Auf den Tag genau viereinhalb Jahre nach seinem schweren Kletterunfall im Yosemite-Valley gelingt dem Schweizer Bergführer und Kletterer Simon Wahli mit Le Voyage (E10, 7a) in Annot seine bislang schwierigste Trad-Route.

Am 13. Mai 2022 punktet Simon Wahli nach drei Tagen auschecken das James-Pearson-Testpiece Le Voyage im Klettergebiet Annot. Es ist die erst fünfte Wiederholung von Frankreichs schwierigster Trad-Linie. Für Simon Wahli hat die Begehung aber auch eine ganz persönliche Bedeutung: Es ist die erste richtig schwierige selbst abzusichernde Route seit seinem Kletterunfall vor viereinhalb Jahren.

„Die Schlüsselstelle war für mich klettertechnisch am Limit, aber die Placements darunter gut.“

Simon Wahli

„Ich hatte seit 2017 nie mehr etwas wirklich Anspruchsvolles probiert, das mich auch mental herausgefordert hat.“ Von dem her sei Le Voyage die perfekte Challenge gewesen, erklärt Wahli: „Die Schlüsselstelle war für mich klettertechnisch am Limit, aber die Placements darunter gut.“

Video: Simon Wahli bei sechsten Begehung von Le Voyage

Geniale Linie, perfekte Kletterei

Die Idee, Le Voyage zu klettern, keimt im März diesen Jahres auf. Auslöser ist das Video von Babsi Zangerls Begehung. „Von diesem Moment an wusste ich, dass ich diese Route eines Tage probieren muss“ erzählt Wahli. Lange muss er sich nicht gedulden. In den Frühlingsferien beschliessen er und Freundin Raphaela spontan, auf dem Weg nach Verdon einen Halt in Annot einzulegen.

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Simon Wahl checkt Le Voyage, die King-Line im Klettergebiet Annot aus. Bild Raphaela Haug

Ein erstes Auschecken am Fixseil verläuft vielversprechend und endet mit dem Prädikat: klettertechnisch machbar. „Le Voyage hat mich richtig gepackt“, schwärmt Simon Wahli. „Die Linie ist genial, die Kletterei perfekt.“ Nach drei Tagen ausbouldern fühlt er sich bereit für den Vorstieg.

„Le Voyage hat mich richtig gepackt. Die Linie ist genial, die Kletterei perfekt.“

Simon Wahli

Kopfkino im Vorfeld

Bevor Wahli jedoch am scharfen Ende des Seils einsteigt, gönnt er seinem Körper einen Ruhetag. Wie so oft vor einer schwierigen Begehung ruht zwar der Körper, nicht jedoch der Geist. Kreisende Gedanken und die geistige Auseinandersetzung mit einer Herausforderung gehörten zur Vorbereitung dazu, sagt Simon Wahli. „Im Vorfeld geht da mental schon einiges ab.“

„Im Vorfeld einer schwierigen Begehung geht da mental schon einiges ab.“

Simon Wahli

Am Tag des Durchstiegs findet der junge Bergführer schnell seinen Rhythmus. Er klettert die ersten leichteren 15 Meter, ein schöner 7a-Riss. Dann zieht Le Voyage links in die kompakte Wandflucht und folgt einem feinen Riss, der sich stellenweise mit mobilen Sicherungsgeräten absichern lässt.

„Beim letzten Rastpunkt habe ich mir richtig Zeit genommen und lange geschüttelt.“ In der Schlüsselstelle selber sei er voll im Flow gewesen und habe nicht viel mitbekommen.

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Le Voyage folgt einem natürlichen Risssystem durch die kompakte Wandflucht. Bild: Raphaela Haug

Hart aber wunderschön

„Für mich war Le Voyage mit Abstand die schönste und auch schwierigste Trad-Route, die ich bisher geklettert bin“, resümiert Simon Wahli. Der von James Pearson ausgegebene Schwierigkeitsgrad E10, 7a sei für ihn schwierig einzuordnen, zumal er mit den britischen Bewertungen wenig Erfahrung habe. Das Äquivalent dazu in der Französischen Skala liegt bei 8b+.

„Es bedeutet mir viel, dass ich mental wieder dazu in der Lage bin, solche Linien zu klettern.“

Simon Wahli

Die schnelle Begehung von Le Voyage hat beim Berner Profikletterer definitiv die Motivation geweckt, in Zukunft weitere Touren dieses Charakters zu probieren. „Es bedeutet mir viel, dass ich mental wieder dazu in der Lage bin, solche Linien zu klettern.“

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Credits: Titelbild Simon Wahli

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