Mit dem Challenger 28 steigt La Sportiva in eine Kategorie ein, die man der Marke bisher nicht zugeordnet hat: technische Rucksäcke. Ich habe ihn fünf Tourentage lang mitgenommen, auf die Arête des Cosmiques und ins Alpinklettern.
Chamonix, das alpine Mekka und Hauptziel für viele Alpinist:innen während der Hochtouren Saison. Die Campingplätze sind gefüllt und wohin man schaut sieht man Seile, Trad-Sets, Eisäxte und Steigeisen. Sport-, Trad- und Mehrseillängen warten in den diversen Klettergebieten darauf begangen zu werden und die Aiguille du Midi ist einer der beliebtesten Ausgangspunkte für viele Routen direkt im hochalpinen Gelände. Zu den bekanntesten Klassikern zählen der Cosmique-Grat, die Trois-Monts-Route auf den Mont Blanc sowie die Überschreitung der Aiguille d’Entrèves. Wir haben uns für den ersten der Klassiker entschieden, ehe es uns in die alpinen Mehrseillängen der Region gezogen hat. Der Challenger war uns dabei ein klasse Begleiter und wir erklären euch sehr gern wieso.

Wohin soll’s gehen?
Um 6:30 Uhr stehen wir an der Seilbahn der Midi. Chamonix liegt im Morgenlicht, das rechtfertigt schon das frühe Aufstehen. Mit einer der ersten Seilbahnen kommen wir an der Bergstation an. Zu der Zeit sind hier oben nur wenige Tourist:innen, dafür aber einige Seilschaften die sich gleich auf diverse Touren verteilen werden. Wir starten über den Grat zum Gletscher. Hier merken wir, dass die Tourensaisons sich verändern. Trotz unseres frühen Starts ist es sulzig. Der Ausblick ist atemberaubend. Wir blicken auf die umliegenden Bergketten, unter anderem auf die Grandes Jorasses. Sogar das Matterhorn in der Ferne ist sichtbar. Jetzt geht es über den Gletscher bis zum Einstieg der Cosmique. Strahlender Sonnenschein und traumhafte Sicht. Ein gelungenes Willkommen in den französischen Alpen.

Material aus dem Kitesurfen findet zum Alpinismus
Das Erste, was am Challenger auffällt, ist der Stoff. Challenge Sailcloth Ultra stammt aus dem Segel- und Kitesport, besteht aus recyceltem UHMWPE mit hochfestem Polyester und fühlt sich in der Hand an wie etwas, das man eher an einem Boot als an einem Rucksack erwartet: dick und steif. La Sportiva kombiniert die schwerere 400er-Variante an Korpus und Boden mit der leichteren 200er an Front und Rolltop.
Beim ersten Packen hat mich genau das etwas irritiert. Der Rucksack lässt sich nicht so beiläufig vollstopfen wie ein weiches Nylonmodell, er will, dass man ihm etwas Ordnung gibt. Nach zwei Touren war aber klar: Das ist kein absolut kein Nachteil. Die Formstabilität sorgt dafür, dass der Rucksack auch halb leer seine Form behält und nicht zum Sack zusammenfällt. Er steht, wenn man ihn abstellt und verzieht sich nicht.
Außerdem ist er erstaunlich leicht für das, was er aushält. Nach fünf Tagen inklusive Fels, Firn und mehreren Regentagen finde ich keine nennenswerte Abnutzung: keine Scheuerstellen, keine offenen Nähte, keine hakenden Reissverschlüsse. Nass geworden ist er mehrfach, gestört hat es weder ihn noch den Inhalt.




Bilder oben: Die Details des Challenger 28. Modularität ist hier Programm. Stecksystem unten, Gummizug oben, Seilfixierung über die Riemen. ; unten: Seitlicher Zugriff auf die Zwischenschicht – mit dem Reisverschluss an der Seite kommt man schnell an alle Fächer des Rucksacks.
Ein Tragesystem, das überzeugt
Der Hüftgurt trägt sich wirklich sehr gut. Auch mit spürbar Gewicht im Rucksack bleibt der Tragekomfort da, wo andere Modelle in dieser Gewichtsklasse anfangen, sich an den Schultern bemerkbar zu machen.
Der thermogeformte Rücken hat einen herausnehmbaren Versteifungseinsatz. Ohne ihn wird der Rucksack deutlich weicher und schmiegsamer. Ich habe ihn nach kurzem Ausprobieren wieder eingesetzt: Die zusätzliche Steifigkeit macht den ganzen Rucksack zwar merklich starrer, aber sie überträgt die Last sauber auf den Hüftgurt. Wer sehr leicht unterwegs ist oder maximale Bewegungsfreiheit will, hat hier eine Wahl, was den Rucksack auszeichnet.

Passform: kein Problem für kleine Menschen
Ich bin 1.60 m groß, habe einen kurzen Rücken und eine schmale Statur. Der Challenger kommt in nur einer Rückenlänge. Nach dieser Ansage habe ich kurz geschluckt, wurde aber sehr positiv überrascht.
Der Hüftgurt sitzt bei mir perfekt auf dem Becken, nicht in der Taille. Die Schultergurte lassen sich weit genug kürzen, der Brustgurt ist in der Höhe verstellbar. Der Rucksack liegt an, ohne zu wackeln.
Modularität statt Featureliste
Was mir am Challenger 28 wirklich gefällt, ist seine Modularität. Sämtliche Außenriemen und Gummikordeln sind abnehmbar. Die Möglichkeit, den Rucksack für eine schnelle Route auf das Nötigste zu reduzieren, ist ein sinnvolles Feature und macht den Rucksack zu einem starken Allrounder.
Konkret im Einsatz bewährt hat sich:
- Eisgeräte: Zwei Pickel oder Eisäxte finden Platz, gehalten von einem Stecksystem unten und Gummizügen oben. Schnell zu montieren, sitzt bombenfest.
- Seil- und Helmbefestigung: Beides klasse gelöst. Der Helmhalter wird über die Daisy Chain auf der Front eingeklinkt – dieselbe Schlaufenleiter, an der auch die übrigen Riemen hängen.
- Rolltop: Für mehr Packvolumen kann man den Rolltop oben zusammen clipsen, ist der Rucksack etwas leerer, können die Schnallen an den Seiten verschlossen werden, so hat der Kopf mehr Bewegungsfreiheit. Gerade mit Helm in der Wand ist das sehr angenehm.
- Zweigeteiltes Hauptfach: Ein Kordelzug trennt das Hauptfach, beide Abteile sind über wasserabweisende YKK-Reissverschlüsse seitlich zugänglich. In meiner Zwischenschicht lagen auf unserer Hochtour Handschuhe und Buff – griffbereit, ohne den ganzen Rucksack ausräumen zu müssen.
- Hüftgurttasche: Perfekt für Riegel oder Sonnencreme.
- Ski- und Snowboardhalterung: Habe ich im Sommer nicht testen können. Dass Splitboarder:innen mitgedacht wurden, freut mich aber, das teste ich in der Saison nach.

Kleine Kritik:
Der Challenger hat kein Trinksystem, weder eine Trinkblasenhülle noch einen Schlauchdurchlass. Bei einem Rucksack, der explizit für Skitouren beworben wird, halte ich das für ein echtes Manko. Auf einer langen Skitour will ich nicht jedes Mal den Rucksack abnehmen, um zu trinken. Warum ein derart durchdachtes Modell ausgerechnet hier spart, erschließt sich mir nicht. Man kann zwar Tricksen und den Rückeneinsatz heraus nehmen um dort eine 1.5L Trinkblase zu verstauen, dann muss man den Schlauch aber trotzdem durch den Rolltop fädeln, was nicht Ideal ist.
Für wen lohnt sich der Challenger 28?
Der Challenger 28 ist ein bemerkenswert ausgereiftes Erstlingswerk. Er trägt besser als die meisten anderen Tourenrucksäcke, die ich bisher auf dem Rücken hatte, er ist modular ohne überladen zu sein, er hält, was das Material verspricht, und er passt selbst mir mit 1.60 m und kurzem Rücken. Für Hochtouren reichen die 28 Liter gut und für eine mehrtägige Skitour, würde ich vermuten, kommt man ebenfalls gut hin mit den 32 Litern des ausgerollten Rolltops. Mit 320€ liegt er definitiv ganz vorn, was die Preisgestaltung eines Alpinrucksacks angeht. Er ist deutlich teurer als die klassischen Nylonmodelle, mit denen die meisten von uns unterwegs sind. Rechtfertigt das Material den Aufpreis? Teilweise. Ultra-Gewebe sind in der Beschaffung teuer, und was der Stoff an Robustheit bei diesem Gewicht liefert, liefern klassische Nylons in dieser Kombination nicht. Wer den Rucksack fünf Saisons hart nutzt, macht vermutlich die bessere Rechnung. Wer zweimal im Jahr auf Hochtour geht, findet für die Hälfte des Geldes einen Rucksack, der es auch tut.
Auch im Alpinklettern ein solider Begleiter
Die restlichen Tage verbringen wir auf der anderen Talseite. Klettern am Col des Montets, wo der Fels noch kühl ist, an der Aiguilles Rouges auf rotem Granit und in mehreren Mehrseillängen im Flégère. Auch hier hat der Challenger den Härtetest bestanden: Er wird etwas kleiner gepackt, die Eisgeräte kommen ab, die Riemen bleiben dran. Die Seile lassen sich erstklassig oben drauf befestigen und das vordere Fach wird der Schnellzugriff für Snacks am Stand. Für uns bleibt ein Fazit: Der Challenger ist ein solider Begleiter in den französischen Alpen.

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Credits: Alle Bilder: Lacrux

