Will Bosi hat vergangene Woche als dritter Mensch der Welt die Crux von »Silence« (9c) gemeistert. Bekommt Adam Ondras Meisterwerk dieses Jahr endlich seine erste Wiederholung?
Unglaubliche neun Jahre ist es her, dass Adam Ondra am 3. September 2017 in Flatanger mit »Silence« die erste 9c der Welt eröffnete. Der Tscheche selbst bezeichnete die Linie in der Hanshelleren-Höhle als »Projekt seines Lebens« und schwerer als alles, was er bisher geklettert sei.
Kein Wunder also, dass sich in den Jahren seit Ondras historischem Durchstieg nur eine kleine Handvoll Spitzenkletterer an »Silence« überhaupt versucht hat.
Profis am Limit: Diese Kletterer haben »Silence« schon probiert
Der erste in dieser kurzen Reihe: Stefano Ghisolfi. Der Italiener reiste 2022 zum ersten Mal nach Flatanger und probierte seitdem jedes Jahr das Projekt. 2024 gelang ihm als erstem Kletterer nach Ondra die Schlüsselstelle der Route – ein Boulderproblem, für das Ondra 8C vorgeschlagen hatte. Ghisolfi nutzte dafür eine etwas andere Beta als der Erstbegeher.
Auch Pete Whittaker von den »Wide Boyz« hatte im Jahr 2020 die erste 9c der Welt zeitweise probiert. Sein Ziel: nicht der Durchstieg, sondern herauszufinden, ob sich seine Rissklettertechnik auf die Crux anwenden lässt (ließ sie sich nicht). Der dritte und letzte im Bunde der bisherigen »Silence«-Aspiranten: der schottische Kletterer und Boulderer Will Bosi.
Mai 2026: Bosi gelingt Schlüsselstelle von »Silence«
Ende Mai war die Aufregung groß: Will Bosi verkündete auf Instagram, dass ihm die Crux von »Silence« gelungen ist – wir haben das Video unten eingebettet. Für die Boulder-Schlüsselsstelle vergab der 27-Jährige sogar ein Upgrade von 8C auf 8C+.
Die Sequenz bezeichnete Bosi als »einen der schwersten Boulder meines Lebens«. Zum Vergleich: Der Schotte hat bereits fünf 9A-Boulder geklettert, darunter auch den legendären »Burden of Dreams«. Mit »Excalibur« (9b+) steht außerdem eine der schwersten Kletterrouten der Welt auf seiner Tickliste.
Ein großer Meilenstein, wenn auch nur ein kleiner Teil der ganzen Route.
Will Bosi
Bosi ist bereits seit einigen Wochen in Norwegen – sein zweiter Trip dorthin seit 2025. 20 Sessions hatte es gedauert, bis er das zentrale Boulderproblem der Route bewältigen konnte. Auch Adam Ondra, der mittlerweile vier 8Cs geflasht hat, benötigte mehrere Trips, um diese Einzelstelle auszutüfteln.
Fühlt sich die Linie jetzt möglich an, nachdem die Crux geklappt hat? Bosis Antwort: Ja – aber es steht noch viel Arbeit bevor.
Die Schwierigkeit von »Silence« im Breakdown
Schon Anfang des Jahres hatte Will Bosi verkündet, dass er 2026 ganz seinem Projekt »Silence« widmen will. Dass es mit dem Ausbouldern der Crux nicht getan ist, zeigt ein genauerer Blick auf die Route, die sich in sechs Abschnitte unterteilen lässt.
»Silence« ist etwa 45 Meter lang und verläuft durch das teils stark überhängende Höhlendach. Sie besteht aus sechs Kletter- und Boulder-Sequenzen, für die Will Bosi und Adam Ondra jeweils detaillierte Grade vorgeschlagen haben:
- Teil 1: 8b+ (Route), ca. 20 Meter
- Gute Ruheposition
- Teil 2: 6C/7A+ (Boulder), 5 Züge
- Mittelgute Ruheposition
- Teil 3: 8C/+ (Boulder), 10 Züge
- Mittelgute Ruheposition
- Teil 4: 8A+/8B (Boulder)
- Schlechte Ruheposition
- Teil 5: 7C+ (Boulder)
- Gute Ruheposition
- Teil 6: 6B/6C (Boulder), 5 Züge
Laut dem Schwierigkeitsrechner Darth Grader ergibt diese Abfolge von Sequenzen sogar den Grad 9c/+ – ein erneuter Beweis dafür, wie hart »Silence« als ganze Route wirklich ist.

Das Warten auf die erste 9c-Wiederholung
»Silence« wurde als erste 9c (5.15d) der Welt begangen und ist eine von fünf Kletterrouten, für die dieser Grad derzeit im Raum steht. 2022 kletterte Seb Bouin »DNA« in der Verdonschlucht, 2023 beging Jakob Schubert »Project BIG« in Flatanger. Auch 2025 und 2026 gab es jeweils eine neue 9c: Sean Baileys »Duality of Man« im Dry Canyon in Arizona und Jorge Díaz-Rullos »Café Colombia« in Margalef.
Keine der fünf 9cs wurde bisher wiederholt. Die Versuche von Spitzenkletterern in solchen High-End-Routen sind extrem rar gesät. 2023 etwa versuchten sich Jakob Schubert und Adam Ondra gemeinsam erstmals an »DNA« – aktuelle Updates gibt es seitdem keine.
Für Will Bosi geht es in »Silence« jetzt nicht mehr um das Ausbouldern, sondern an erste Durchstiegsversuche. Gut möglich ist auch, dass er dieses Jahr auch wieder Gesellschaft von Stefano Ghisolfi bekommt. Der Italiener hat die vergangenen Monate intensiv an seinem Boulder-Portfolio gearbeitet und zahlreiche Probleme im Grad 8C und sogar 8C+ abgehakt.
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Credits Titelbild: Will Bosi

