Am Mittwoch, 24. November 2021 gelang Jacopo Larcher die erste Wiederholung der Trad-Route Into the Sun im Murgtal. Erstbegangen wurde die Route von Bernd Zangerl vor vier Jahren.

Ein persönlicher Bericht von Jacopo Larcher

Nach der Expedition nach Pakistan hatte ich das Bedürfnis, mich auf Einseillängenrouten und Boulder zu konzentrieren, zumindest für ein paar Monate. Kein Jogging, keine langen Tage in den Bergen. Nur Fels und (für mich) schwierige Kletterzüge.

In jüngster Zeit hat mich insbesondere das Entdecken unterschiedlicher Aspekte des Tradkletterns gereizt. Innerhalb der gleichen Disziplin existiert eine Vielzahl unterschiedlicher, teils gegensätzlicher Stile, die das Tradklettern für mich so spannend machen.

Als ich von Bernd Zangerls Erstbegehung der Route Into the Sun im Jahr 2017 gelesen habe, wurde ich neugierig. Es schien, als sei die Route anders als alle Tradrouten, die ich bisher probierte oder sah, was mich ungemein motivierte, mir die Route anzuschauen. Mir taugt es – und ich denke es ist wichtig – andere Erstbegehung anzuschauen und zu probieren. Es ist inspirierend und erfrischend, die Vision anderer zu erleben, womöglich aus der eigenen Komfortzone herauszutreten und offen für neue Möglichkeiten zu sein. Jeder sieht etwas anderes, wenn er vor einer Wand oder einem Block steht und hat andere Herangehensweisen. Diese Vielfalt bringt unseren Sport und uns selbst weiter.

Jacopo Larcher vor dem Block mit der Tradroute Into the Sun. (Bild Andrea Cossu)
Jacopo Larcher vor dem Block mit der Tradroute Into the Sun. (Bild Andrea Cossu)

Diesen Herbst habe ich mich dann endlich entschieden, ins Murgtal zu fahren und die Route von Bernd zu probieren. Es war ehrlich gesagt mein erster Besuch des Murgtals und ich war unglaublich beeindruckt von der Ruhe und der Schönheit dieses Tals. Der scharfe Fels ist nicht das, was du dir zum Klettern wünschst, aber die Natur und die Ruhe machen diesen Ort zu etwas Besonderem.

Die Tradroute Into the Sun befindet sich an einem gigantischen Block, an dem es zahlreiche Boulderlinien gibt, und verläuft komplett von ganz rechts unten bis ganz links oben. Eigentlich ist Into the Sun eine Ausstiegsoption des Boulders Very Important Papagei, der bei einem eingebohrten Stand endet.

Der Ausstieg der Route Into the Sun. (Bild Andrea Cossu)
Der Ausstieg der Route Into the Sun. (Bild Andrea Cossu)

Nachdem man die Bolts des Standes auslässt, traversiert man nach links zu einem offensichtlichen Riss und steigt auf der anderen Seite des Boulders aus. Dieser letzte Abschnitt ist auch schon als Highball mit einem anderen Start geklettert worden. Die Kletterei ist einfach, aber der Fels ist oft feucht und scheint nicht immer solide zu sein, weshalb für mich das Absichern mittels mobilen Sicherungen mehr Sinn macht.

Nach der ersten Session in der Route hatte ich ein gutes Gefühl, denn ich konnte das lange Boulderproblem in zwei Abschnitten klettern. Die letzten Züge des Boulderproblems jedoch wurden zur Herausforderung, ich musste mehrere Sessions und viel Energie investieren.

Nicht nur klettertechnisch war die Route eine Herausforderung. (Bild Andrea Cossu)
Nicht nur klettertechnisch war die Route eine Herausforderung. (Bild Andrea Cossu)

Ganz abgesehen von der klettertechnischen Schwierigkeiten waren die Bedingungen eine besondere Herausforderung. Aufgrund des Nebels waren die Startgriffe und -tritte meist feucht und so kletterte man den Rest der Route meist mit nassen Kletterschuhen und Händen. Die regelmässigen Einsätze als Routenbauer liessen es oft nicht zu, spontan ins Murgtal zu fahren, wenn die Bedingungen passten. Aber das motivierte mich umso mehr, das Maximum aus den Tagen herauszuholen, an denen ich die Route projektieren konnte.

„Ganz abgesehen von der klettertechnischen Schwierigkeiten waren die Bedingungen eine besondere Herausforderung.“

Jacopo Larcher

Nachdem ich mehrfach am letzten schwierigen Zug stürzte, gelang mir am Tag vor dem grossen Schneefall – und damit dem Ende der Saison, die Begehung im ersten Versuch. Bei perfekten kalten Bedingungen. Es war ein absolut geniales Gefühl. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich den letzten Abschnitt mit mobilen Absicherungen kletterte, denn meine Finger waren komplett taub und ich fühlte absolut nichts mehr in den Fingern, als ich den letzten Mantle machen musste.

Highball oder Tradroute? Beeindruckende Vision! (Bild Andrea Cossu)
Highball oder Tradroute? Beeindruckende Vision! (Bild Andrea Cossu)

Nun fragen mich alle, ob Into the Sun ein Highball Boulder oder eine Tradroute sei. Wie kann das bestimmt werden? Für mich persönlich stellt sich eine andere Frage. Müssen wir allem und jedem einen Namen geben und es in eine Schublade einordnen? Ich finde nicht!

Für mich ist Into the Sun die Vision von Bernd Zangerl, diese Linie auf seine Art zu klettern. Es war sein Ansatz, sich selbst herauszufordern und den Weg zurück zum Klettern zu finden, nachdem er lange mit einer Verletzung zu kämpfen hatte, für die ihm die Ärzte prognostizierten, dass er nie mehr wieder klettern werde.

„Es war Bernd’s Ansatz, sich selbst herauszufordern und den Weg zurück zum Klettern zu finden.“

Jacopo Larcher

Er überwand diese riesige Herausforderung für sich selbst und schaffte eine neue Herausforderung für alle. Ich nahm die Herausforderung an, fand sie verdammt hart und genoss den Prozess in vollen Zügen. Meiner Meinung nach ist genau das, wofür Klettern stehen sollte. Ein anderer hätte die Route gebohrt, gechippt, wieder ein anderer hätte sie free solo geklettert oder vielleicht auch gar nicht geklettert.

Bernd Zangerl bei der Begehung von Into the Sun

Ich finde, Bernd hat es im genau richtigen Stil gemacht, so wie auch ich die Route geklettert wäre, wenn es meine Erstbegehung gewesen wäre. Die einzige Sache, die ich anders gemacht hätte, ist der Start. Meiner Meinung nach hätte es mehr Sinn gemacht, die Route stehend zu beginnen, statt die schwierigen Züge zu Beginn hinzuzufügen. Aber einmal mehr: Das ist genau das geniale am Klettern, jeder sieht eine Linie anders. Danke Bernd für dieses Erlebnis in der Route und für dich Erstbegehung. Und danke Babsi, Mauro, Andrea und Michi für die Unterstützung. Ohne euch wäre es nicht möglich gewesen.

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Credits: Titelbild Andrea Cossu

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