter hohe und leicht überhängende Route bei Arco. Erstmals rotpunkt geklettert hat Alfredo die Route im Dezember 2019 – damals noch mit Seil. Warum hat sich Alfredo entschieden, die Route free solo zu klettern? Gab es einen heiklen Moment während des Durchstiegs? Wir haben mit Alfredo Webber gesprochen.

Alfredo Webber bei der Free Solo Begehung von Panem Et Circenses an der Muro di Pizarra. (Bild Roni Andres)
Alfredo Webber bei der Free Solo Begehung von Panem Et Circenses an der Muro di Pizarra. (Bild Roni Andres)

Das Gespräch führte Dominik Osswald (ins Deutsche übersetzt von Silvia Gerber)

Warum hat du dich dazu entschieden, eine 8c free solo durchzusteigen?

Mir ging es nicht so sehr darum, eine 8c Route free solo zu klettern, sondern freesolo eine Route an der Pizarra durchzusteigen – eine Wand, deren Ästhetik einzigartig ist. Es gibt auch Leute, die die Bewertung von „panem et circenses“ mit 8c kritisieren, aber das ist mir egal. Die Bewertung ist relativ bei dem Kletterstil, der an der Pizarra vorherrscht. Für mich persönlich bedeutet das Klettern dort (an der Pizarra) mehr als einfach nur klettern; es hat etwas sehr viel Intimeres, fast Asketisches an sich. Es ist wie eine Reise ins eigene Innere, vor allem ohne Seil.

Für mich persönlich bedeutet das Klettern an der Pizarra mehr als einfach nur
klettern. Es hat etwas sehr viel Intimeres, fast Asketisches an sich.

Alfredo Webber

War es gefährlich, oder gab es einen schwierigen oder gefährlichen Moment während dem Durchstieg?

Ich würde nicht sagen, dass es gefährlich war, aber sicherlich potenziell riskant. Der Vorteil bei dieser Route ist, dass der Fels eine gute Qualität und eine unglaubliche Festigkeit aufweist. Darum hat man auch grosses Vertrauen in die Griffe und Tritte. Ausserdem hat es in der Route keine dynamischen Züge, die Züge sind alle statisch und kontrolliert auf Leisten. Das ist der Kletterstil, der mir am besten gefällt.

Es gibt einige Stellen in der Route, die heikel zu bewältigen sind. Vom vierten Bohrhacken an kann man nur noch aufwärts klettern und zu fallen wäre dann ziemlich suboptimal. Ich will aber betonen, dass meine Freesolo-Begehung nicht mit den Freesolo-Begehungen von Beat Kammerlander (Mordillo, 8a+) oder jener von Alex Huber (Kommunist, 8b+) verglichen werden sollte. Beide Routen sind als viel gefährlicher einzustufen.

Was ist dir durch den Kopf gegangen, als du die Route free solo durchgestiegen bist?

Ich habe mich nur auf das Klettern konzentriert. Wenn man ohne Seil klettert, ist man viel fokussierter. Man muss präzise und ruhig sein, auch an Passagen, die man mit Seil ohne Probleme bewältigen würde, die dann aber ohne Seil auf einmal nicht mehr so einfach sind. Als ich dann oben war, habe ich den guten Ausstiegsgriff gepackt. Dort angekommen habe ich realisiert, dass ich den Durchstieg geschafft habe und das war ein einzigartiger Glücksmoment.

Mit 52 bist du noch voll fit. Was ist dein Geheimrezept?

Ich habe keine geheimen Rezepte. Ich kann nur sagen, dass man mit Passion, Konstanz (im Training), Geduld und Opfern auch noch in meinem Alter gute Resultate erzielen kann. Natürlich braucht es auch etwas Glück; in den 35 Jahren, in denen ich geklettert bin, habe ich nie (verletzungsbedingte) Probleme mit den Fingern oder den Sehnen gehabt. Bei einem Durchstieg wie dem meinen zählt aber mehr die mentale Einstellung und die Selbstkontrolle, die physische Vorbereitung ist eher sekundär. Was mir aber sicherlich geholfen hat, ist mein Gewicht (ich wiege 56 kg bei einer Grösse von 162 cm).

Kannst du dich noch beim Klettern verbessern? Welches sind deine Pläne für die Zukunft?

Weiterhin mit der gleichen mentalen Einstellung und dem gleichen Enthusiasmus klettern zu können wie als ich 20 Jahre alt war, das ist mein eigentliches Ziel. Die Arbeit, die Familie und das Klettern unter einen Hut zu bringen, das ist im Vergleich zu damals als ich noch keine Verpflichtungen hatte, um einiges schwieriger geworden.

An der Pizarra habe ich noch einige Ideen, die ich gern realisieren würde.

Alfredo Webber

An der Pizarra habe ich noch einige Ideen, die ich gern realisieren würde, aber es wird sich zeigen, ob das was wird. Vor allem muss ich erst meine mentalen Energien wieder neu aufladen. Ansonsten würde ich gern die Route „Pure Dreaming“ (9a) durchsteigen (mit Seil versteht sich), die Route habe ich im 2017 im Pueblo (Arco) eingerichtet. Diese Route ist mein „schwarzes Schaf“; ich habe bereits mehr als 300 Versuche investiert.

Die Route Pure Dreaming ist mein „schwarzes Schaf“. Ich habe bereits mehr als 300 Versuche investiert.

Alfred Webber

Wahrscheinlich wird es bei einem Traum bleiben, aber das gehört dazu. Man muss auch die eigenen Grenzen respektieren. Welchen Ratschlag willst du den jungen Kletterern mit auf den Weg geben? Den Jungen kann ich nur sagen, folgt euren Träumen, auch wenn es den Anschein hat, dass sie nicht realisierbar sind. Und verschiebt eure Träume nicht auf einen späteren Zeitpunkt, wenn ihr sie heute realisieren könnt. Eins meiner Lieblingssprichwörter besagt, dass der Weg das Ziel ist.

baechli