Trotz Stürmen, Schneefall und tagelangem Ausharren in der Wand gelingt der 33-jährigen US-Kletterin als erster Frau die freie Begehung der Platinum Wall, der längsten freien Linie des El Capitan im Yosemite Valley. Von den 39 Seillängen liegen 23 im Grad 7b und sechs im Grad 8a+, was die Route zu einem der anspruchsvollsten Big-Wall-Projekte der Welt macht.
Sasha DiGiulian
Sie glaubte daran, dass sie es schaffen könnte, und sie schaffte es….!!!!!
Erst die vierte freie Begehung der anspruchsvollen Linie
Die Platinum Wall – auch bekannt als »Direct Line« – misst beeindruckende 914 vertikale Meter und verläuft durch eine weitgehend strukturlos erscheinende Wandzone. Drei Jahre lang bereitete sich DiGiulian auf dieses Abenteuer vor. Gemeinsam mit Elliot Faber, der die Route zusammen mit Rob Miller befreit hatte, projektierte sie vor ihrem Versuch Schlüsselsequenzen, arbeitete an der Team-Effizienz und optimierte die Logistik für ihren langen Aufenthalt in der Wand. Am zweiten November startete die Profiathletin in das große Projekt.
Sasha DiGiulian
Seit ein paar Jahren versuche ich mich an dieser Linie am El Capitan – eines dieser großen, beängstigenden, gewagten Ziele, das mich schon beim bloßen Gedanken daran einschüchtert.

Enormes Durchhaltevermögen – Trotz Stürmen, Schneefall und Sturzbächen
Ursprünglich hatte DiGiulian mit etwa zwei Wochen in der Wand gerechnet. Doch nach 32 Seillängen stoppten massive Schneestürme das Team etwa 240 Meter unterhalb des Gipfels. Neun volle Tage verbrachte sie in ihrem Portaledge. Obwohl sich das Kondenswasser jeden Morgen in ihrer kleinen Unterkunft in der Wand sammelte und um sie herum Sturzbäche tobten, ist die Amerikanerin positiv geblieben. Während der Tage des Wartens stand sie in Kontakt mit Alex Honnold und Tommy Caldwell, die die Linie früher in der Saison geklettert waren. »Super cool, dass wir immer noch hier sind!« Schrieb sie an die beiden und weiter »Es ist KALT und super nass hier oben…ich hoffe wir haben das schlimmste hinter uns […] Die Sonne gibt uns Hoffnung.«
Sasha DiGiulian
Jede Seilläge hat mir etwas Neues beigebracht
Selbst nachdem sich die Stürme gelegt hatten und die Sonne zurückkehrte, floss weiterhin Wasser vom Gipfel herab und machte die verbliebenen Seillängen und damit auch die verbliebenen Crux-Passagen nass. Trotz dieser Bedingungen hielt DiGiulian durch und bewältigte alle Schlüsselstellen im Vorstieg. Mit Passagen bis in den 8. Grad gilt die »Direct Line« als die wohl anspruchsvollste Linie am legendären El Capitan. »Ich erinnere mich an jedes Mal, wenn ich El Cap geklettert bin, dass es am Gipfel steiler wird und man viel mehr geben muss – man muss El Cap viel opfern, um den letzten Tribut für den Abstieg zu zahlen«, so erschließer und Erstbegeher Rob Miller über seine Linie. »Ich habe sie immer angefeuert und wollte, dass sie Erfolg hat«, erzählt er weiter.
Am 26. November zahlte sich ihre Beharrlichkeit dann endlich aus und sie stand mit wunden Fingern, aber überglücklich am Gipfel des El Cap.

Die ersten freien Begehungen der Platinum Wall
Die Platinum Wall wurde zwischen 2009 und 2017 von Rob Miller und einigen Kletterpartnern als die längste freikletterbare Linie des El Capitan erschlossen. Zwischen 2013 und 2015 war auch DiGiulians Kletterpartner, Elliot Faber, an dem Projekt beteiligt. Miller und Faber versuchten sich noch in 2015 an der Erstbegehung der Route, scheiterten jedoch. 2017 gelang es Miller und dem Schweizer Roby Rudolf die Platinum Wall erstmals frei zu klettern. Die Deutschen Tobias Wolf und Thomas Hering schafften die zweite freie Begehung im Jahr 2018 und Alex Honnold und Tommy Caldwell kletterten die Route in 2025 kurz vor DiGiulians Versuch.
Miller beschreibt die Linie als »anders als alles, was ich je im Valley geklettert bin.« Während andere freie Routen am El Cap vor allem Risssystemen folgen, verläuft die Platinum Wall größtenteils durch scheinbar leere Wandabschnitte.

Big Wall Queen DiGiulian
Die 33-jährige Sasha DiGiulian gehört seit Jahren zu den prägendsten Athletinnen des Sportkletterns. Als Weltmeisterin in der Gesamtwertung und zehn Jahre lang ungeschlagene Siegerin der Panamerikanischen Meisterschaften spielt sie schon lange ganz oben mit. 2011 kletterte sie im Red River Gorge als erste Frau eine 9a. Seither hat sie über 50 Routen im oberen 8. Grad gemeistert und mit der Canadian Big Wall Trilogy – War Hammer am Castle Mountain, The Shining Uncut am Mount Louis und Blue Jeans Direct am Mount Yamnuska – ein weiteres Ausrufezeichen gesetzt.
Trotz mehreren Hüftoperationen im Jahr 2021 kämpfte sich die Spitzensportlerin immer wieder bis ganz nach oben. Jetzt beweist sie, dass auch die härtesten Big Wall Linien vor ihr nicht sicher sind. »Es ist die stolzeste Linie meiner Karriere«, so DiGiulian über ihren neusten Coup.

Das könnte dich interessieren:
- Film-Tipp: Vom Wunderkind zur Weltklasse-Athletin
- Sasha DiGiulian und Edu Marin wiederholen Mora Mora
+++
Credits: Titelbild: Pablo Durana / Red Bull Content Pool

