Thomas Huber im Gespräch | Freiheit, Scheitern und Zwischenstufen zum Erfolg

Stets am Limit – das ist Extremkletterer, Bergsteiger und Bergführer Thomas Huber. Der 59-Jährige macht aus dem Scheitern eine Tugend, aus Rückschlägen Chancen und meisterte unzählige Herausforderungen. In seinem Buch »In den Bergen ist Freiheit« erzählt er über sein wildes Leben. Wir sprechen mit ihm über Freiheit, Scheitern und die Zwischenstufen zum Erfolg. 

Es ist doch das Spannendste überhaupt – Dinge zu tun, die wahrscheinlich nicht gelingen.

Thomas Huber

Bayerisch, wild & frei – Grenzgänger Thomas Huber 

Voller Energie und Leidenschaft, so begegnen wir Thomas Huber im herbstlichen Berlin. Ein ungewöhnliches Bild, der ältere der »Huberbuam« in der Großstadt. Gerade noch war er am Latok III im wilden Karakorum, um die Route »The Joy of my Life« zu befreien: 29 Seillängen pure Freiheit. Wir trafen ihn auf seiner Anschluss-Expedition im Großstadt-Jungle.

Thomas Huber in seiner Welt | Bild: Thomas Huber
Thomas Huber in seiner Welt | Bild: Thomas Huber

In der Hauptstadt kam das gesamte Athlet:innen Team von Adidas Five Ten für das Finale des Landesweiten Boulderwettkampfs »Get High« der Urban Apes zusammen. Ein cooles Community-Event der Boulderhallenkette, inklusive zwei Tage Bouldern mit den Profis. »Janja Garnbret, Will Bosi und David Graham sind da. Und von denen lasse ich mich inspirieren – auch wenn die in einer komplett anderen Liga klettern, schaue ich mir immer wieder was ab.« Erzählt Huber bescheiden. 
Bekannt ist Thomas an der Seite seines Bruders Alexander für spektakuläre Erstbegehungen, Speedrekorde und ein Leben zwischen Gipfeln und Granit. 

Thomas mit dem Five Ten Team | Bild: Niklas Höllmer

Das Interview – Freiheit, Ungewissheit und Zwischenstufen zum Erfolg

Lacrux: Normalerweise findet man dich in hohen Granitwänden. Wie fühlst du dich hier in der Boulderhalle am Plastik?

Thomas: Ich fühle mich in der Boulderhalle immer gut. Da kommen Leute zusammen. Das, was Bergsteigen und Klettern eigentlich ausmacht, ist nicht nur der Sport, sondern es ist die Gemeinschaft. Die Stadt da draußen, da fühle ich mich verloren. Aber hier in der Boulderhalle, da fühle ich mich wohl – unter Gleichgesinnten. Mein Weg geht zwar tatsächlich mehr zu den großen Bergen – das ist wirklich meine Welt. Aber ich fühle mich hier auch wohl. 

Lacrux: Du redest viel über Gemeinschaft. Was macht die Kletter-Community für dich so besonders?

Thomas: Am Anfang war da natürlich der Vater: unser großes Vorbild! Und die Bücher, die wir gelesen haben, über Wolfgang Güllich, Reinhard Karl, etc. So wie die wollten wir sein, da haben wir uns praktisch eine künstliche Community aufgebaut. 
In der Gemeinschaft haben wir uns immer aufgehoben gefühlt: Erst war es der DAV Trostberg, dann die Jugendmannschaft in Traunstein und dann die große Gemeinschaft, die nach wie vor diese Power in mir weckt, die »Stone Monkeys« (eine Klettergruppe Anm. d. Red.).
Ein Stone Monkey zu sein bedeutet unkonventionell zu sein, wild, nicht gesellschaftskonform. Wir sind Rebellen. Und klar, ich bin Familienvater. Eigentlich muss ich gesellschaftsfähig sein. Aber es gibt Momente im Jahr, da trete ich aus dieser Gesellschaft ein bisschen raus und bin wieder ein Stone Monkey. Und das ist einfach gigantisch.

Das Expeditionsteam am Choktoi Jon Griffin, Tad McCrea und Thomas Huber | Bild: Thomas Huber

Lacrux: Was bedeutet für dich das Wort Freiheit?

Thomas: Sich mit der Natur verbinden zu dürfen. Das ist ein unfassbares Geschenk. Aber es braucht auch einem langen Weg dahin. Wenn wir etwa ein Projekt klettern, dann entsteht danach vielleicht der kurze Moment der Freiheit, wenn man sich ein Bier aufmacht und sagt »Prost, jetzt haben wir’s geschafft! Gratulation, super gemacht.« Aber wie geht es dann weiter? Wir sind alle in unserem Wahnsinn gefangen, wieder weiterzugehen. Wo steckt dann diese Freiheit? 
Reinhard Karl und Reinhold Messner haben immer davon gesprochen, dass »der Berg der Spiegel unserer Seele ist.« Ich habe dann gemerkt, dass genau in diesem Pathos unsere Nichtfreiheit verankert ist. Denn wenn der Berg der Spiegel unserer Seele ist, dann sehe ich ja nicht mehr den Berg, sondern nur mich selbst. Und aus lauter Zorn darüber habe ich dann gedanklich einen Stein genommen und gegen diesen verdammten Spiegel geschleudert. Dann zerbricht der Spiegel gedanklich und auf einmal bin da nicht mehr ich, sondern nur noch der Berg. Und dadurch habe ich erkannt: Wenn du dein Ego auf die Seite stellst und einfach nur den Berg als Berg nimmst, dich mit der Natur verbindest, dann kannst du in jedem einzelnen Kletter-Move die Freiheit erleben. Dann musst du nichtmal ganz oben stehen.

Lacrux: In deinem Buch schreibst du, Scheitern ist eine Zwischenstufe zum Erfolg. Kannst du das ausführen?

Thomas: Für mich existiert das Wort Scheitern schon lange nicht mehr. Es ist ein Prozess. Es kann nie gerade nach oben gehen. Wer gerade nach oben geht, der hat seine Limits einfach irgendwo beiseite gelegt und geht den einfachsten Weg. Es gibt immer wieder Momente, wo es einfach mal runter geht. Und selbst dieses Runtergehen ist eigentlich der Schritt, um am Ende ganz oben zu sein. 
Berge sind schroff, da geht es rauf und runter. Durch Täler, durch Abgründe, durch Steilwände. Und es ist doch das Spannendste überhaupt – Dinge zu tun, die wahrscheinlich nicht gelingen. Das ist das, was dich voll herausfordert. Vielleicht gibt es irgendwann den einen Moment, der mir sagt, dieser Berg, diese Wand ist nicht für mich. Das ist dann auch wieder ein Prozess und dann kann ich sie beiseitelegen. 

Lacrux: Was ist deine Philosophie beim Bergsteigen? 

Thomas: Da möchte ich gleich einen Freund mit ins Boot holen,  der nicht mehr da ist: Dean Potter. Er hat gesagt: »Was wir tun, ist nicht Extremsport, sondern Kunst.« Diese unfassbar wilde Natur, in Verbindung mit dem Menschen. Wir Menschen entblättern dem Berg eine Linie. Und diese Linie erzählt unsere Geschichte. Das ist einfach eine wunderbare Form von künstlerischer Arbeit. Wir brennen für unser Ziel, aber das höchste Gut ist das Leben. Ich bin immer den Weg gegangen, den mein Herz vorgibt und habe mich nicht verbiegen lassen. Und wenn mir jemand gesagt hat: »Du bist verrückt, das schaffst du nicht!«, dann hab ich entgegnet, verrückt sein ist gesund und gut. Für mich ist es das Allerschönste, zu planen, zu packen und in die Berge zu gehen – natürlich kommt da noch ein schmerzhafter Abschied hinzu, von meinen Liebsten, meiner Frau, meinen Kindern und dem Torre, meinem Hund.

Ich muss ganz ehrlich gestehen, in mir steckt immer noch so ein junger Lausbub und für mich ist es das Allerschönste, zu planen, zu packen und in die Berge zu gehen.

Thomas Huber

Lacrux: Du bist Familienvater, hat das Vater werden etwas an deinem Umgang mit dem Bergsteigen verändert? 

Thomas: Na klar ändert das was. In dem Moment, als unser erster Sohn da war, hat sich schon was verändert. Plötzlich gehst du nicht mehr in die Wirtschaft, ehe du aufbrichst, trinkst ein Bier und sagst zu deinen Spetzln »Servus«. Du verabschiedest dich von deiner Familie. Und du kommst dann auch wieder nach Hause – zu deiner Familie. Das alleine verändert so vieles, weil du genau weißt: Schau wirklich noch einmal auf deinen Knoten und den nächsten Schritt. Weil zu Hause jemand wartet. Du hast plötzlich viel größere Verantwortung. Manche gehen in die Berge, um als Held zurückzukehren. Ich gehe in die Berge, um lebendig zurückzukehren. Das ist für mich das Entscheidende. Das ist für mich der echte Alpinismus. Dass wir für unser Ziel brennen, aber das höchste Gut das Leben ist.

Auf dem Weg zum Fels mit Hund Torre | Bild: Thomas Huber

Lacrux: Viele Menschen können Alpinismus oder Extrembergsteigen nicht wirklich nachvollziehen. Wie, meinst du, kann man diesen Menschen erklären, wieso sich Bergsteigende wissentlich so einer Gefahr aussetzen?

Thomas: Ich kann viele verstehen, die einfach sagen, wir sind komplett durchgeknallt. Dass das ein unverantwortliches Leben ist, das wir führen. Aber jeder, der am Ende mein Buch liest oder auf unsere Vorträge geht, der versteht es danach. Der geht danach hinaus und entdeckt, dass das Leben ein unfassbares Geschenk ist.
Ich brauche es nicht, dass die Leute mich bewundern, ich gehe in die Berge, weil es mir dort gut geht. Die Leute denken oft, wir riskieren ständig unser Leben – und ein Stück weit stimmt das auch. Aber für mich fühlen sich die Berge wie mein Zuhause an, eine harte, aber absolut ehrliche Welt, in der ich funktioniere. In der »normalen« Welt dagegen stehe ich oft vor viel größeren Herausforderungen wie Neid oder Missgunst – deshalb gehe ich lieber in die Berge, wo ich weiß, woran ich bin.

Lacrux: Wenn du an deine Zukunft denkst, gibt es da noch Berge und Wände, die dich reizen? 

Thomas: Jeder, der mich kennt weiß ganz genau, wie diese Berge heißen. Ich bin mir relativ sicher, dass ich wieder nach Patagonien fahren werde und auch wieder nach Pakistan. Da stehen noch ein paar Dinge rum, die mich schon das ganze Leben lang reizen und die mich auf meinem Weg begleiten. 

Lacrux: Letzte Frage: Du singst in der Band »Plastic Surgery Disaster« – Wie geht es an der Front weiter? 

Thomas: Ja genau, wir spielen seit 25 Jahren zusammen. Wir schreiben alle unsere Songs selbst. Ich bin Sänger, da mache ich meistens die Texte, deshalb geht es sehr viel darum, was mich beschäftigt. Es könnte sein, dass wir nächstes Jahr am Petzl Rock Festival in Nürnberg live zu sehen sind. Für den Fall üben wir heute schon. 

Thomas Huber am Mikrofon | Bild: Thomas Huber
Thomas Huber am Mikrofon | Bild: Thomas Huber

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Credits: Bilder von Thomas Huber und Niklas Höllmer

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