Sechs Jahre nach ihrem ersten – und vermeintlich letzten – Besuch gelingt Katherine Choong am 27. Juli die Rotpunktbegehung von „Yeah Man“ (8b+) an der Nordseite des Grand Pfad. Die Schweizerin kletterte die neun Seillängen an einem Tag, sämtliche Längen im achten Grad im Vorstieg.
„Yeah Man“ gehört zu den härtesten und schönsten Mehrseillängenrouten der Schweiz. Neun Seillängen, rund 350 Meter kompakter Kalk in den fribourgischen Gastlosen, mit vier Längen im achten Grad, davon eine 8b+ als Schlüssellänge. Wer die Route punkten will, muss in den unteren Seillängen haushälterisch mit den eigenen Kräften umgehen und oben trotzdem noch liefern. Kathrine Choong ist das gelungen.

„Ich war überzeugt, nie zurückzukommen“
2020 hing die Westschweizerin zum ersten Mal in der Route. Damals verließ sie die Wand mit einer klaren Meinung. „Die vier Längen im achten Grad fühlten sich unmöglich an. Die Züge waren für mich schlicht zu weit, ohne Alternative“, so Choong, die 158 Zentimeter misst.
Trotzdem ließ sie die Linie nicht los. 2025 kehrte sie mit Cédric Lachat – der Yeah Man 2019 im Rahmen von „Swissway to Heaven“ geklettert hatte – zurück an die Wand, um nach eine Beta zu finden, die zu ihrer Reichweite passt. Vor allem in der 8a-Platte wurde alles Erdenkliche ausprobiert. Die Züge klappten weiterhin nicht. Aber etwas hatte sich verschoben: „Zum ersten Mal fühlte es sich nicht mehr unmöglich an, sondern nur noch unglaublich schwer.“

Zwei Wochen, viele Zweifel
Anfang Juni 2026 bezog Choong für zwei Wochen Quartier in den Gastlosen. Die eigene Beta zu finden dauerte lange und an den Durchstieg war weiterhin nicht zu denken. „Ich begann, an mir zu zweifeln – dieses Hochstapler-Gefühl, das mir manchmal in den Sinn kommt. Ich fragte mich, warum ich mich als ‚Profisportlerin‘ derart abmühe und die Route in zwei intensiven Wochen nicht klettern kann.“
Es folgte die Rückkehr in den Alltag, in die Arbeit – und an den Wochenenden, wenn es das Wetter zuließ, zurück in die Wand.
Regen und Nebel zum Durchstieg
Der 27. Juli fühlte sich zunächst nicht nach dem Tag an. Choong kämpfte bereits in den ersten Seillängen. Dann kamen leichter Regen und Nebel hinzu und die 8a-Platte in der sechsten Seillänge wurde spiegelglatt. Dreimal stürzte sie dort – an einer Stelle, an der sie zuvor nie gefallen war. Im vierten Versuch ging es durch.

Am Einstieg der 8b+ in der achten Seillänge war sie überzeugt, dass die Sache gelaufen sei. Ihr Seilpartner Jim Zimmermann startete einen starken Versuch und stürzte knapp unter dem Umlenker. „Ich war so beeindruckt von Jims Einsatz, dass ich nicht einfach aufgeben konnte, auch wenn ich müde war“, schreibt Choong. „Zug um Zug kämpfte ich weiter, schüttelte an jedem Griff, meine Arme schrien mich an loszulassen – aber mein Kopf weigerte sich.“

In der aller letzten Seillänge, in welcher sie eine Woche zuvor gestürzt war, hörte sie drei Freundinnen und Freunde von unten anfeuern. „Das gab mir die Kraft weiterzumachen. Und irgendwie kam ich oben an.“ Sämtliche Seillängen im achten Grad kletterte Choong im Vorstieg, die übrigen Längen teilte sich das Duo.
Zur Route
„Yeah Man“ wurde 1999 von den Bergführern François Studemann und Guy Scherrer an der Nordwand des Grand Pfad in den Gastlosen eingebohrt. Die Einzellängen wurden 2004 von Josune Bereziartu und Rikar Otegi frei geklettert, die erste Rotpunktbegehung an einem Tag gelang 2010 dem 2011 am Eiger verunglückten Giovanni Quirici. Später folgten unter anderem Cédric Lachat (2019), Siebe Vanhee (2019), Lukas Sager (2021) und Nina Caprez (2023).
Seillängen: 7a+, 7b+, 7b+, 7c, 8a+, 8a, 8a, 8b+, 7a

Die schweizer Bigwall-Königin
Katherine Choong (34) ist die erste und bislang einzige Schweizerin, die eine 9a geklettert ist: 2018 mit „Cabane au Canada“ im Rawyl, 2019 gefolgt von „Jungfraumarathon“ in Gimmelwald. Nach 15 Jahren im Schweizer Nationalteam – 2009 wurde sie Jugend-Weltmeisterin – verabschiedete sie sich Ende 2021 vom Wettkampf, um sich ganz auf den Fels zu konzentrieren. Seither hat sie sich vor allem in langen Routen einen Namen gemacht: 2024 gelang ihr die erste Frauenbegehung von „Zahir“ (8b+, 300 m) an den Wendenstöcken, 2025 jene von „Piz Dal Nas“ (8b, 500 m) an der Titlis-Nordwand.
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Credits: Titelbild: Rémi Degenne (@rem.dgn)

