Soline Kentzel gelingt erste weibliche Rotpunktbegehung von „La Darbellay“ (8a, 300 m)

Die Französin Soline Kentzel hat am 13. August die erste weibliche freie Begehung von „La Darbellay“ am Petit Clocher du Portalet (2985 m) realisiert. Die historische Trad-Mehrseillängenroute mit Schlüsselstellen im Bereich 8a und 7c+ kletterte sie an einem einzigen Tag.

Eine geschichtsträchtige Linie in der Nordwand

„La Darbellay“ gilt als die historischste Route an der Nordwand des Petit Clocher du Portalet. Die Gebrüder Darbellay eröffneten sie in den 1960er-Jahren. Nach drei einfacheren Seillängen folgt die Linie einem steilen Risssystem über rund hundert Meter, aufgeteilt in zwei außergewöhnliche Seillängen, sowohl was ihre Dimension als auch ihre Schönheit angeht.

Soline Kentzel in der 8a-Seillänge von „La Darbellay“ | Bild: Solveig Korherr

Die Schlüsselseillängen waren zwischenzeitlich mit Bohrhaken eingerichtet. Didier Berthod entfernte diese vor rund fünfzehn Jahren wieder. Heute lässt sich die Route vollständig clean klettern, abgesehen von einigen zweifelhaften Normalhaken aus der Zeit der Erstbegehung. Freie Begehungen sind bis heute selten.

Technische Kletterei auf feinem Granit

Die erste Schlüsselseillänge steht mit dem Grad 8a im Topo: 45 Meter durchgehendes Piazklettern, eine Klettertechnik, bei der durch Verlagerung des Körperschwerpunktes nach hinten und durch Zug der Hände an Seitgriffen Druck auf die Füße gebracht wird. Außerdem beschreibend für die Länge sind Fingerrisse, winzige Tritte und komplexe, filigrane Bewegungen – alles abgesichert mit sehr kleinen Klemmkeilen.

In der Crux von „La Darbellay“ | Bild: Seb Berthe

Die zweite harte Länge ist mit 7c+ bewertet und funktioniert völlig anders: 25 Meter Fingerriss, danach 15 Meter steiler, querender Riss. Die Klemmer werden zunehmend unsicherer, der Riss weitet sich stetig, bis am Ende der ganze Körper hineinpasst.

Vier Anläufe bis zum Erfolg

Der Weg dorthin zog sich über Wochen. Im Juni stieg Soline Kentzel erstmals mit Mathieu Miquel in die Route ein, in der Erwartung, das Projekt zügig abzuhaken. „Die Dimension der Kletterei, die Komplexität der Absicherung und das prekäre Gleichgewicht der Züge holten uns schnell ein. Die Sequenzen auszuarbeiten dauerte Stunden, aus denen Tage wurden“, schildert Kentzel.

Es folgte ein zweiter Anlauf mit Seb Berthe und mehrere gescheiterte Versuche an der 8a Seillänge. Beim dritten Mal, gemeinsam mit Eloï Peretti, gelang die Schlüsselseillänge endlich – 150 Züge in 30 Minuten, fehlerfrei ausgeführt. Doch in der zweiten harten Länge stürzte sie dreimal auf den letzten Metern. Der Riss war klatschnass.

Alles an einem Tag

Eine Woche später bot sich die letzte Gelegenheit. Der Plan des Teams sah ein Biwak auf dem Band vor, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Kentzel hatte insgeheim ein anderes Ziel: die gesamte Route an einem Tag. „Ich kannte jeden Zug, ich wusste genau, worauf ich mich konzentrieren musste – und Angst und Zweifel verschwanden. Ich legte meine Sicherungen mit vollem Vertrauen und kletterte weiter, fokussiert auf meine Atmung und die Balance meines Körpers.“

Ich holte Luft und stieß dann einen Schrei aus wie ein wildes Tier, bevor ich in die Passage einstieg. Ich hatte alle Emotionen herausgelassen. Jetzt hatte ich nur noch ein Ziel: weiterklettern.

Soline Kentzel

Nach 30 Metern zog sie durch die schwerste Passage, weit über dem winzigen Klemmkeil, der einen möglichen Sturz halten sollte. Zwei Stunden später stieg sie in die 7c+ ein und stand am selben Punkt wie beim letzten Mal. „Ich holte Luft und stieß dann einen Schrei aus wie ein wildes Tier, bevor ich in die Passage einstieg. Ich hatte alle Emotionen herausgelassen. Jetzt hatte ich nur noch ein Ziel: weiterklettern.“ Anschwellende Unterarme, die letzte Sicherung immer weiter unter sich, schmerzende Klemmer, die ihr die Haut von den Händen zogen: Kentzel kämpfte sich bis zum Rastpunkt durch. „La Darbellay“ war frei geklettert – zum ersten Mal von einer Frau.

Auch die Seilpartner verbuchen Erfolg

Mathieu Miquel und Eloï Peretti, die das Projekt gemeinsam mit ihr ausgearbeitet hatten, kletterten die 8a noch am selben Tag frei, die 7c+ am Folgetag. Zu dritt erreichten sie den Gipfel kurz bevor das Gewitter aufzog. Für Soline Kentzel hat die Begehung eine besondere Bedeutung: Am Petit Clocher du Portalet entdeckte sie vor fünf Jahren das Granitklettern für sich. „Hier habe ich meine ersten Handklemmer gesetzt, meine ersten Sicherungen gelegt und eine Leidenschaft entdeckt. Der große Platz, den dieser Berg in meinem Herzen einnimmt, ist noch ein Stück größer geworden – und die Geschichte ist sicher noch nicht zu Ende.“

Das Team am Gipfel: Soline Kentzel, Mathieu Miquel und Eloï Peretti. | Bild: Soline Kentzel

Der Petit Clocher du Portalet

Der Petit Clocher du Portalet steht im Unterwallis am Rand des Mont-Blanc-Massivs, zwischen dem Glacier d’Orny und dem Glacier de Saleina, und gilt als einer der begehrtesten Granitzähne der Westschweiz. Der Zustieg erfolgt meist von Champex-Lac über die Cabane d’Orny. Die bekannteste Linie der letzten Jahre ist „L’Histoire sans Fin“ (200 m, 8 Seillängen, bis 8b+) an der Nordostkante: Seb Berthe kletterte sie am 6. August 2021 erstmals frei, drei Tage später folgte Siebe Vanhee, im Juli 2025 gelang Camilla Moroni die erste Frauenbegehung. Dazu kommen Klassiker wie „Le chic, le chèque… le choc“ der Brüder Rémy (1986) und „L’esprit de clocher“ (1988) sowie die Nordwandroute „État de Choc“, die dem gleichen Bruchsystem folgt wie „La Darbellay“.

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Credits: Titelbild: Julia Cassou

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